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Evelyn Richter, hier 2013 im Museum der bildenden Künste in Leipzig.

Fotografie

Fotografin Evelyn Richter wird 90: Wie der Mensch zu sich findet

Evelyn Richter, Leitfigur der Leipziger Fotografie, feiert am Freitag ihren 90. Geburtstag. Dresdens Albertinum zeigt das Lebenswerk.

Sie klopfen die Krusten von der Seele, diese uninszenierten, fast schmerzhaft ehrlichen und meist melancholischen Schwarz-Weiß-Bilder aus der Zeit von 1945 bis zum Ende der DDR und darüber hinaus. Evelyn Richters Foto-Ästhetik ist unübersehbar inspiriert von der Magnum-Fotografie um Cartier-Bresson und von Edward Steichens Werken 1955 in der Westberliner Schau „The Family of Man“. Die hat sie damals gesehen.

Aber sie war, bis 1989, auch geprägt vom realen Sozialismus. Die Fotos dieser Leipziger Fotografin, die im Alter wieder in ihrer alten Heimat in Bautzen, heute in Dresden lebt, haben sich ins kollektive Gedächtnis der einstigen DDR-Bürger, vor allem der Freunde der Fotografie, eingeprägt. Und sie haben Leuten aus anderen Ländern gesagt, wie sehr diese Sächsin mit ihrer Leica etwas zutiefst Menschliches und Universales anspricht.

Evelyn Richter wird heute 90 Jahre alt und Dresdens Albertinum breitet ihr Lebenswerk aus. Ihr berühmtes Berliner Pendant, die Fotografin Helga Paris, wurde kürzlich in der Akademie der Künste geehrt. Nun ist die ältere, einstige Leipzigerin dran: Mit all den Aufnahmen von Menschen im Alltag: Alte und Junge, mit ihrem eigenen Leben, mit Träumen. Und mit Biografie zwischen Kinn und Stirn. Richter beharrte stets auf ihrer Stilistik, einer betont subjektiven, niemals vereinbar von Ideologie. Oder von Moden. Sie fotografierte hinter den Kulissen der Propaganda. Das machte sie zur DDR-Zeit zu einer Instanz der dokumentarischen Fotografie. Sie beschäftigte sich mit Otto Steinerts „subjektiver fotografie“ – und geriet mitten in die absurde Formalismus-Debatte, unter der bis in die siebziger Jahre die ganze DDR-Kultur stöhnte. Die sollte nur zeigen, was sein sollte, nicht was wirklich war. Die Antwort auf die Situation war, gerade an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo sie nach der Fotografenlehre in Dresden studierte, eine sozialdokumentarische Fotografie. Ohne Pathos, ohne verlogene Romantik. Nicht lange danach wurde die Studentin Richter exmatrikuliert. Viel später erst und immer mehr anerkannt, hat sie dann, zusammen mit dem Berliner Fotografen Arno Fischer, an dieser Schule gelehrt.

Ihre Fotos zeigen eine Sicht, die merkwürdig verstört. Es ist die Art, wie die Kamera die Linien der Gesichter, die Mimik, die Gestik nachzeichnet: zärtlich gnadenlos. Sie sagte einmal in einem Gespräch: „Ich will im Porträt zeigen, wie der Mensch zu sich findet. Ich suche den Augenblick der Konzentration, nicht das Extreme. Der Modebegriff Momentfotografie ist für mich ein einziges Missverständnis.“

Endlos geduldig hat sie mit ihrer Kamera vor Mattheuers anti-optimistischem Bild „Die Ausgezeichnete“ in der achten Dresdner DDR-Kunstausstellung gelauert. Bis zu dem Moment, als eine Frau mittleren Alters davor stand, der Fotografin das Gesicht zuwandte. Das ist, wie das der Frau im Gemälde, müde, abgearbeitet, illusionslos, leer. Damals hetzten Funktionäre gegen das Motiv, so sähen in der DDR die Bestarbeiterinnen doch nicht aus!

Jetzt hängt das Foto im Albertinum, eine Arbeit ohne offiziellen Auftrag. Evelyn Richter wollte nie gefällig sein und nichts schönen. Sie hat sich diese Maxime vorgegeben: „Wir sollten darum bemüht sein, in der Zeit absoluter Manipulation gegen die Flut der verlogenen Bilder die individuelle Leistung des verantwortungsvollen Fotografen durchzusetzen, der für die Glaubwürdigkeit mit seinem Namen bürgt.“

„Vor Wolfgang Mattheuers Gemälde ,Die Ausgezeichnete‘ im Dresdner Albertinum“, 1975.

Ihre Kamera setzte einst an bei den Ruinen Leipzigs im Jahr 1945 und dem mühseligen Alltag der Überlebenden. Eine Zeitungsverkäuferin auf den Treppen einer Unterführung lässt einen an die Aufnahmen von alten Leuten denken, die Alexander Rodtschenko in Moskau und Leningrad Ende der Zwanziger machte. Richters Motive erzählen unsentimental, dennoch mit Trauer, wie sehr Leipzig bis 1989 eine Stadt des Ruinösen geblieben war.

Für Evelyn Richter hieß fotografieren immer, Menschen, Dinge und Zusammenhänge zu sehen: in den Bildnissen berühmter Musiker wie in denen von müden Schichtarbeitern in der Leipziger Straßenbahn. Die Erschöpfung eines der Männer ist nicht zu übersehen. Aber dass er im Schlaf die schwieligen Hände wie Werkzeuge nach der Arbeit abgelegt hat, das sagt uns erst die Fotografin.

Die sich auch entscheiden konnte, kein Foto zu machen, damals, am 8. Mai 1977 im russischen Sagorsk: Ein Besoffener hing am Staketenzaun wie ein El-Greco-Kruzifix. Am Straßenrand Männer mit Hüten und langen Ledermänteln: „Mein russischer Begleiter wäre gefährdet gewesen, hätte ich fotografiert. Also steckte ich die Kamera weg.“

Ein gutes Bild muss für sie auch ein Gleichnis sein, tief erlebt, emotional verdichtet. Und weil bei ihr Fotografie mit viel Empathie und wenig Technik entstand, schwörte sie auf die gute alte Leica, leicht und leise. Ihre allererste wurde mit Hilfe eines Gewandhaus-Musikers bei einer Konzertreise in den Westen besorgt, getauscht gegen eine silberne Konzertflöte aus dem Vogtländischen Musikwinkel.

„Dass ein Foto faktisch Wirkung erzeugt, ist eigentlich ein Schrecken, aber die gute Form überlebt,“ sagte sie beim Ateliergespräch. Form allein aber genügt ihr nicht, das wäre „Dekoration“. Egon Erwin Kisch habe sie beeindruckt mit seinem Satz, nichts sei sensationeller als die Wahrheit. Richter übersetzt Wahrheit mit Realität. „Aber Fotografie ist auch manipulierbar, darum hat die Autorschaft so große Bedeutung. Man bürgt mit seinem Namen für seine Arbeit, denn der Betrachter sieht nur, was er weiß.“

Albertinum Dresden:bis 3. Mai (3.-7.2. geschlossen). albertinum.skd.museum

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