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„Hexensabbat“ (El Aquelarre), 1797/98. Foto: Fundación Lázaro Galdiano, Madrid
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„Hexensabbat“ (El Aquelarre), 1797/98.

Ausstellung in Basel

Francisco de Goya: Lebensbilder von Tanz und Tod

  • VonPeter Iden
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Die Bilder des spnischen Maler in einer grosszügigen Präsentation der Fondation Beyeler. Von Peter Iden

Sich einzulassen auf den spanischen Maler Francisco de Goya bedeutet, vielen extrem unterschiedlichen Formen des Lebens zu begegnen. Seine Bilder erzählen von heiterer Zeit, von Frühling, Lust und Liebe, von Glanz und Gloria der herrschenden Klasse am iberischen Königshof – und sie schildern in anderen Phasen des Oeuvres mit äußerster, in der Geschichte der Malerei unvergleichlicher Schärfe, Verbrechen, die Menschen an Menschen begehen, handeln von Mord und Totschlag, dem Horror des Krieges, dem Triumph des Bösen.

Lebensbilder von Tanz und Tod: Im Museum der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel haben Sam Keller und Martin Schwander mit ihrem Team aus den Beständen des Prado in Madrid und aus öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa und den USA 75 Gemälde und 100 graphische Blätter aus den berühmten Skizzenbüchern des Malers zusammengeführt, die das Gegensätzliche der Haltungen Goyas im Kontext der Epoche zwischen der Mitte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (er stirbt im Alter von 82 Jahren einsam und verarmt in Bordeaux) als dramatischen Widerspruch bezeugen.

Der am spanischen Königshof unter Karl III. und Ferdinand VII. (genannt El Deseado, der Ersehnte) Hofmaler wurde, war zugleich ein entschiedener Kritiker des Adels, dessen Protagonisten er aber dennoch wohlwollend porträtierte. Die aus diesem Zwiespalt notwendig resultierenden Spannungen verstärkten den Zustand tiefer Verzweiflung an der Welt und der eigenen Existenz.

Das Selbstporträt von 1815 zeigt den fast Siebzigjährigen, die Augen verschattet, wirr das Haar, die Brust fast entblößt, der Gesichtsausdruck streng und bitter zugleich auf den Betrachter gerichtet. Es könnte auch das Bildnis eines späten Bruders im Geiste sein, ein Jahrhundert nach ihm als Philosoph dem Maler in dessen Verzweiflung verwandt, ein Porträt des 1995 in Paris verstorbenen Rumänen E. M. Cioran. Auch er, wie Goya, überzeugt vom „Dasein als Wunde“: „Es gibt keinerlei Argumente für das Leben“ (Cioran: „Auf den Gipfeln der Verzweiflung“, Bibliothek Suhrkamp, 1989).

Als Parallele zu Goya ist die Überlegung Ciorans interessant, dass nur die Leidenschaft für das Absurde als einzige noch dämonisches Licht auf das Chaos werfen könne. Es ist auch der Fluchtweg, den Goya wiederholt ins Absurde genommen hat. Nicht nur in dem viel zitierten Nachtbild von 1799 „Der Schlaf/ Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer“, sondern zum Beispiel auch in der Phase des Spätwerks, in welcher er getötetes Getier darstellt als Metaphern für gemordete Menschen. Und es lassen sich sogar die frommen Gemälde einer Verkündigung und von Heiligen, die Wunder tun, jedenfalls in der Wahrnehmung von heute als Versuche des Malers sehen, sich zu retten ins absurd Phantastische.

Es hat aber mit der aktuellen Rezeption Goyas auch eine durchaus problematische Bewandtnis. Man muss diesen Maler nämlich nicht ohne Einschränkungen mögen. Das Prado-Museum hat das Gemälde „Die nackte Maja“, entstanden 1797, vor Ort, in Madrid, immer eine besondere Attraktion vor allem ausländischer Besucher, für die Ausstellung in Riehen nicht ausgeliehen. Dafür aber „Die bekleidete Maja“ aus demselben Jahr. Die Differenz zwischen den beiden Darstellungen der liegenden jungen Frau ist jedoch nicht die zwischen nackt und bedeckt, vielmehr vor allem der deutliche Unterschied in der malerischen Virtuosität der Darstellung: Die halbwegs angezogene Maja ist, auch ohne den Vergleich mit der faszinierend und verführerisch entspannten Nackten zu sehr zu strapazieren, kein wirklich gelungenes Bild, verkrampft in der Haltung der Arme, nachlässig ungelöst auch die Positionierung der Beine.

Man hat hier einen der wenigen schwächeren Momente der Ausstellung. Glänzend erfasst hingegen das Beieinander zweier Majas auf einem Balkon, von oben herab offenbar tuschelnd Beobachtungen austauschend über dem Betrachter des Bildes nicht sichtbare Vorgänge auf der Straße unterhalb. Das Gemälde, fertig gestellt 1812, stammt aus einer privaten Sammlung, und ist ein Höhepunkt der intimen Menschenschilderung Goyas.

Es gibt allerdings eine Schwierigkeit, sich an das Unmaß an Brutalitäten zumal in den grafischen Darstellungen der Kriegsgräuel zu gewöhnen. Goya ist selbst Zeuge der Verbrechen beider Seiten in dem Krieg Napoleons gegen die spanischen Aufstände gewesen, 1807 bis zur Unabhängigkeit Spaniens 1814, und handelt mit gnadenloser Deutlichkeit davon.

Kaum eine Art der Vergewaltigung, der Folter und des Mordens, ja: des blindwütigen Abschlachtens bis hin zum Kannibalismus, die Goya in den Zeichnungen auslässt. Technisch brilliert er dabei mit einer Körperlichkeit der Figuren, die an den jung verstorbenen Wiener Egon Schiele (1890-1918) denken lässt. Jedem, der diese Szenen der entsetzlichsten Taten heute sieht, ist klar, dass sie keineswegs nur fürchterliche Vergangenheit sind, sondern sich an vielen Orten noch immer so begeben wie zu Zeiten Goyas. Aus Gründen der Schonung halten die Medien uns solche Bilder weitgehend fern – die Kunst des Malers, obgleich schwer zu ertragen, erinnert daran, dass sie wieder und wieder Realität sind.

Auch eine spätere, umfangreiche Serie von Grafiken, die „Tauromaquia“, handelt von Grausamkeiten. Hier geht es um Stierkämpfe – auch sie, wie bei Ernest Hemingway, von Goya gesehen als Gleichnisse auf vor allem das männliche Leben zwischen riskantem Todesmut des Toreros und dem sicheren Sterben des Stiers.

Um 1824 haben dann politische Gründe den Maler veranlasst, Spanien zu verlassen. Er hatte sich zu einer liberalen Verfassung bekannt, die im Jahr zuvor durch von Ludwig XVIII. aufgebotene französische Truppen zugunsten der Wiederherstellung eines absolutistischen Systems liquidiert wurde. Unter diesen Umständen wusste Goya sich in Gefahr und konnte nicht länger bleiben.

Sein wahrscheinlich letztes Gemälde, das Porträt des Enkels Mariano, schuf er 1827 während eines Aufenthalts noch in Madrid. Es ist den Organisatoren der Fondation Beyeler gelungen, das dem Publikum in Europa schwer zugängliche Bild aus der Sammlung des Meadows Museum in Dallas, Texas für die Ausstellung auszuleihen.

Das ist nun eine Überraschung: Das Brustbild des Jünglings zeigt ihn mit ernstem Blick, aber unbestreitbar auch mit ruhiger Zuversicht. Und fast umspielt ein Lächeln die Züge. So, als wollte der Maler sagen: Gerne wäre ich freundlicher gewesen gegenüber der Welt und dem Leben – sie haben es mir aber nicht möglich gemacht.

Fondation Beyeler, Riehen/Basel: Bis 23. Januar 2022. www. fondationbeyeler.ch

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