Roger Melis: Rue Muller, Paris 1982.
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Roger Melis: Rue Muller, Paris 1982.

Roger Melis & Paris

Das Erstaunen weicht dem Erleben

  • vonJürgen Verdofsky
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Er war als Ost-Berliner in Paris zu Fuß unterwegs: Roger Melis.

Unter der rätselhaften Front des Fremden macht sich das ähnlich Fühlende verständlich. Der Fotograf Roger Melis darf im Frühjahr 1982 zu einem vierwöchigen „Studienaufenthalt“ von Ost-Berlin nach Paris reisen. Er kennt sich nicht aus, das Geld und sein Französisch sind schmal, aber Freunde nehmen ihn auf, künstlerische Empathie und souveräne Entdeckerlust sind groß. Sein „Erstaunen weicht dem Erleben“.

Vier Jahre später hat der Fotoband „Paris zu Fuß“ sich durch die Zensur gekämpft, erscheint in einer Auflage von 40 000, wird zu einem der erfolgreichsten Fotobücher in der DDR, zum Paris-Band an sich. Durch den spaltbreit offenen Vorhang fällt Licht: Verlockend ungelebtes Leben, unerreichbar in seiner Andersartigkeit. Ein „Geleitwort“ Stephan Hermlins klang für die festsitzenden Menschen wie Hohn, wenn er sich als Bewunderer von Paris zu erkennen gab, um gleich anzufügen, in einem Land zu leben, aus dem „man nicht so einfach nach Paris reisen kann“. Für Roger Melis hieße das: „Glück gehabt.“ Dieses zeitgeprägte Vorwort wird in die veränderte Neuausgabe des Lehmstedt-Verlages nicht übernommen. „Paris zu Fuß“ zeigt sich in neuer Bilddramaturgie anlässlich einer Ausstellung der Galerie argus fotokunst in Berlin zum 80. Geburtstag des 2009 verstorbenen Melis und quasi als fünfter Band einer Werkausgabe, herausgegeben von Mathias Bertram. Neben 85 Aufnahmen der Erstausgabe stehen 30 Fotos aus dem Nachlass.

Namhaft geworden ist Melis mit Autoren- und Künstler-Porträts. Doch auch in seinen Fotostrecken mit Menschen im Alltagsleben aus dem eigenen „stillen Land“ gibt es Straßenfotografie. Auch sonst kam der Freigänger aus Ost-Berlin nicht unvorbereitet nach Paris. Die legendären Fotografen Henri Cartier-Bresson, Brassaï, Izis oder Édouard Boubat waren ihm geläufig, nicht zuletzt lehrte er auch an der Kunsthochschule in Weißensee. Das Buch „The Americans“ von Robert Frank gehörte zum künstlerischen Gepäck, wie auch die Aufnahmen des befreundeten Arno Fischer zur „Situation Berlin“. Und wie viele Ostdeutsche lebte Melis unter einer Überwölbung französischer Kultur, die von Sartre und Camus, über Piaf, Gréco und Montand bis zu den Filmen von Godard und Truffaut oder Louis Malle und Chabrol reichte.

Das viel befabelte französische Kino zeigt sich auch auf dieser Reise mit seiner ganzen Werbekraft. „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ beherrscht eine Metrostation, die Menschen davor scheinen vereinzelt und verloren. Vor dem Plakat des Films „Der Schock“ sieht ein junger Schwarzer in die Kamera – gedoppelt mit Alain Delon und Catherine Deneuve, die Pistole des Filmkillers im Rücken. Sein waches Gesicht verrät andere Sorgen als die der Filmwelt. Und doch ist dieses Paris für die eingemauerten Ostdeutschen immer auch Filmkulisse. Sie kennen die Pariser Plätze und Boulevards aus dem Kino. Aus den Cafés oder vornehmen Hauseingängen der Rue La Fayette oder Rue Mouffetard könnte unerwartet Alain Delon treten wie im „Eiskalten Engel“. Die Schwarzweißbilder lassen ohnehin an Kamera-Einstellungen bei Jean-Pierre Melville denken.

Die Bilderfolgen aus dem Paris von 1982 leben bei Melis von der Gleichzeitigkeit des Verschiedenen, kommen zu einer Steigerung durch Polarität. Sorgenvolle Armut und selbstgefälliger Wohlstand. Der Clochard beim Überleben auf der Straße und der Bourgeois vor der Oper. Dazu all diese sich kreuzenden Leben im Pariser Alltag, die sich ohne Zuordnung bewegen. Gesichter voller Lebenslust, mit gezügelter Freude, aber auch mit falscher Unschuld, aufgesetzter Unbefangenheit oder mit offenen Zügen der Sorge und Entgeisterung. Leben im Wechsel aus Tempo und Langsamkeit, Heiterkeit und Melancholie.

Der Gegenwartsbezug der Menschen im Bauch von Paris und die Ewigkeitsperspektive von Notre-Dame, Panthéon oder Louvre. Die Rangunterschiede in der Architektur, die Referenz-Ästhetik der Quartiere, die Traufhöhe und Blockbebauung im Gegensatz zur Nervosität und Geschwindigkeit der Stadt. Genau dieses urbane Nebeneinander fotografiert diskret, aber pointiert der Flaneur Melis. Nirgends Paris-Klischee. Der Eiffelturm ist nur am Horizont vom 7. Arrondissement zu sehen.

Die Straße wird für Fotografen immer auch zur Flucht aus dem Interieur. Erst recht in der eigengesetzlichen Welt des Pariser Alltagslebens. Melis’ Kamera lässt in ihrem Weltausschnitt nichts außer Acht. So erinnert die zugeparkte, abschüssige „Rue Muller“ im 18. Arrondissement mit ihrem Straßenschmutz, den bröckelnden Fassaden und der Enge des Wohnens an ein zeitgleiches Ost-Berlin. Und doch ist alles anders: Im maroden Eckbistro zeigt sich ein Laissez-faire in der „Sonne am Hügel“. Der in sich ruhende Kleinbürger führt seinen Hund mit Halsschirm. Eine junge Frau rennt wie in freudiger Erwartung mit einem Baguette lebhaft durchs Bild. Oder ein Weitwinkel-Paris am Quai du Marché Neuf auf der Seine-Insel Île de la cité: Der klassische Zeitungsleser im Schatten auf der Ufertreppe, junge Menschen sonnen sich am Ufer in der Frühlingssonne oder flanieren. Gelassenheit, Selbstgewissheit und vor allem Muße an einer geradlinigen Brücke neben schrägwachsenden Bäumen.

Die Anziehungskraft der Paris-Aufnahmen des Roger Melis liegt völlig jenseits aller Ereignis-Fotografie, wächst aus einer sehr individuellen Beobachtung zur Bedeutung. Manches Foto ist schon für sich allein Parabel, rafft das ganze Geschehen. Das Foto als Reaktions- und Denkleistung. Und nicht zuletzt eine Kunstschöpfung durch mitwirkendes Unterscheiden. „Paris zu Fuß“ ist sowohl Kunstwerk als auch Dokument, aber erschöpft sich nicht im Historischen. Auch wenn jeder seine eigene feste Meinung von Paris hat, dieser Band lässt neu sehen.

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