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Conrad Faber von Kreuznach: Justinian von Holzhausen und seine Frau Anna, 1536.

Museum Giersch

Für den Stolz, das Wissen und die Neugier

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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Aus der Bilderflut: Das Museum Giersch blickt auf Frankfurter Porträtsammlungen.

Klebealben sind ein Alptraum für gegenwärtige Grafikexperten, aber zum Sammeln gehört das Sortieren und Fixieren. Die Traurigkeit der teils noch kursierenden und nun doch sehr einsamen Schokoriegel-Bildchen zur abgesagten Fußball-EM 2020 vermittelt das gut.

Die Ausstellung „Die Welt im BILDnis“ stellt in der Tat einen Zusammenhang her zwischen Bildersammelleidenschaften ganz unterschiedlicher Art. „Porträts in Frankfurt zwischen Renaissance und Aufklärung“ geben dazu Anlass.

Die Schau erzählt auch selbst vom Sammeln, indem sie sich offenbar immer weiter auswuchs durch neue Funde und durch eine lebhafte Kooperation zwischen dem Museum Giersch der Goethe-Universität und deren Kunstgeschichtlichem Institut, namentlich Jochen Sander, dem Inhaber der Städel-Kooperationsprofessur und Kurator, sowie den Studierenden. Der wuchernden Eigenschaft des Sammelns stellte sich dann die Disziplin des Ausstellungsmachers entgegen: In den Räumen der Villa am Schaumainkai hängt und liegt eine überschaubare, aber intensive Auswahl von 42 Gemälden und 105 Druckgrafiken.

Ausgangspunkt war und ist die technisch brillant wirkende, aber lange nicht mehr beachtete druckgrafische Porträtsammlung der Familie Holzhausen, die im Zuge eines Digitalisierungsprojektes erst vor wenigen Jahren gründlich gesichtet wurde: rund 1250 Blätter aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. 1923 kam sie in den Besitz der Stadt- und Universitätsbibliothek, damals starb der letzte Namensträger einer Familie, die 1243, zwölfhundertdreiundvierzig, nach Frankfurt gekommen war und hier fast 700 Jahre lang mit erheblichem Erfolg für sich und die Stadt wirkte.

Auch auf Gemälden sind die Holzhausens in der Schau präsent, beispielsweise auf Conrad Faber von Kreuznachs Bild von Justinian von Holzhausen und seiner Frau Anna von Fürstenberg, 1536, einem feinsinnigen Renaissancedoppelbildnis, das so viel Reichtum wie Eleganz ausstrahlt. Kecker blicken uns zahlreiche jugendliche Rokoko-Holzhausens im 18. Jahrhundert entgegen, bevor es romantisch-melancholisch wird. Wie die Kunstgeschichte durch die eigene Familie ziehen kann, ist ein Spektakel für sich. Gemeinsam ist den Bildern das Selbstbewusstsein der Porträtierten, das vom Standesbewusstsein bei aller Individualität nicht zu trennen gewesen sein wird. Im Frankfurter Leben der Patrizierfamilie wie in ihren Bildnissen spiegeln sich der Wille und die Möglichkeit, jenseits der Haar- und Kleidermoden die Verhältnisse stabil zu halten. Auch bornierte Blicke sind es, die neben schläfrigen und frechen, intelligenten und sinnlichen das vorüberziehende Publikum treffen.

Während der Vorbereitung für die Schau kamen dann aber weitere Sammlungen in den Blick, und im Ergebnis ist die Ausstellung eine reizende Mischung aus Selbstdarstellung und Kuriositätenkabinett. Der Mediziner und Naturwissenschaftler Johann Christian Senckenberg (1707-1772) sammelte die Porträts von Kollegen. Ein Herr Grohte – man vermutet, dass er Buchhändler war – interessierte sich für Geistesgrößen und Schriftsteller, und wenigstens sein Nachname blieb durch die 696 Blatt starke Sammlung im Gedächtnis. Oder kann wieder hineingeraten.

Dagegen wählte der Advokat und Stadtsyndikus Heinrich Kellner (1536-1589) gar wunderliche Stücke für seine „Kunstbücher“. Ein „fehlgebildeter Hase“ findet sich neben erotischen Darstellungen. Im Konkreten und stadtgeschichtlich gewiss Relevanten wird das Allgemeine deutlich: Bilder dienen der wohlkalkulierten Repräsentation, aber eben auch dem Vergnügen und dem privaten Staunen. Nichts anderes ist es, was der Internetnutzer von heute allenthalben begehrt und findet.

Die kluge Kanalisierung in der Ausstellung täuscht nicht darüber hinweg, dass die Bilderflut – Porträts, aber eben auch alles Mögliche andere Menschengemachte, Augenfällige – mit den entsprechenden handwerklichen Möglichkeiten der Herstellung und Vervielfältigung über die Ufer trat. So starrt man auch – und ist bis heute besonders neugierig darauf – Außenseitern und Verbrechern in die Augen. Und den dazugehörigen Verbrechen.

Auch Franz Laubler beispielsweise wurde der Holzhausen’schen druckgrafischen Sammlung einverleibt, der in Dresden einen evangelischen Geistlichen erstochen hatte. 1726 erregte, schockierte und interessierte der reuelose Fanatismus dieser Tat die Menschen sehr. In der Holzhausen-Sammlung findet sich nicht nur ein finster-markantes Porträt des gotteslästerlichen „Priester-Mörders“, sondern auch ein Foto, nein, ein Kupferstich der Tat selbst. Das Opfer steht da wie ein wahrer Gentleman, während ihm aus vier gut erkennbaren Schnittstellen das Blut entströmt wie aus Wasserhähnen. Laubler bewahrt mit Stand- und Spielbein ebenfalls die Fassung, gut ist das Messer zu sehen, das eben zum Einsatz kam. Für die, die es noch genauer wissen wollen, zeigt ein anderes Blatt die verschiedenen, von Laubler mitgeführten Mordwerkzeuge.

Obwohl gelegentlich ein dezenter Totenschädel an das Ende von alledem erinnert – wobei Totenschädel auch anatomisch betrachtet ein aufschlussreicher Anblick sind –, besticht die Ausstellung durch ihre Diesseitigkeit. Der Tod scheint fern, während all diese Menschen planen und sammeln, mit Klebstoff ein Stück ruinieren – aber es gehört ihnen! – oder versuchen, dem Maler gegenüber klug auszusehen.

Museum Giersch, Frankfurt: bis 13. September. Der Katalog, Michael Imhof Verlag, kostet im Museum 29 Euro. Auf der Internetseite gibt es einen fabelhaften digitalen Rundgang durch die gesamte Ausstellung. www.museum-giersch.de

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