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Fotoausstellung Thomas Sandberg: Requiem der Augenblicke

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Von: Ingeborg Ruthe

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„Großmutter mit Enkelchen“ aus der Serie „Ostinato“. Thomas Sandberg
„Großmutter mit Enkelchen“ aus der Serie „Ostinato“. Thomas Sandberg © Thomas Sandberg

Die „Ostinato“-Fotoserie des Ostkreuz-Mitbegründers Thomas Sandberg würdigt eine verschwindende Welt.

Die Schönheit von Siziliens Hauptstadt zeigt sich auch in ihrem Verfall. Sie ist ein Memento Mori, sichtbar in den der Vergänglichkeit gewidmeten Serien des Berliner Fotografen Thomas Sandberg. Vielleicht nannte Goethe Palermo nach seinem Besuch 1787 auch deshalb „ein Paradies“, wo scheinbar alles korrodiert und zum Stillstand zu kommen scheint. Weil dort der Lärm der Welt hinkommt, um abzuebben. Um vielleicht zu sterben an den Treppen der alten Kirchen, vor den morbiden Fassaden, den Steinplatten am Fischerhafen mit den aus den Netzen geholten kleinen Haien und Tintenfischen. Der Trubel der Welt erstirbt in der gruseligen Grablegung, den „Catacombe dei Cappuccini“ mit ihren Mumien. Sandberg fotografiert die kuriosen Nature-Morte-Gestalten. Und schreibt: „Im Grunde ist jede Fotografie eine Totenmaske der Welt.“

Sandberg ist Ost-Berliner. Seit er nach dem Fall der Mauer reisen konnte, wurden das mafia-verschriene Palermo, die Insel Sizilien sein fotografischer Fundort: „Hinter Palermo ragten die Berge auf. Ein Anblick – schön und unheimlich. Scuro! Das italienische Wort für ,dunkel‘ fiel mir ein. Sizilien, so wie es vor mir lag, ist geblieben, was es immer war – ein eigener Kontinent. Diese Insel ist der Ort, der seinen Eroberern widerstand, weil seine Bewohner zu schwach waren, sich zu wehren. Neue Imperatoren vertrieben die Vorherigen, die Sizilianer wollten sich darum nie kümmern. Wozu sollte ein Aufbegehren gut sein? Wir haben noch Schicksal, sagen sie.“

Aus dem Bilderberg von acht Reisen, konsequent in Schwarzweiß, ist ein Buch entstanden – und eine große Ausstellung in Pankow, da, wo der Fotograf als Sohn des jüdischen Berliner Zeichners und Ulenspiegel-, später Eulenspiegel-Karikaturisten und KZ-Überlebenden Herbert Sandberg 1952 zur Welt kam und wohnt. Thomas Sandberg, vor 1989 Fotoreporter im Berliner Verlag, ist Mitgründer der Fotoagentur Ostkreuz und deren Schule, die er zusammen mit Werner Mahler leitet.

Sein Fotobuch und die Ausstellung in der Galerie Pankow heißen „Ostinato“. Es ist ein essayartiges Requiem, das er der Vergänglichkeit alles Irdischen widmet. Und seiner 2020 an Krebs gestorbenen Frau Jutta Sandberg. „Ostinato“, erklärt der Fotograf, steht in der Musik für eine sich stetig wiederholende Figur. „Ostinato“ findet sich auch in der Musik zu Prozessionen an christlichen Feiertagen, auf Sizilien eine große Sache. Für Sandberg ein Faszinosum: „Pausiert das Ostinato, diese hartnäckig wiederholende Tonfolge, hält die Prozession für einen Moment inne. Die Träger setzen die Last der Statuen ab, machen Pause, bis das Sousafon wieder einsetzt. Der ganze Zug schiebt sich weiter, langsam ohne Ziel.“

