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Lauren Lee McCarthy, „LAUREN“, 2017, Filmstill, aus der Ausstellung „How to Make a Paradise“.

Corona-Krise & Kunst

Franziska Nori: „Kunst entsteht als Dialog mit einem Publikum“

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Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, über die Situation der Bildenden Kunst in Zeiten von Corona.

Franziska Nori, geboren 1968 in Rom, studierte in Frankfurt Kulturanthropologie, Romanistik und Kunstgeschichte. Von 2007 bis 2014 war sie Direktorin des Centro di Cultura Contemporanea Strozzina in Florenz. Seit November 2014 leitet sie den Frankfurter Kunstverein. 

Frau Nori, die Baumärkte sind seit Wochen geöffnet, die Häuser der Kunst und die Museen müssen weiter geschlossen bleiben. Was empfinden Sie angesichts dieser Situation?

Das bereitet natürlich keine Freude und mein Team und ich sprechen viel darüber. Vor ein paar Tagen hat das Kulturdezernat der Stadt Frankfurt mitgeteilt, dass aller Voraussicht nach Museen unter entsprechenden Sicherheitsauflagen am 5. Mai wieder öffnen dürfen. Das ist ein wichtiges Signal. Ich spreche mit vielen Menschen, die gerade in diesen Zeiten die Begegnung mit der Kunst in Museen, Konzerthäusern und Theatern extrem vermissen. Und zwar deshalb, weil Kunst immer wieder wesentliche Themen des Menschseins verhandelt und mit der Kraft der Poesie sinnstiftend wirkt. Wir freuen uns extrem, wenn wir wieder einen Dialog zwischen den Menschen und der Kunst in realen Räumen möglich machen können.

Viele Häuser der Kunst, viele Museen haben angesichts der Corona-Pandemie ihren digitalen Auftritt weiter ausgebaut. Kann das Internet die tatsächlichen Ausstellungen ersetzen?

Digitale Formate sind schon länger fester Bestandteil der künstlerischen Ausdrucksweise. KünstlerInnen schaffen zunehmend Werke, die spezifisch für die digitale Nutzung konzipiert sind. Darüber hinaus sind digitale Medien für Museen ein weiterer Kanal, BesucherInnen Hintergrundwissen und Partizipation anzubieten. Aber es gibt auch Kunst, die meiner Meinung nach ihre Wirkkraft einbüßt und zur visuellen Information verflacht, wenn sie nur online zu sehen ist. Besonders Musik, Theater, aber auch weite Bereiche der Bildenden Kunst verstehe ich als Begegnung mit dem Werk und mit anderen Menschen in einem gemeinsamen Raum. Das Erlebnis findet mit allen Sinnen statt, als ein einmaliges Erlebnis in Zeit und Raum, was Teil unserer Identität und unserer Erinnerung wird. Das ist es, was Kunst zu einer einzigartigen Form von Welterfahrung werden lässt.

Und welche Perspektive nimmt die neue Ausstellung des Kunstvereins, „How to Make a Paradise“, die am 27. März hätte eröffnet werden sollen, ein?

Die Künstlerinnen und Künstler, die wir eingeladen haben, treibt die Frage um, wie digitale Technologien unser Menschsein verändern. Der Rückzug in digitale Umgebungen und somit kontrollierbare Welten ist ein Gesichtspunkt, die ständige Selbstoptimierung der andere, aber auch Vereinzelung und Sehnsucht sind Thema. Für die Ausstellung konnte ich den jungen Kurator Mattis Kuhn gewinnen, der 2018 bereits mit mir die Ausstellung „I am here to learn - Zur maschinellen Interpretation der Welt“ erarbeitet hat. In der aktuellen Ausstellung sind insgesamt neun Positionen und Kollektive in jeweils einzelnen Räumen zu erleben. Bei zahlreichen Arbeiten geht es um die Frage, ob die digitale Welt ein Paradies ist, das zur Entfaltung der Fantasie beiträgt oder ob sie zu einer Verengung unseres Lebens führt.

Was denken Sie?

Nun, es kann beides geschehen, sowohl als auch. Es kommt darauf an, wie der Mensch mit der Technik umgeht, die Technik selbst ist neutral.

Wie ist die Situation der Künstlerinnen und Künstler jetzt während der Corona-Pandemie?

Die Situation ist für die meisten prekär. Ich spreche mit vielen, auch im Ausland, die in großer Sorge sind, wie es weitergeht. Bereits geplante Produktionen sind zurzeit auf Eis gelegt, weitere Förderungen wegen zu erwartender Kulturetatkürzungen unsicher, Messen finden nicht statt, ihren Galerien brechen Verkäufe weg. In Frankfurt sind öffentliche sowie private Initiativen aktiv geworden. Das Kulturamt, die Künstlerhilfe, die Crespo-Foundation, die Polytechnische Gesellschaft, um nur einige zu nennen. Das ist bezeichnend für unsere Stadt, die sich auszeichnet durch ein direktes Engagement des Kulturbürgertums. Das ist einmalig und wir können stolz darauf sein.

Sie stammen aus einer deutsch-italienischen Familie, sind in Rom geboren, haben in Florenz das Zentrum für Zeitgenössische Kunst am Palazzo Strozzi geleitet und sind in der Kunstszene dort vernetzt. Wie ist die Situation in Italien?

Zur Ausstellung

Die Ausstellung „How to Make a Paradise“ soll bis zum 16. August im Frankfurter Kunstverein aufgebaut sein.

