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Fotografie-Triennale Hamburg: In der Schule des schärferen Sehens

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Von: Ingeborg Ruthe

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RaMell Ross, „Man (which is his nickname)“, 2019, aus der Serie „South County, AL (a Hale County)“, 2012-heute.
RaMell Ross, „Man (which is his nickname)“, 2019, aus der Serie „South County, AL (a Hale County)“, 2012-heute. © RaMell Ross

Die 8. Triennale in Hamburg zeigt an zwölf Ausstellungsorten Aufnahmen von 77 Fotografinnen und Fotografen aus aller Welt.

Was hat Fotografie nicht alles zu leisten: Draufblicke, Einblicke, Aussichten und Einsichten. Mal Erhabenes, mal Spektakuläres oder Einzigartiges, was wir entweder noch nie oder so noch nicht gesehen haben. Auf jeden Fall soll Fotografie eine Geschichte erzählen. Zumindest Zeitfetzen zeigen, Ausschnitte der Wirklichkeit.

Von Fotografie werden auch extravagante Inszenierungen verlangt: Illusionen, nach denen die postmoderne Gesellschaft süchtig ist. Die Fotografie steht unter hohem Erwartungsdruck, seitdem sie in der Moderne erst zur Kunst und dann über das Internet respektive den Selfie-Wahn zum Massenmedium avancierte. Wer einen professionellen Anspruch hat, muss sich nun aus der Flut der geknipsten Beliebigkeiten herausarbeiten.

Und siehe da: Alle diese Ansprüche werden derzeit in Hamburg überreichlich befriedigt, dazu gibt es jede Menge politische, soziale, empathische oder analytische Foto-Statements zur Situation der Menschheit auf dem Blauen Planeten. „Currency“ (Währung bzw. Verbreitung) heißt diese bis zum Herbst anhaltende Foto-Regatta an Land, schippernd zwischen Museen, Elbe, Innen- und Außenalster, Landungsbrücken, Vorstädten. Von Nobelorten bis zum Sozialen-Brennpunkt-Viertel. Welche „Währung“ ist nun die Kunst der Fotografie? Was kann sie uns sagen? Was bewirken?

Alle drei Jahre steht Hamburg im Zeichen anspruchsvoller Fotografie, diese große Schau findet schon zum achten Mal statt. Sie wird ausgerichtet von der Hansestadt und wurde einst begründet von der Hamburger Fotografie-Ikone F.C. Gundlach und dessen Privatsammlung. Als die aus Kamerun stammende künstlerische Leiterin der Triennale, Koyo Kouoh, sonst Direktorin des Museums Mocaa Kapstadt, und ihr internationales Team (Rasha Salti, Gabriele Beckhurst Feijoo und Oluremi C. Onabanjo) diesen Fotoparcours planten, erschwerte Corona die Vorbereitungen. Die Situation brachte auch wertvolle Erfahrungen über die existenzielle Lage der irdischen Welt mit, zugleich erlebten alle die Kraft gemeinsamer Anstrengungen und ungeahnter kreativer Fähigkeiten.

Niemand aber hatte Putins Aggressionskrieg gegen die Ukraine auf dem Schirm. Das Thema konnte derart kurzfristig keinen Eingang mehr finden in die Ausstellungen der großen Kunsthäuser Hamburgs. Dennoch zeigt sich immerhin ein Gegenbild zum Kriegsgeschehen – als „fürsorgliche Belagerung durch Bilder“, wie es zur Eröffnung hieß.

Diese Triennale fügt sich zu einer langen Erzählung über Stadt, Land und Menschen auf dieser schönen und doch so bedrohten Welt. Sie soll eine „Schule des schärferen Sehens“ sein, denn die vielschichtigen Interpretationen des Themas „Currency“ lassen Fotografie sowohl als selektionsbedürftige Bilderflut, als Tauschwert, aber auch als Mittel der Manipulation und damit Macht begreifen. Ebenso als kostbaren Dialog zwischen den Kulturen: der rote Faden für eine Erzählung von Zeitgeschichte.

Welche kulturelle Vermögensgarantie die Fotografie großer Meister darstellt? Das wird als Prolog in den Deichtorhallen deutlich, vor allem anhand der F.C.-Gundlach-Collection. Der Altmeister hat ja 2003 die Gründung des Hauses der Photographie hier am Ort erst ermöglicht.

In der Halle für aktuelle Kunst ist unter dem Titel „Beyond Capture“ (Jenseits der Gefangennahme) experimentelle Fotografie aus aller Welt zu sehen, die sich auf geopolitische Zustände bezieht. Dazu gehört das riesige Fototableau des Analytikers Alfredo Jaar aus Chile. Er spricht darin gegenwärtige Militär-Interventionen und Besetzungen sowie den Postkolonialismus an und verweist auf naturzerstörende Industrie-Areale in den ärmsten Ländern. Und wir sehen Fotoserien zur – auch exzessiven – Emanzipation queerer Communities sowie Dokumente von der Lebensbehauptung alter Kulturen im arabischen und asiatischen Teil der ehemaligen Sowjetunion.

