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Olaf Nicolai, „Elster“, 2004.

MMK

Museum für Moderne Kunst: Nach etwas schauen, das man schon gefunden hat

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Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst betrachtet Werke seiner Sammlung aus neuer Perspektive.

Die Erwartung läuft zunächst ins Leere. Weil im Eingangsbereich des Frankfurter Museums für Moderne Kunst scheinbar gar nichts zu sehen ist. Wobei natürlich genau genommen allerhand zu sehen ist, nämlich Wände, Boden, Oberlicht, Treppen – Architektur also. Und da die aktuelle Ausstellung so unscheinbar wie irritierend „Museum“ heißt, passt das natürlich: Was man sieht, ist das, was normalerweise in den Hintergrund tritt: die Institution, das Haus. Und steht man erst einmal eine Weile drin, merkt man, dass da noch etwas ist. Etwas, das hier eigentlich nicht hergehört: Ein sanfter Wind umspielt die Beine, lässt den Rock minimal flattern, löst an der nackten Haut der Arme ein angenehmes Gefühl aus.

„Looking for something that has already found you (The Invisible Push)“ lautet der treffende Titel der Arbeit des britischen Künstlers Ryan Gander. Eine künstliche Veränderung der Gegebenheiten, die durchaus symbolisch gelesen werden kann.

„Es dauert ja immer einen Moment, bis man Veränderung wahrnimmt“, sagt Museumsdirektorin Susanne Pfeffer, die mit „Museum“ Fragen aufwirft, die für eine zeitgenössische Institution grundsätzlich sind: Wie sollte ein aktuelles Museum aussehen, das auch in einer Zeit des permanenten Wandels Dinge bewahren muss, ohne altbacken zu erscheinen? Welche Werte gilt es heute zu vermitteln? Welche Kunst rührt an die Fragen unserer Gegenwart?

Victoria Santa Cruz, „Me gritaron negra“, 1978.

Die Antwort ist für jene, die die Arbeit Pfeffers kennen, keine große Überraschung. Das Museum ist unter ihrer Leitung nicht nur ein Ort, der Freiräume erkundet, sondern auch eine moralische Institution, die gesellschaftliche, sozialkritische, politische Fragen debattiert. Fragen zur Gender- und Rassismus-Debatte, Fragen, die von der Sexualisierung öffentlicher Räume handeln und davon, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. Zu sehen sind jetzt vorwiegend Werke aus der Sammlung des Museums, aber auch einige Leihgaben und Neuproduktionen. Eine Themenausstellung also, die bestehende Arbeiten aus neuen Blickwinkeln betrachtet.

Was vielleicht das Erstaunlichste ist: Es gibt einige ältere Arbeiten, denen man vor zwanzig Jahren womöglich prophezeit hätte, dass sie 2019 allenfalls von historischem Interesse wären. Der Film „Me gritaron negra (Sie nannten mich Schwarze)“ von 1978 ist so ein Werk. Er zeigt eine Performance der Peruanerin Victoria Santa Cruz, in der es um die Diskriminierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe geht und erzählt davon, wie sich der Selbsthass einer einzelnen Schwarzen in kollektiven Stolz verwandelt.

Dass Rassismus unter anderem in den USA noch heute Alltag ist, demonstriert derweil Cameron Rowlands Installation „D37“ im MMK Zollamt, wo eine Reihe gebrauchter Fahrräder, ein alter Kinderwagen und zwei Laubbläser ausgestellt sind. Es handelt sich um Gegenstände, die die Strafverfolgungsbehörden von Bürgern eingezogen haben, denen eine Straftat – etwa illegales Glücksspiel – zur Last gelegt wurde. Die Dinge wurden versteigert, der Erlös wurde einbehalten. Ein in den USA übliches Verfahren.

„In Philadelphia“, so der New Yorker Künstler, „richtete sich die zivile Einziehung von Vermögenswerten zwischen 2011 und 2013 unverhältnismäßig häufig gegen schwarze Menschen, die 44 Prozent der Bevölkerung ausmachen, aber 63 Prozent der gesamten Einziehungen und 71 Prozent der Einziehung ohne Schuldspruch erfahren.“ Da dies oft Menschen mit geringem Einkommen betreffe und sie die Prozesskosten scheuten, werde dagegen normalerweise nicht geklagt.

Trotz seines Alters erstaunlich zeitgemäß wirkt auch ein Film, der eine Performance der Amerikanerin Adrian Piper dokumentiert. „The Mythic Being“ von 1973 zeigt die Künstlerin, wie sie in männlicher Verkleidung an verblüfften Passanten vorbei durch New York läuft. „Was würde passieren“, fragt Piper, „wenn es ein Wesen gäbe, das exakt meine Geschichte hätte, nur eine völlig andere visuelle Erscheinung für den Rest der Gesellschaft?“ Eine Frage, die heute virulenter den je erscheint.

Lil Liao, „A Singel Bed N. 1“, 2011.

Verblüffte Passanten provozierte auch die Performance des Chinesen Li Liao, der 2011 in Shenzhen mitten in einem überfüllten Einkaufszentrum auf dem Boden lag und schlief – was von den Betrachtern offenbar als ungehöriges, ja verwerfliches Verhalten bewertet wurde. Fast alle, die man im Film sieht, gucken regelrecht entsetzt. Der schlafende Körper, zuhause das Normalste der Welt, wird im öffentlichen Raum plötzlich zur ungehörigen Geste des Widerstandes. Die Betrachter des Videos betrachten jene, die den Schlafenden betrachten, womöglich mit Hochmut, schließlich leben sie nicht in China; schlafende Menschen werden hier in der Öffentlichkeit eher ignoriert. Doch wie würden die Museumsbesucher wohl reagieren, wenn der Künstler direkt vor ihren Füßen läge?

Um das Betrachten des Anderen geht es auch in der Fotografie „Elster“ von Olaf Nicolai. Mit ihrer Hilfe schauen die Ausstellungsbesucher einem Vogel dabei zu, wie er sich im Spiegel anschaut. Es gibt Forschungsergebnisse, die beweisen, dass Elstern sich im Spiegel erkennen können. Anders jedoch als Menschen oder andere Tiere, bleiben sie dabei scheinbar ungerührt. Was in ihnen vorgeht, lässt sich kaum ermitteln. Genauso wenig wissen wir, was das Miauen der Katze zu bedeuten hat, die im Jahr 1970 von Marcel Broodthaers zum Thema Kunst interviewt wurde. Womöglich spiegeln ihre Antworten eine Art von Intelligenz wider, mit deren Wahrnehmung der Mensch schlichtweg überfordert ist.

Aber was wissen wir schon vom Anderen? Von Menschen, die sich wünschen, ein Ding zu sein oder einfach nur ein anderes Geschlecht zu haben? Im Animationsfilm des Österreichers Oliver Laric verwandeln sich Menschen und Gegenstände mit Leichtigkeit. Fließend morphen Wesen und Pflanzen ineinander, wird ein Mann zum Auto oder ein Frosch zum Tisch. Ganz mühelos sieht das aus. Kurz fragt man sich, ob man solche Möglichkeiten für die Zukunft als wünschenswert erachtet. Einfach mal Tisch sein, danach vielleicht Vamp oder Löwe. Mal schwarz sein, mal weiß, Mann oder Frau. Ein durchaus reizvoller Gedanke. Aber auch ein beängstigender.

Museum für Moderne Kunst , Frankfurt: Bis 16. Februar. www.mmk-frankfurt.de

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