In Italien ist die Lage der Bildenden Kunst leider bedeutend schlimmer als hier. Staatliche oder Kommunale Kunst- und Kulturförderung fehlte bereits vor dieser Krise. Es fehlt eine Infrastruktur, dank der KünstlerInnen bei der Ausbildung, der Ateliervergabe, bei Stipendien, der Vergabe von Aufträgen oder Ausstellungen im In-und Ausland strukturiert gefördert werden. Die zeitgenössischen Künste müssen sich weitgehend selber durchschlagen, selbstausbeuterisch, mit mehreren Jobs, oder zum Teil über die Unterstützung von Sammlern. Nun droht aber der private Sektor wegzubrechen. Seit über einem Monat wurde eine komplette Ausgangssperre mit drakonischen Sanktionen verordnet. Es zeichnet sich die Einführung einer Handyüberwachung für alle ab. Viele Künstlerinnen und Künstler sind in großer Sorge auch über die politische Zukunft des Landes, ob es einen Ausstieg aus dem Ausnahmezustand geben wird und wie verändert die Gesellschaft danach sein wird.

Welche Folgen wird die Pandemie für die Künstlerinnen und Künstler in Deutschland haben?

Ich fürchte, es wird einiges von den bestehenden Strukturen zerstört. Es zeichnet sich ab, dass Kulturetats angesichts der vielen Nothilfeausgaben gekürzt werden. Es wird stark darauf ankommen, welche Prioritäten sowohl Öffentlichkeit als auch die Politik in den nächsten Monaten setzen. In den Medien, in der Berichterstattung ist zurecht viel von Schulen und Kindertagesstätten die Rede, auch von den geschlossenen Restaurants. Aber über die Auswirkungen auf unsere Gemeinschaft durch nicht stattfindende Kulturveranstaltungen wird meiner Ansicht nach zurzeit zu wenig nachgedacht und diskutiert.

Fehlt es am öffentlichen Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur und der Bildenden Kunst?

Mir scheint, dass nur wenig öffentliche Debatte darüber stattfindet, dass Kultur aktuell unmöglich gemacht wurde. Gesellschaften brauchen Handlungs- und Denklabore, Räume, in denen Gedanken entworfen, Bilder kollektiver Zukunft experimentell durchgespielt werden können. Um dieses Potenzial zu entfalten, braucht Kunst Öffentlichkeit, Kunst entsteht als Dialog mit einem Publikum, sie übt dann erst ihre identitätsstiftende Kraft aus. Kunst verhandelt essenzielle Fragen des Menschseins, schafft Kontext und kritisches Denken, rüttelt wach und hinterfragt verordnete Meinungen, die gerade nun, in diesem globalen Bedrohungsszenario, so erschreckend kritiklos hingenommen werden.

Der Aktionskünstler und Medienwissenschaftler Peter Weibel fordert eine Solidaritätsabgabe für Bildende Künstler. Müssten die Künstlerinnen und Künstler jetzt mehr auf sich aufmerksam machen, etwa mit einem Positionspapier?

Von solchen Papieren halte ich wenig, weil sie nicht immer den gewünschten Widerhall finden. Ich bin sehr gespannt, wie die Kulturstadt Frankfurt jetzt auf die Corona-Krise reagiert. Nach den ersten Aussagen des Kämmerers, Uwe Becker, scheint es unausweichlich, dass es zu einem Einbruch der Einnahmen kommt und dass gespart werden muss. Die Politik scheint noch genaue Zahlen abzuwarten. Jede Partei sollte sich aber vergegenwärtigen, was Frankfurt ihr Rang als Kulturstadt bedeutet und dass dieser unbedingt erhalten werden muss.

1993 wurde bei einem starken Einbruch der Einnahmen der Stadt Frankfurt von Politikern die Parole ausgerufen, die Kultur müsse bluten. Damals wurde das Gebäude des Theaters am Turm (TAT) verkauft zugunsten eines Multiplexkinos und es wurde der freie Eintritt in die Dauerausstellungen der Museen abgeschafft. Die öffentliche Hand darf die Förderung der Kultur jetzt nicht zurückfahren. Sie darf die Kultur jetzt nicht vor allem den privaten Sponsoren überlassen, die sind wichtig, bedeuten aber nur ein zweites Standbein.

Glauben Sie, dass die Corona-Pandemie dazu führen wird, dass die Menschen ihre Lebensweise ändern, dass sie weniger konsumieren, weniger fliegen?

Seit Tagen diskutieren wir mit zahlreichen Kulturschaffenden, gerade aus Italien, ob Covid-19 gerade alle Formen eines epochalen Übergangs annimmt, also einer unwiderruflichen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Umwälzung. Wie lange werden kurzfristig sinnvolle Maßnahmen zeitlich gedehnt werden? Bis zum Impfstoff? Oder bis nach dem nächsten Stadium eines ständig mutierenden Covid-Virus? Sehen wir Signale, dass manche Staaten ein Gesellschaftsmodell der sicherheitsbedingten Vereinzelung vorantreiben? In der physischen Distanz zu Freunden und Familie, im Bildungswesen und in der Arbeitswelt? Also eine atomisierte Gesellschaft von Individuen, die durch technologische Mittel sozial distanziert und zunehmend individualisiert lebt? Die Diskussion ist voll im Gang, lasst uns wach und kritisch bleiben.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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