Auch belegt diese Triennale den Wert des Mediums für den Alltag und für sämtliche Lebensbereiche durch Dokumentarfotografie. Noch lange wirken bei mir die im Hamburger Kunstverein ausgebreiteten Fotos der Amerikanerin LaToya Ruby Frazier nach. Ihr Thema ist der Wasserskandal vor fast sieben Jahren in der 82 000-Menschen-Stadt Flint im Bundesstaat Michigan. Das Trinkwasser war bleiverseucht, aber bei den Wasserwerken, in privatem Besitz, wurde nichts unternommen. Die Grundversorgung war als Grundrecht ausgehebelt. Manager hatten aus Kostengründen Wasser aus dem Flint River ungefiltert ins Trinkwasser pumpen lassen. Menschen starben, Kinder erkrankten schwer.

Es betraf vor allem die schwarze Bevölkerung, die sich den Kauf teuren Mineralwassers zur Zeit der Katastrophe nicht leisten konnte. Erst 2020 ordnete ein Gericht Entschädigungszahlungen an.

Um Wesentliches geht es ebenso im Hamburger Museum der Arbeit. Streikkämpfe, Demonstrationen, wilde Aktionen und Polizeigewalt belegen Existenzkämpfe in Westdeutschland und in Südafrika. Leider wird der Arbeitskampf vieler Industriebereiche in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung ausgespart.

Etliche Museen widmen sich der Fotografie als Kunstform. So die Kunsthalle mit Video-Installationen und starken politischen Aussagen von Thomas Ruff und Martha Rosler gegen den Krieg. Im Museum für Hamburgs Geschichte performt die schwarze Tänzerin Eva Lomby mit Kopien alter Münzen aus der einstigen Kolonie Deutsch-Ostafrika vor Trophäen aus dieser Region. Der Fotograf Chris Schwagga schuf daraus so schöne wie denkwürdige Foto-Stelen.

Und das Museum am Rothenbaum lässt das Publikum eintauchen in ein die Kolonialgeschichte erzählendes Fotoalbum aus Singapur anno 1868. Der Fotokünstler Kelvin Haizel aus Ghana machte daraus eine Raum-Bild-Installation als „Archiv der Erfahrung“. Dann gelangt man in vier Ausstellungen, in denen Fotografie-Geschichte der Moderne lebendig wird. Sie belegen, wie sehr Kunst aus Kunst, ergo Fotografie aus Fotografie kommt.

Zum Deichtorhallen-Ensemble gehört auch die in einer alten Industriehalle in Harburg präsentierte Sammlung Falckenberg. Da wird der Nachlass der Hamburger Fotografin Charlotte March (1929–2005) ausgebreitet: 300 Bilder seit den 50ern bis in die 80er-Jahre. Hochästhetisch wirken ihre Modefotografien. Das Frühwerk trägt den Stil der humanistischen Family-of-Man-Fotografie um Edward Steichen, von August Sander und späteren Magnum-Fotografen. Sie richtete ihr Objektiv auf die unglamourösen Ränder der Gesellschaft im Nachkriegshamburg, setzte das Gefühl von Freiheit und Emanzipation ins Bild: Kühn ist ihre weibliche Sicht auf den männlichen Körper. Sie war die erste deutsche Fotografin, die mit schwarzen Modellen arbeitete. Einige dieser fast als Statuen zelebrierten Körperporträts der Serie „Trevor“ halten mit den Ikonen eines Robert Mapplethorpe mit.

Nachgerade eine Liebeserklärung an Hamburg sind die „Chiffren einer Stadt“ von Hans Meyer-Veden (1931–2018) im idyllisch in einem Landschaftspark an der Elbe gelegenen Jenisch-Haus in Flottbeck/Altona. Diese Hamburger Wiederentdeckung erfasst, mit einem besonderen Blick fürs Beiläufige und mit herber Poesie, die mannigfachen Formungen der Wellen der nahen Nordsee und der Alster. Auch die Grammatik der Klinkerarchitektur, von der Speicherstadt bis zu den hanseatischen Ein- und Mehrfamilienhäusern, die Tristesse der Vororte und den malerischen Wildwuchs der Natur in ungenutzten Gärten, Brachen, Grünanlagen nach dem Krieg. Das war lange vor Bauboom und Gentrifizierung.

Den markantesten und sogar zweifachen Auftritt in der Bilderflut dieser Triennale hat zweifellos der Hamburger Fotograf und Aktivist der Schwulen-Bewegung Herbert List (1903–1975) im Bucerius Kunst Forum mit „Das magische Auge“ sowie mit „Präuschers Panoptikum“ im Museum für Kunst und Gewerbe. Zu erleben ist eine Zeitreise von den „Freiheiten“ der Weimarer Republik über die NS-Zeit in der griechischen Emigration – die doppelte doppelte Retrospektive eines genialen Körper-Fotografen und Surrealisten, unbedingt eine eigene Betrachtung wert. Kaum ein anderer seiner Zunft vermochte den Traum von der lebenden Antike, das Hintergründige, Absurde und Mehrdeutige so gekonnt in Szene zu setzen.

8. Triennale der Photographie in Hamburg : bis 18. September. www.phototriennale.de/de

Herbert List, „Geist des Lykkabettos“, Athen 1937. Foto: Herbert List Estate/ Magnum Photos/Agentur Focus
Herbert List, „Geist des Lykkabettos“, Athen 1937. Foto: Herbert List Estate/ Magnum Photos/Agentur Focus © Herbert List Estate/ Magnum Photos/Agentur Focus

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