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Fotografin Gauri Gill in der Schirn: Alltägliches aus der indischen Wüste

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Von: Lisa Berins

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Untitled (27) aus der Serie „Acts of Appearance“. Foto: Gauri Gill
Untitled (27) aus der Serie „Acts of Appearance“. Foto: Gauri Gill © Gauri Gill

Die Schirn Kunsthalle stellt die Fotografin Gauri Gill vor. Sie ist eine Entdeckung

Zum Anfang ein kleines Experiment: Stellen Sie sich eine Alltagsszene in Indien vor, vielleicht in einer Millionenstadt, voller Menschen, Abgase, Lärm, Werbetafeln. Eine grelle Mischung aus Gedränge, Gerüchen und Farben. Fernab dieser Bilder, überhaupt fernab aller Klischees und jedes fernöstlichen Exotismus arbeitet die Künstlerin Gauri Gill, deren Fotografien jetzt in einer Überblicksschau mit dem Titel „Gauri Gill. Acts of Resistance and Repair“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu sehen sind: Indien in Schwarz-Weiß. Indien in still. Es sind Szenen aus einem fernen Land, aus einer Perspektive der Menschen, die dort leben. Die Abgebildeten umgibt dabei etwas, das man nicht direkt sehen, eher bemerken kann: die Empathie der Frau hinter der Kamera.

Es ist ein besonderer Blick auf ihr Heimatland, vor allem auf ländliche Gemeinschaften, und es ist ein Blick, mit dem sich Gill mit Frauen und Mädchen in der streng patriarchalen Gesellschaft solidarisiert. Die 1970 in Chandigarh geborene und in Neu-Delhi lebende Gauri Gill fotografiert das reale Leben – aber rein dokumentarisch ist es nicht. Es ist nicht nüchtern, hart und schonungslos, die Subjekte sind der Kamera nicht ausgeliefert, sie haben einen aktiven Part in der Entstehung der Fotografien, sie bestimmen mit. Gill zerrt weder vor die Linse, noch bildet sie fahrig ab. Ihre Fotografien schaffen Nähe, ohne voyeuristisch zu sein. Und bei aller Unaufgeregtheit besitzt ihr Werk eine Kraft, die neben der künstlerischen auch eine politische ist.

Gauri Gill studierte Fotografie an der Parsons School of Design in New York, sie arbeitete eine Zeit lang in Indien als Fotojournalistin, was sie in Kontakt mit den Menschen in der nordwestlichen Grenzregion Rajasthan brachte. Im Jahr 1999 begann sie die Arbeit an der Serie „Notes from the Desert“ - eine Langzeitstudie des Lebens in der Wüste Thar. Gill baute Beziehungen zu den dort lebenden Menschen, zu nomadischen Jogis, Musliminnen und verschiedenen Gemeinschaften auf. Der Werkkomplex umfasst mittlerweile mehrere tausend Fotos, von denen eine Auswahl in der Schirn gezeigt wird. „Notes from the Desert“ ist als offenes Archiv angelegt, das aus vielen Stimmen besteht, vielen Eindrücken, die sich zu einem kollektiv geschaffenen, aber niemals fertiggestellten Gesamtbild zusammenfügen.

Ganz nah kommt Gauri Gill dem muslimischen Mädchen Jannat, das in einem entlegenen Wüstendorf mit seiner Mutter und seiner Schwester zusammenlebte. Eine 52-teilige kleinformatige Serie (1999-2007), zeichnet ein eindrückliches Bild von einem familiären Mikrokosmos, innerhalb eines Lebens als religiöse Minderheit, als Frauen, in Armut. Auf den Fotografien sieht man Jannat in ihrem Alltag, auf dem Boden hockend und spülend, oder spielend, oder in sich gekehrt. Gill pflegte über viele Jahre engen Kontakt zu der Familie und lebte sogar einige Zeit bei ihr. In der Ausstellung wird Jannat zugleich ein Denkmal gesetzt: Sie starb 2007 mit nur 23 Jahren an einer nicht näher bekannten Krankheit.

Das Sichtbarmachen von Frauen und Mädchen in Indien ist ein Antrieb für Gauri Gills Arbeit, das spricht auch aus der Serie „Balika Mela“ (2003 und 2010): Bei einem von einer lokalen aktivistischen Organisation in der Wüstenstadt Lunkaransar in Rajasthan organisierten Festival für Mädchen, nahm Gauri Gill Porträts der Mädchen auf, zuerst in Schwarz-Weiß, dann in Farbe, bei denen die Porträtierten sich selbst inszenierten, sich ihres eigenen Bildes ermächtigten.

In dem anderen Projekt „Acts of Appearance“ (seit 2015) arbeitete Gill mit lokalen Künstlerinnen und Künstlern indigener Adivasi-Gemeinschaften zusammen. Aus Pappmaschee formten sie zeitgenössische Varianten traditioneller, ritueller Masken: Tiermasken und solche, die Gebrauchsgegenstände und menschliche Gefühlsausdrücke zeigten. Dann inszenierten sie sie in Alltagsszenen für Fotos – auch diese nun farbig. Herausgekommen sind skurrile Szenen in einem alltäglichen Umfeld, Motive, die auf spielerische Weise Deutungsebenen eröffnen und beispielsweise Fragen nach lokalen Effekten der Globalisierung aufwerfen. Gleichzeitig demonstriert die Serie auch, wie Gill ihr eigenes künstlerisches Konzept einer um Inszenierung erweiterten Dokumentation ausdehnt.

Mit ihren Fotoserien hat Gauri Gill bisher schon an bedeutenden Gruppenausstellungen teilgenommen, unter anderem an der 58. Biennale in Venedig und der Documenta 14. Ihre erste große Überblicksausstellung hat Kuratorin Esther Schlicht jetzt so ausgiebig inszeniert, dass man von einer wirklich großen Entdeckung sprechen möchte: Sie zeigt Gauri Gills Werk in seiner Vielfältigkeit, Gegenwärtigkeit und Schönheit.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 8. Januar. schirn.de

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