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Wagehe Raufi: „Mammoth with a Glass Eye“.

Frankfurter Kunstverein

Kaum erkannt, verwandelt es sich schon

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„And This Is Us“: Eine selbstbewusste Ausstellung junger heimischer Kunst.

Angenommen, man ginge in diese Ausstellung und wüsste nichts über die hier gezeigten Werke, hätte vielleicht überlesen, dass es im Frankfurter Kunstverein gerade um „Junge Kunst aus Frankfurt“ geht, man käme nicht drauf. Das, was hier derzeit unter dem Titel „And This Is Us“ zu sehen ist, wirkt selbstbewusst, fast schon abgeklärt. So souverän behaupten sich die großformatigen Arbeiten in ihrem jeweiligen Raum, dass man staunt, dass die Künstler gerade erst ihren Abschluss gemacht, ja zum Teil noch nicht einmal fertig studiert haben.

Da ist, gleich im Eingangsfoyer, dieses mächtige Gebilde aus großen verschlungenen Röhren, ein gigantischer Apparat, der an einen künstlichen Darm erinnert und im Halbstundentakt ein gewaltiges Dröhnen von sich gibt. Es handelt sich um ein umgebautes Heugebläse von Catharina Szonn, die an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studiert. Ein Gerät, das in der modernen Landwirtschaft obsolet geworden ist. Szonn hat das Rohrgeflecht mit unterschiedlichen Versatzstücken verlängert und einen geschlossenen Kreislauf konstruiert, in dem Material – es sind eigene und gefundene Texte – zirkuliert und zersetzt wird. Ergänzt wird die Skulptur durch Abfallprodukte wie alte Bäckerkisten und Plastikfolie. Szonn hinterfragt damit Effizienzdenken und technischen Fortschritt, greift also Themen auf, die im Kunstkontext nicht gerade brandneu anmuten. Was nicht heißt, dass sie weniger relevant sind.

Acht Künstlerinnen und Künstler sind insgesamt ausgestellt, alle haben neue Arbeiten für den Frankfurter Kunstverein konzipiert. Vier wurden an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach ausgebildet, vier an der Städelschule, darunter auch Jonas Brinker, der einen Wolf gefilmt hat.

Das Tier befindet sich in einer künstlichen Umgebung, einem so genannten Greenscreen, der beim Film verwendet wird, um Gegenstände, Personen oder Tiere nachträglich vor einen beliebigen Hintergrund zu setzen. Der Wolf scheint sich über die Umgebung nicht zu wundern. Das Tier, so erzählt Brinkner, habe sogar schon im „Tatort“ oder in „Die dunkle Seite des Mondes“ mit Moritz Bleibtreu gespielt. Brinkners Film dokumentiert das Verhalten des trainierten Tieres, das sich mal auf einen künstlichen Stein stellt, um klischeegemäß in die Ferne zu blicken, mal so tut, als ob es schlafe – eine Verbindung von Wildnis und Zivilisation, die irritiert.

Hanna-Maria Hammari: „Arms Race“

Die Erzeugung künstlicher Welten ist auch im Werk von Städelschulabsolvent Bertrand Flanet ein zentrales Thema. Zentrum seiner raumgreifenden Installation ist ein digital generierter Film, dessen Blickwinkel – direkt über dem Boden – suggeriert, dass man die karge Berglandschaft, durch die man sich bewegt, mit den Augen eines Hundes wahrnimmt. Immer wieder trifft die Kamera auf ein am Boden liegendes Dingwesen, das sich nicht rührt. Zugleich jault ein fieser Sound auf, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann. Für seine digitalen Animationen nutzt Flanet ein Videospiel-Engine, das seit circa zwanzig Jahren für die Produktion von Ego-Shootern, also Schießspiele, eingesetzt wird – ein verengter Blickwinkel, der für viele längst zur Normalität geworden ist.

Moderner ist die Technik, die HfG-Studentin Wagehe Raufi einsetzt: Mit Laserscannern erfasst sie Objekte und eigene Skulpturen, die sie anschließend digital collagiert. Die so entstandenen Bilder lässt Raufi scheinbar endlos ineinander morphen. Hin und wieder identifiziert man eine Stoffente, eine Plastiktüte, ein Treppengeländer, doch kaum hat man es erkannt, verwandelt es sich schon in eine der organischen Skulpturen, die Raufi auch im realen Raum aufgebaut hat: transparente Hartplastikplatten, die sie mit dem Fön zu hügeligen Flächen verformt hat, oder Substanzen wie Hydrogel, Agar-Agar und Pigmente, die sich zu bröckeligen Strukturen verbunden haben. Der Übergang zwischen analogen und digitalen Welten scheint sich so auf faszinierende Weise zu verflüssigen.

Auch bei HfG-Absolvent Max Geisler taucht der Betrachter immer tiefer in poröse Schichten ein, allerdings nicht metaphorisch, sondern ganz real. Geisler hat einen weißen Raum in den Ausstellungsraum gebaut, mit Sprühfarben und einem Armierungsgewebe versehen, um diesen dann ganz rabiat mit dem Hammer aufzubrechen. Das Ergebnis ist ein gestaffelter Bildraum, der zugleich brachial zerstört und – durch die Farben und Stoffe – duftig leicht wirkt. Die Momentaufnahme eines radikalen Prozesses, durch den man sich bewegt wie auf einer Bühne.

Frankfurter Kunstverein:bis 12. Mai. www.fkv.de

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