Die Kamera des Ostkreuz-Fotografen blickt in die Gesichter der Leute, junge, alte mit Biografie zwischen Kinn und Stirn. Alle festlich gekleidet in Schwarz, nur die Ministranten in Weiß mit schwarzen Kappen. Alles nur Jungs. Fast glaubt man, die Musik, die Trommeln der Prozessionen zu hören. Das religiöse Brimborium hat, jetzt, im 21. Jahrhundert, etwas Surreales. Vielleicht auch darum wurde „Ostinato“ Sandbergs Leitmotiv für das aus der Zeit Gefallene und den ziellosen Rhythmus seiner melancholischen Bilder, die poetischen Notizen über das unweigerlich Vergehende, für das Mysterium Tod und seine eigene Trauer. In jedem Foto geht es ums Festgehaltene, um den zur Augenblicksmetapher geronnenen Lebensmoment.

Memento Mori – sei dir der Sterblichkeit bewusst! Durch Sandbergs Bilder sickert auch beiläufig jene Magie der Insel zwischen dem Ionischen Meer im Osten, dem Tyrrhenischen Meer im Norden, dem Mittelmeer im Süden. Mal fuhr er allein nach Sizilien, mal mit seiner Frau. „Selbst im größten Gedränge“, so Sandberg, „hatten wir uns nicht verloren. Jutta wartete geduldig, während ich fotografierte. Sie wusste immer, wo ich war.“ Zuletzt, 2020, fehlte ihr die Kraft zum Reisen. Er hatte Guiseppe Tomasi di Lampedusas fatalistischen Roman „Der Leopard“ von 1958 dabei. Las immer wieder vom allmählichen Verfall der sizilianischen Adelsherrschaft in den politischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts, von Visconti 1963 meisterlich verfilmt.

Sandbergs Fotomotive taugen nicht für den touristischen Gebrauch. Sie entfalten ihre Wirkung abseits der Klischees, erzählen, immer wie Abschied nehmend, eine posthistorische Geschichte, melancholisch, aber nie sentimental. Er verwebt seine Bilder von der Ankunft – mal mit dem Flugzeug, mal mit der Fähre – als feinsinniger Beobachter mit der heutigen Situation in den alten Straßen, auf den mit dramatischen Skulpturen überzogenen Plätzen, den pittoresk maroden, den hart kontrastierenden modernen Bauten der Stadt. Seine Bildsprache durchdringt die Sprachbilder des Romanciers Lampedusa. Sandberg porträtiert die Sizilianer beiläufig, nie direkt. Seine Kamera bannt die sonnengebleichte Landschaft mit gleichmütigen Schafen und den antiken Ausgrabungsstätten bis hin zum rauchenden Vulkan Ätna.

Der Romantext und die Filmszenen Viscontis scheinen mit der gegenwärtigen „Reiseerzählung“ des Fotografen zu verschmelzen, mit seinen Reflexionen und der Bändigung seiner Trauer. Sandbergs Essay-Text flankiert die Fotos. Als Exkursion der sehr anderen Art, als poetische, intellektuelle Symbiose aus Bild und Wort. Und als denkwürdige Assoziation: „Diese Heftigkeit der Landschaft, diese Grausamkeit des Klimas, diese ständige Gespanntheit, wohin man auch blickt, auch diese Denkmäler der Vergangenheit, großartig, aber unbegreiflich, weil nicht von uns errichtet: Sie stehen um uns her wie wunderschöne, stumme Gespenster … Ich hatte die Säulen von Selinunt und Segesta gesehen. In Gibellina … gab es ein neueres Gespenst. In einer Nacht im Jahr 1968 fiel der Ort einem Erdbeben zum Opfer. Jetzt liegt er von dem Künstler Alberto Burri mit Beton abgedeckt in der Landschaft. Eine riesige Grabstelle. Ihre Form erinnerte mich an das Holocaustdenkmal in Berlin.“

Galerie Pankow , Berlin: bis 23. Januar. Zur Ausstellung erscheint das Fotobuch „Ostinato“, 84 Abb., ein Essay, 44 Euro.

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