feu_mmk_martine_syms_borrow
+
Martine Syms, „Borrowed Lady“, 2016, Videostill.

Museum für Moderne Kunst

Vom Kudzu und vom Menschen

  • vonSandra Danicke
    schließen

Die Ausstellungen „Earthseed“ und „Sammlung“ in den Zweigstellen des Museums für Moderne Kunst.

Die Überraschung ist immens: Man betritt einen Innenraum, geht sogar eine Treppe hoch und steht – im Freien. Zumindest wirkt es im ersten Moment so, denn der Boden ist mit Erde bedeckt, und fast der gesamte Raum ist hüfthoch mit Pflanzen bewachsen. Es riecht modrig und frisch zugleich, auch ein wenig nach Tier. Aus dem Grün ragen hier und da große Figuren, die aus unbehandelter schwarzer Lammwolle gefertigt wurden. Seltsame Mischwesen, die an Vogelscheuchen und Voodoopuppen erinnern, zugleich aber sehr kuschelig aussehen. Der Gesamteindruck ist zugleich herrlich und unheimlich.

Tatsächlich ist das Grün nicht so harmlos wie es aussieht. Es handelt sich um die japanische Kletterpflanze Kudzu, eine Art Knöterich, nur viel aggressiver. 1876 baute die Regierung der USA die Pflanze im Mississippi-Gebiet an, um der durch den massiven Baumwollanbau hervorgerufenen Bodenerosion entgegenzuwirken. Zunächst funktionierte das Vorhaben, doch dann wurde aus der Pflanze eine Plage. Heute ist die Einfuhr von Kudzu in den USA verboten, wenngleich sie im Süden des Landes nach wie vor ihren Dienst verrichtet. „Earthseed“ heißt die Ausstellung, die Precious Okoyomon derzeit im Zollamt des Frankfurter Museums für Moderne Kunst zeigt.

Die Künstlerin selbst konnte nicht kommen, sie lebt in den USA. Geboren wurde Okoyomon, die nigerianische Vorfahren hat, 1993 in London; als Teenager kam sie nach Amerika, ein Land, in dem Rassismus zum Alltag gehört. Die Analogien zwischen den afrikanischen Sklaven und der japanischen Pflanze liegen auf der Hand: Man holte sie, weil man sie brauchte. Dass sie sich selbstständig machen würden, war nicht vorgesehen. Eine Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander hat sich auch nach Jahrhunderten nicht eingestellt.

Das Thema Rassismus findet man auch in im Tower des MMK, in dem derzeit eine Ausstellung mit dem lapidaren Titel „Sammlung“ zu sehen ist. In einem Film des Franzosen Éric Baudelaire diskutieren Schüler über Identität und Herkunft, und man fragt sich, ob man sich darüber freuen soll, dass die Kinder mit diesen Begriffen bereits so versiert umgehen. Auch „Borrowed Lady“, eine Videoinstallation der US-Amerikanerin Martine Syms handelt von Zugehörigkeit. Auf vier Bildschirmen führt die Künstlerin lässig eine Reihe von Gesten afroamerikanischer Frauen vor. Teilweise kann man sie dekodieren. Bisweilen steht man dämlich davor.

Die Ausstellung zeigt Werke aus der Sammlung des MMK und stellt sie in neue Zusammenhänge. Thomas Ruffs „Andere Porträts“, die aus je zwei sich überlagernden Fotografien bestehen, entstanden in den 90ern mit Hilfe eines Geräts zur Erstellung von Phantombildern. Heute, wo soviel über die Zugehörigkeit von Menschen (sei es zu einer Nation, Religion oder einem Geschlecht) diskutiert wird, betrachtet man diese Aufnahmen anders als zu ihrer Entstehungszeit. Damals assoziierte man sie mit Rasterfahndung und Terrorismus.

Auch Horst Ademeit, von dem eine Reihe Polaroids zu sehen sind, auf denen etwa Briefkästen, ein volllaufendes Waschbecken oder ein Gartenstuhl zu sehen sind, fühlte sich verfolgt. Die Fotos sind Bestandteile eines Aufzeichnungssystems zur akribischen Dokumentation von „Kältestrahlen“, einer bedrohlichen Macht, deren Manifestationen der Künstler rund 40 Jahre lang observiert hat. Um Überwachung scheint es auch in einem Gemälde von Dirk Skreber zu gehen, der 2001 eine Luftansicht der Privatvilla von Helmut Kohl in Oggersheim malte. Das Bild ist menschenleer und erscheint deshalb gespenstisch. Tatsächlich hielt sich Kohl nur selten hier auf – im Gegensatz zu seiner Frau Hannelore, die sich in jenem Jahr, in dem Skreber das Bild malte, das Leben nahm.

Der nicht natürliche Tod steht im Zentrum der Filmmontage „Als könnte es auch mir an den Kragen gehen“, die Marcel Odenbach 1983 aus Mord- und Bedrohungsszenen zusammengeschnitten hat, die aus berühmten Filmen der 60er und 70er Jahre stammen. Im Hintergrund des Würgens und Erstechens laufen Szenen der Langeweile ab, etwa eine Hand, die einen Stein immer wieder herumdreht, und man fühlt sich ertappt: Wie kann es sein, dass man allabendlich das Brutale zur Entspannung nutzt?

Eine Perversion stellt auch der zum Fixieren von Menschen hergestellte Stuhl dar, den Anne Imhof nach einem britischen Internat „Prior Park“ genannt hat. Ob es einen solchen Stuhl dort tatsächlich gibt, ist vermutlich unerheblich, steht er doch ganz generell für Disziplinierungsmaßnahmen, genau wie der Maschendrahtzaun von Cady Noland, der auf jene strukturelle Gewalt verweist, die im öffentlichen Raum unsere Wahrnehmung prägt.

Im MMK wird die Wahrnehmung durch tiefblaue Wände beeinflusst. Die Behauptung, dass weiße Wände einen neutralen Hintergrund abgäben, hält MMK-Direktorin Susanne Pfeffer ohnehin für Unfug.

Museum für Moderne Kunst, Frankfurt: Zollamt: bis 1. November. Tower: bis 30. Mai 2021. www.mmk.art

Die linke „Kommunikationsguerilla“ des Peng-Kollektivs wirft der Auktionsplattform Ebay vor, ein Antifa-Kunstprojekt zu zensieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare