feu_hauswald_konzert_1988_2
+
Harald Hauswald: Konzert von Big Country, Radrennbahn, Weißensee, Berlin, 1988.

Harald Hauswald

Die, die aushielten, die, die weggingen

  • vonIngeborg Ruthe
    schließen

Die DDR in den achtziger Jahren: Arbeiten des Ostkreuz-Fotografen Harald Hauswald in der Berliner Schau „Voll das Leben!“.

Der Ostberliner Harald Hauswald war Teil der Szenen. Er kannte das alles, was er vor dem Mauerfall fotografierte. Auf seinen ausgedehnten Streifzügen der 1970er und 80er Jahre zu den entlegensten Nebenschauplätzen seiner Stadt und anderer Orte der DDR hat er die Kontraste zwischen dem Alltag in zerschlissenen Städten und der inneren Leere in der angestrengten Selbstdarstellung des SED-Staates ins Bild gesetzt.

Dieser Fotograf hatte den Blick fürs Komische, Kuriose, wenn er festhielt, wie kleine Leute ihren schweren, vertrackten Alltag im Osten mal mürrisch, mal heiter meisterten in ihren Milljöhs. Hauswald ein Wiedergänger Heinrich Zilles, nur eben eine Epoche später und mit moderner Kamera? Vor den Bildern seiner Ausstellung „Voll das Leben“ in der Fotogalerie C/O – gut 250 Motive sind zu sehen – gibt es für den einstigen DDR-Bürger reichlich Déjà-vus. Fröhliche, komische, auch traurige Erinnerungen werden wach. Und wer aus dem Westen stammt, dürfte amüsiert sein und dann nachdenklich werden.

Zumal das Aufgebot mit der Stasi-Akte des Fotografen verwoben ist. Über keinen anderen seiner Zunft gibt es eine vergleichbar ausführliche Dokumentation der Observation. Im Jahr 1985 erhielt der potenzielle Staatsfeind Hauswald, als „Radfahrer“ geführt, einen Haftbefehl wegen „staatsfeindlicher Hetze“, „Devisenvergehen“, „Agententätigkeit“ und „Weitergabe nicht geheimer Nachrichten“, zeitweise wurde ihm, als alleinerziehender Vater, die Tochter entzogen.

Trotz dieser krassen Erfahrungen lässt Hauswald den Alltag in Ostberlin und im verschwundenen Land zwischen Kap Arkona und Inselsberg aufleben: Das Anstehen nach Karten fürs Rockkonzert, die erwartungsvollen Gesichter der jungen Leute, die Courage der beiden beleibten Alten, die zu zweit auf eine „Schwalbe“ – eins der begehrtesten Fortbewegungsmittel im Osten – steigen und losbrausen, die Trabbi-Blechlawinen auf dem Parkplatz, das Rentnerkränzchen unterm Friedensplakat, die von einer Windböe durcheinandergewirbelten Fahnen bei einem der von der Partei befohlenen Aufmärsche nahe Alexanderplatz. Und die müden Gesichter der Schichtarbeiter in der Straßenbahn. Das Punk-Pärchen im Park, die Jungen mit ihren Mopeds am Müggelsee, die Rummelplätze.

Vieles scheint vergessen, anderes bleibt. Darum wird rückwärts erzählt seit 1989. Von Einsamkeit, Flucht, Gemeinschaft, Heiterkeit, Jugend, Kindheit, von Lüge, Macht, Neugier, Ordnung, von Rebellion, Sehnsucht, Traurigkeit, von Untergrund, Verfall, Widerspruch. Und von privaten Nischen, von Liebe. Wohlfeile DDR-Klischees gibt es keine. Hauswalds Bildwelt bevölkern weder ideologisierte Polit-Sklaven, noch Janusköpfe oder angepasste Angsthasen. Es sind ganz normale Leute, die einfach lebten, so gut es ging, die aushielten. Und solche, die weggingen.

Hauswalds Blick ist unverfälscht und einfühlsam; die Aufnahmen voll Sympathie für die Menschen vor seiner Kamera. Sie behalten stets ihre Würde und stehen im Gegensatz zu dem sie umgebenden Zerfall. Es sind Zeugnisse einer abgeschotteten und eingeschlossenen Welt kurz vor ihrem Untergang. Nach dem Exodus der DDR wurde Hauswald Gründungsmitglied der berühmten Agentur Ostkreuz. Eins der Erfolgsprojekte im Osten.

Die Schau, kuratiert von Felix Hoffmann mit Ute Mahler und Laura Benz von Ostkreuz, entstand nach strenger Auswahl aus einem Bilderberg von 32 000 Aufnahmen seit den Siebzigern bis zum Mauerfall und danach. Der Menschen-Beobachter und Chronist Hauswald, geboren 1954 in der Karl-May-Stadt Radebeul, 2006 geehrt mit dem Bundesverdienstkreuz, reibt sich unübersehbar an großen Vorbildern: Edgar Steichen, Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Arno Fischer.

Fotogalerie C/O Berlin , Amerika Haus: bis 23. Januar. Katalog im Steidl Verlag.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare