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Die Erwartung, es gäbe nur eine Perspektive, erschwert die Begegnung mit Welt erheblich.
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Die Erwartung, es gäbe nur eine Perspektive, erschwert die Begegnung mit Welt erheblich.

Kulturbetrieb

Franziska Nori: „Kunst kann Visionen entwerfen. Aber wirkliche Veränderungen muss die Politik machen“

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Franziska Nori, Leiterin des Frankfurter Kunstvereins, über Wege, die die Kunst aufzeigt, Entscheidungen, die die Politik durchsetzen muss – und das Hoffnungssignal, 8000 Quadratmeter Erde der Natur zurückzugeben.

Frau Nori, Sie leiten den Frankfurter Kunstverein und haben zugleich das Lerchenfeld in Niederursel in ein Stück Natur zurückverwandelt.

Vor zehn Jahren habe ich gemeinsam mit dem Naturschutzbund und dem BUND beschlossen, diese 8000 Quadratmeter große Agrarwüste, wie ich es einmal nennen will, zu renaturieren. Mir war klar, dass man damit nicht die Welt verändert, aber ich wollte ein Hoffnungssignal setzen.

Das Gelände gehört Ihrer Familie?

Ich bin in Rom geboren und aufgewachsen, und erst später kam es über meine deutsche Großmutter an mich. Vielen erschien mein Plan unrealistisch, illusorisch, aber ich fand Mitstreiterinnen und Mitstreiter, und die Natur hat uns bewiesen, dass Hoffnungsprojekte durchaus sinnvoll sind. Das Leben ist zurückgekehrt. Zugvögel begannen hier zu nisten. Morgens, hat uns ein Bauer erzählt, ist ein Reh zu sehen.

In welchem Verhältnis stehen Kultur und Natur heute zueinander?

Das Begriffspaar Kultur – Natur befindet sich in einem starken Wandel. Der hierarchische Gedanke löst sich auf, der den Menschen als Krone der Schöpfung und in einem Gegensatz zur Natur betrachtet hat. In unserer neuen Nachwuchs-Ausstellung „And This is Us 2021“ sind es gerade die jungen Künstlerinnen, die sich intensiv mit dem Verhältnis von Mensch und Mitlebewesen auseinandersetzen.

Franziska Nori (52), wurde in Rom geboren, hat in Frankfurt studiert, war Direktorin des Centro di Cultura Contemporanea Strozzina am Palazzo Strozzi in Florenz und leitet seit 2014 den Frankfurter Kunstverein, der 2019 den Binding-Kulturpreis erhielt und zurzeit die Schau „And This is Us 2021 – Junge Kunst aus Frankfurt“ zeigt.

Wo finden Sie selbst die Beste aller Welten?

Ich bin nicht auf der Suche nach der Besten aller Welten. Die Vielzahl aus den unterschiedlichen Welten, das ist das, was mich interessiert. Die wissenschaftlichen Welten – denn die Wissenschaft ist ja auch nicht homogen – bieten viele hochinteressante Lesarten von Realität. Ebenso die Kunst, die Natur. Die Erwartung, dass es nur eine Sichtweise gäbe, ist eine sehr schwierige Voraussetzung für die Begegnung mit Welt. Genau dazu ist Kunst in der Lage: hinauszufinden aus der eigenen Sichtweise.

Gibt es gegenwärtig umgekehrt einen Drang nach einfachen Antworten?

Das höre ich heute oft. Ich frage mich dann, ob das stimmt und ob es gestern wirklich anders war. Meiner Ansicht nach profitiert die Zivilgesellschaft heute von der Möglichkeit des Zugangs zu immensen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Informationen. Das ist vor allem ein großer Reichtum, auch wenn er voraussetzt, dass man mit der Komplexität umzugehen lernt.

Spüren Sie eine Veränderung für Ihre Arbeit durch ein sich veränderndes gesellschaftliches Klima?

Kunst geht immer auf die Themen ihrer Epoche ein. Nur vergisst man in der retrospektiven Betrachtung vielleicht den historischen Kontext. Und ich will auch an dieser Stelle fragen: Waren die Töne der gesellschaftlichen Debatten früher so viel versöhnlicher? Ich glaube, eher nicht. Ich bin keine Freundin der Sätze „Früher war alles besser“ oder „Früher war alles anders“. Realistischer erscheint mir zu erkennen, dass das Heute letztlich nicht anders ist, als es immer war, aber in der Aktualität des eigenen Moments.

