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Yva (1900–1944), Reise- und Segelanzug, ca. 1932.
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Yva (1900–1944), Reise- und Segelanzug, ca. 1932.

Städel

Fotografie im Städel: Auf, unter nah: Das Zeitalter der Perspektiven

  • VonSandra Danicke
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Das Frankfurter Städel zeigt die verblüffend originelle Fotografie der 20er und 30er Jahre.

Im ersten Moment irritiert die Größe, genauer die fehlende Größe der Bilder. Bei Fotografie-Ausstellungen rechnet man ja immer mit opulenten Abzügen. Doch die Aufnahmen, die derzeit das Frankfurter Städel Museum unter dem Titel „Neu sehen. Die Fotografie der 20er und 30er Jahre“ ausstellt, sind fast durchweg kleinformatig abgezogen. Man muss nah herangehen, was der Betrachtung etwas Intimes verleiht.

In sieben Kapiteln werden hier wesentliche Aspekte der künstlerischen Fotografie einer Zeit vorgestellt, die äußerst kreativ und innovativ war. Darunter Themenbereiche wie Pflanzen, Werbung, Industriefotografie und Propaganda. Dank verbesserter technischer Entwicklungen erlebte die Fotografie gegen Ende der Weimarer Republik einen enormen Aufschwung. Die Menschen waren hungrig auf Bilder und neue Blickwinkel. Die Erfindung der Kleinbildkamera, lichtstarke Objektive und portable Blitze provozierten eine neue, dynamischere Art des Sehens mit ungewohnten Perspektiven. Dramatische Auf-, Unter- und Nahsichten spiegelten den Fortschrittsoptimismus des neuen technischen Zeitalters genauso wie nüchterne Sachfotografie. Zahlreiche neue Zeitungen und Zeitschriften erschienen, die Werbung boomte.

Die mangelnde Größe der Bilder mag damit zusammenhängen, dass sie, obwohl sie einen künstlerischen Anspruch hatten, teilweise zu Studienzwecken entstanden – darauf deuten etwa die 1928 entstandene Aufnahme fliegender Würfel von Anton Stankowski hin oder die „Wasserexperimente“, die Hannelore Ziegler um 1935 durchführte. Die Bewegung fließenden oder spritzenden Wassers ist hier auf spektakuläre Weise eingefroren. Und natürlich entstanden zahlreiche Aufnahmen im Hinblick auf einen Nutzer und nicht auf einen Ausstellungskontext, etwa zur Dokumentation von Forschungsergebnissen oder als Illustration in populärwissenschaftlichen Sachbüchern, die in den zwanziger Jahren en vogue waren. Vor allem Mikro- und Makroaufnahmen waren beliebt und dienten als Vorbilder für die Produktgestaltung. So sehen die Springkrautstängel, die Karl Blossfeldt 1928 fotografierte, aus wie elegante Zaun-Elemente.

Nicht nur ausgewiesene Fotografen wie Albert Renger-Patzsch sicherten sich auch einen Nebenverdienst mit Reklamefotos – ein Begriff, der damals übrigens keineswegs als abfällig empfunden wurde. Von Hans Finsler ist ein erstaunlich interessantes Werbemotiv für Sockenmode zu sehen, und Hein Gorny schuf mit Bahlsen-Keksen und deren Verpackungen ein fast schon abstraktes Raster mit Licht- und Schatten-Effekten. Werbung und Kunst, so scheint es, waren eine fruchtbare Allianz eingegangen.

Spektakulär für ihre Zeit sind auch die Modeaufnahmen von Yva. 1925 hatte die Berliner Szenefotografin, die unter dem Namen Else Ernestine Neuländer-Simon geboren wurde, ein Atelier für Mode- und Werbefotografie eröffnet. Aufträge erhielt sie vor allem von den großen Illustrierten des Ullstein-Verlages wie „Die Dame“ oder „UHU“. Im Städel sind derzeit ein „Regenmantel mit praktischer Rückenfalte“ sowie ein „Reise- und Segelanzug“ zu sehen, doch legendär sind vor allem Yvas elegante Inszenierungen von Damenbeinen in Seidenstrümpfen. Wenngleich es ihr Schüler Helmut Newton war, der mit langen Damenbeinen zu Weltruhm gelangte. „Dass ich bei Yva lernen durfte, war der Olymp für mich“, so Newton.

Andere Sehbedürfnisse befriedigte Friedrich Seidenstücker, der bereits eine Ausbildung als Maschinenbauer hinter sich und eine Weile erfolglos als Bildhauer gearbeitet hatte, als er das Fotografieren zum Beruf machte. Seidenstücker hatte sich auf Tiere und Frauen spezialisiert. Er war Stammgast im Berliner Zoo, fotografierte Akte und Sportlerinnen. Seine eigenwilligen Ansichten waren nicht nur in den späten zwanziger Jahren gefragt. Von 1932 bis 1934 erschienen seine Bilder im Ullstein Verlag in bis zu 70 verschiedenen Publikationen jährlich. Auch die Nationalsozialisten schätzen seinen ganz eigen anmutenden Blick auf Zebrahintern und Speerwerferinnen.

Während die avantgardistischen Strömungen in Malerei und Bildhauerei im Nationalsozialismus diffamiert wurden, gab es in der Fotografie keine spürbare Zäsur. Im Gegenteil: Wie die Suche nach neuen Seherfahrungen im NS-Staat gezielt für propagandistische Zwecke eingesetzt wurde, belegen zahlreiche Beispiele der Ausstellung. Etwa die theatralischen Hitler-Porträts, die der Nationalsozialist Heinrich Hoffmann vom selbst ernannten Führer anfertigte, und die man so bereits aus dem Theater- und Tanz-Kontext kannte.

Dass die Nationalsozialisten auch Bilder unliebsamer Fotografen und Fotografinnen nutzten, indem sie sie unter falschem Namen publizierten, belegen Beispiele von Yva und Willy Zielke, der als Fotograf und Regisseur mit Leni Riefenstahl zusammengearbeitet hat. Nachdem er in die Psychiatrie eingeliefert und entmündigt worden war, veröffentlichte Riefenstahl seine Aufnahmen unter ihrem Namen. Yva wurde Anfang der vierziger Jahre im Konzentrationslager Majdanek ermordet. Auf ihre Bilder wollte man trotzdem nicht verzichten.

Städel Museum, Frankfurt: bis 24. Oktober. www.staedelmuseum.de

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