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Fotografie von Torben Eskerod: Schaut genau hin

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Von: Sylvia Staude

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Aus der Serie „Hypnotists“, 1993.
Aus der Serie „Hypnotists“, 1993. © Torben Eskerod, 2022

„Findings“ von Torben Eskerod im Fotografie Forum Frankfurt.

Manchmal findet man etwas ganz zufällig. Einen Euro, wenn man wegen einer Straßenschwelle den Kopf senkt. Eine Vogelfeder auf der Wiese, weil sie weiß ist und nicht grün. Nach anderem muss man eigens schauen. Oder wenigstens die Aufmerksamkeit mitbringen für das Bemerkenswerte einer bestimmten Sache. Für das Dahinter von Dingen, an denen andere achtlos vorübergehen. Und wenn man es gesehen hat, kann man auch andere darauf aufmerksam machen.

Die Ausstellung „Findings“ (Fundstücke, aber auch Erkenntnisse) des dänischen Fotokünstlers Torben Eskerod war bereits einmal im Fotografie Forum Frankfurt aufgebaut – gleich nach der Eröffnung kam der erste große Lockdown. Das Grußwort der dänischen Botschafterin Susanne Hyldelund im Begleitheft bezieht sich also noch auf 2020, aber ihr Eskerod-Lob hat natürlich nichts von seiner Gültigkeit verloren.

Man kommt zur Ruhe in dieser Ausstellung, sobald man sich eine Weile in ihr aufhält. Man fühlt sich veranlasst, genau hinzusehen. Dabei braucht man bei den allermeisten Aufnahmen nur Sekunden, um zu erfassen, was da zu sehen ist.

„Heads“ zum Beispiel, eine Fotoserie kopfförmiger Holzstücke mit Gebrauchspuren, auf die Perücken gesetzt werden können, zur Aufbewahrung oder Bearbeitung. „Hidden“, eine andere Serie Eskerods, die mit weißem Stoff verhängte Gemälde in der Nationalgalerie von Dänemark zeigt – aber was heißt hier zeigt: Denn was auf den Bildern ist, in welchem Stil, welchen Farben, das kann man nicht einmal erraten. Ähnlich „Maria“, der Däne fotografierte diese Serie in einer ehemals katholischen Kirche, deren Wandbilder in der Reformation übertüncht wurden. Weiße Gewölbe, weißes Mauerwerk – man betrachtet trotzdem jede Nuance und jeden zartgrauen Schatten mit Interesse.

„Prayer“, entstanden 2003, ist eine Reihe schwarz-weißer Porträtbilder alter Frauen, die man unschwer als Ordensschwestern erkennt. Man schaut in runzelige Gesichter am Ende eines Gott gewidmeten Lebens. Eine der Frauen lächelt mit großer Wärme, auch wenn sie dabei ihre schadhaften Zähne entblößt. Eine andere wirkt verbittert. Vielleicht tut man ihr unrecht.

Überhaupt Gesichter, auf alle möglichen Weisen bildet Torben Eskerud sie ab. Als „Life and Death Masks“, Gipsabdrücke von Lebenden und auch Toten, die er zum Teil so fotografiert, wie sie im Museum gelagert werden: in durchsichtigen Plastikhüllen. Sie wirken trotzdem lebendig, man hat den Impuls, ihnen Luft zum Atmen geben zu wollen.

Die Gesichter-Serie „Campo Verano“ ist auf dem römischen Friedhof entstanden. In Italien ist es üblich, kleine Porträtbilder der Verstorbenen auf den Grabstein setzen zu lassen, mit den Jahren und Jahrzehnten verblassen sie, fransen aus, lösen sich auf. So dass Eskerud das langsame Verschwinden der Gesichter dokumentiert. Und auf diese Weise auch das Verstreichen der Zeit. Ähnlich geschieht es bei „Flowers“, einer Serie zu Kunststoffblumen auf brasilianischen Friedhöfen. Sie können nicht verblühen, aber in viel längeren Zeiträumen können sie doch verfallen, vermoosen, schimmeln, sich verfärben.

Torben Eskeruds Werk ist geradlinig, er macht auch kein Geheimnis um die jeweiligen Umstände der Entstehung von Bildern und Serien. „Marselis“, winterschwarze Äste von Bäumen gegen einen unnatürlich gefärbten Himmel oder im Nebel, entstand in den Marselisborger Wäldern mit einem Film, der seit 40 Jahren abgelaufen war. Das alte Material gibt dem eigentlich Vertrauten einen ungewöhnlichen, ein bisschen beunruhigenden Schimmer. Und die Männer, deren intensive Blicke einen gleich bei Betreten des Fotografie Forums festhalten, sind „Hypnotists“, Hypnotiseure bei der Arbeit.

Nicht zuletzt ist Torben Eskeruds Werk aus Zugewandtheit und Menschlichkeit entstanden. Ob er kranke, behinderte Menschen fotografiert, die sich in einem brasilianischen Dorf eine Zuflucht geschaffen haben, oder jedes Jahr die Klassenkameradinnen und -kameraden seines Sohnes: Mit-Menschen sehen die Betrachterin, den Betrachter dieser Ausstellung an.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 6. März. www.fffrankfurt.org

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