Wird in der jungen Kunst, wie Sie sie jetzt hier zeigen, Geschichte mitgedacht?

Vor allem werden nichtwestliche Kulturen auf eine neue Weise mitgedacht. Man hat begriffen, dass es schwierig ist, Bedeutung und Weltgeschichte nur durch das Prisma der eigenen Kultur zu lesen. Das geschieht im Moment erfreulicherweise in ganz vielen Bereichen, der Genderdebatte, der Kolonialismusdebatte und eben auch dem Blick auf Geschichte unter verschiedenen Lesarten.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden.Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um Arbeitspolitik. Sie erscheint am Dienstag, 8. Juni.

Zuletzt erschienen: eine Folge zum Schwerpunkt Ernährung am Dienstag 1. Juni

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/Bundestagswahl

Kann Kunst die Welt retten?

Vor wem?

Vor der Schlechtigkeit des Menschen?

Auch Kunst wird von Menschen gemacht, insofern halte ich das für schwierig.

Kann Kunst etwas gegen die Zerstörung der Welt durch den Menschen ausrichten?

Kunst kann Visionen entwerfen, Wege aufweisen. Aber wirkliche Veränderungen, zumal von der extremen Dringlichkeit etwa des Klimaschutzes: Das muss die Politik machen. Das kann sie auch nicht auf das Konsumverhalten des einzelnen abwälzen.

Braucht Kunst auch einen geschützten Raum?

Kunst braucht auf jeden Fall eine Bühne der Aufmerksamkeit, einen Resonanzkörper. In der Pandemie wurden Kunst und Kultur zu Freizeitveranstaltungen erklärt. Aber mein Eindruck ist, dass über die Dauer der 18 Monate auch verstanden wurde, dass Kultur das eben nicht ist. Und dass eine Gesellschaft in Partikularinteressen und Subgruppierungen auseinanderfällt, wenn sie fehlt. Der Diskurs in privaten Räumen von Bildschirm zu Bildschirm ersetzt nicht den gemeinschaftlichen kritischen Diskurs in einem öffentlichen Raum.

Wie blicken Sie persönlich auf Angela Merkel, deren Amtszeiten als Kanzlerin weit vor Ihrer Rückkehr aus Italien und Ihrem Antritt hier am Kunstverein begonnen haben?

Gerade mit der unauffälligen Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Amt bekleidet, hat Angela Merkel sehr viel für uns Frauen getan. Ihre erste Kandidatur war von einer Häme begleitet, auch von Bodyshaming in einer Offenheit, die wir uns heute kaum noch vorstellen können, obwohl es nicht lange her ist. Auch Annalena Baerbock ist zum Teil wieder damit konfrontiert, aber es gibt Gegenwind und ein Bewusstsein dafür.

Ein Blick nach vorne: Was sollte die neue Bundesregierung unbedingt als erstes unternehmen?

Ich möchte konkret antworten. Eine Agrarreform. Eine Agrarreform, die zur Kenntnis nimmt, dass die europaweite Agrarpolitik zu unserem heutigen Wissen über das Zusammenspiel von Lebenskreisläufen überhaupt nicht mehr passt. Die zur Kenntnis nimmt, dass diese Art von Bodenversiegelung, industriellen Anbaumethoden und Missachtung der Lebensräume von Pflanzen und Tieren schwere Folgen auch für den Menschen hat. Die Wissenschaften haben da zentrale Erkenntnisse geliefert; es liegt an der Politik, darauf adäquat zu reagieren.

Was sollte Politik für die Kunst tun?

Meiner langjährigen beruflichen Erfahrung in Italien nach erfährt Kultur in Deutschland im Vergleich nach wie vor viel Unterstützung und nimmt eine gesellschaftliche Rolle ein. Wir haben hier ein „System Kunst“, das von der Ausbildung über Stipendien, Förderungen von Institutionen und der freien Szene sowohl durch die öffentliche Hand als auch durch eine aktive Stiftungslandschaft Möglichkeiten kulturellen Arbeitens herstellt. Natürlich ist es für viele trotzdem eine harte Existenz. Aber vieles läuft in Deutschland richtig.

Dann wäre Ihr Appell an die Politik: Macht es nicht kaputt?

Macht Kulturpolitik gemeinsam mit denen, die sich auskennen.

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