1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Folkwang feiert 100. Geburtstag – Wie Mona Lise nach Essen kam

Erstellt:

Von: Ingeborg Ruthe

Kommentare

Auguste Renoir: „Lise – La femme à l’ombrelle“, 1867. Foto: Museum Folkwang
Auguste Renoir: „Lise – La femme à l’ombrelle“, 1867. © Museum Folkwang

Das Folkwang Museum feiert seinen 100. Geburtstag mit einer großen Impressionismus-Schau – und auch wir starren sommersüchtig auf Auguste Renoirs ikonenhaftes Bild seiner damaligen Geliebten.

Lise, die Tochter des Postmeisters Tréhot aus dem nordfranzösischen Ecquevilly, wusste nichts von der nordrhein-westfälischen Stadt Essen im Ruhrgebiet. Wie hätte sie, 1867 als Landei neu in der Pariser Bohème und im Atelier des aus Limoges stammenden Auguste Renoir stundenlang Modell stehend, auch ahnen können, dass ihr lebenspralles Ganzkörperporträt eines Tages ausgerechnet in Essen den liebevollen Spitznamen „Mona Lise“ bekommen würde? Als Impressionismus-Ikone des Museums Folkwang. Und wohl auch als selbstbewusster Altmeister-Moderne-Vergleich der stolzen Essener Kulturbürgerschaft mit Leonardos rätselvoller „Mona Lisa“ im Pariser Louvre.

Lise hat im Museum, inzwischen durch einen Glas-Stahl-Stein-Bau von David Chipperfield erweitert, eine Wand für sich allein. Die ländliche Schönheit mit den vollen Wangen war für Renoir nicht bloß ein geduldiges Modell. Sie war auch von 1865 bis 1872 die so anstrengende wie aufregende Geliebte des später dann weltberühmten Malers. Unbestätigten Angaben zufolge soll sie sogar zwei uneheliche Kinder von ihm bekommen haben.

Genau dieses Bild zählt zu Renoirs frühimpressionistischen Hauptwerken. Da war Lise Tréhot 26, für die Zeit nicht mehr blutjung und auch nicht umwerfend attraktiv, nicht rätselhaft exotisch. Ja, sie wirkt nicht einmal verführerisch oder gar lasziv. Bei ihrem Anblick aber ist es, als rieche man frische Luft, grünes Blattwerk, Baumrinde, Erde und Gras.

Die ganze Gestalt der Frau, die Accessoires, der Baumstamm mit der kruden Rinde und das wilde Buschwerk im Hintergrund bilden ein Stück freier Natur. Und das Ganze bei natürlichem Licht. Um das Porträt der Gefährtin allein, so scheint es, war es Renoir gar nicht gegangen. Es ist das Kleid, in der fürs Malen durchaus heiklen Farbe Weiß, die er meisterhaft beherrschte. Und ebenso die rosa schimmernde Haut, die bläulichen und grünlichen Faltungen, die Konturen, der ornamentierte Sonnenschirm in seinem Stilmix aus Chinoiserie-Quaste und schwarzer Chantilly-Tüllspitze, so typisch für das Second Empire. Dazu der Schleifengürtel, tiefschwarz als starker Kontrast um den wohlgeformten Körper. Der ist nicht direkt mollig, aber auch nicht mager wie bei den ätherischen Frauen der feinen Pariser Gesellschaft.

Diese Frische und Natürlichkeit fiel auf in den Pariser Salons, zwischen all den teils noch akademischen Ölschinken mit dekadenten Boudoir-Szenen, den kanonisierten, idealen klassizistischen Figuren von Ingres, den erdig-realistischen Landmotiven der „Schule von Barbizon“. Renoir malte etwas Neues. Da stand er an der Seite seiner als Impressionisten beschimpften Kollegen, die weg von der parfümierten Dekadenz und hin zur frischen Natur längst „Pleinair“, also draußen malten. Und zwar mit den neuartigen, fertigen, transportablen Ölfarben in Tuben aus den Läden des Künstlerbedarfs. Das Parfümierte, Elaborierte, auch das mystisch Schattenseitige, war Renoirs Sache nicht, selbst wenn im Portemonnaie Leere gähnte. Bei diesem Maler schien die Sonne auf die Milchhaut seiner Modelle. Und sie scheint noch immer: als Hymne auf die Weiblichkeit, auf die Natur. Und vor allem auf seine Malerei.

Es war wohl ein heißer Sommertag, an dem Lise Tréhot damals im Wald von Fontainebleau flanierte. Strahlend und hell muss sie alle Blicke auf sich gezogen haben. In einem Kleid aus weißem Musselin, seidig transparent an den Armen, mit rosig hindurchscheinendem Teint. Das Käppchen mit den roten Bändern hat sie keck seitlich aufgesetzt. Sie blickt zur Seite, verhalten, als läge ihr nicht viel an der Aufmerksamkeit. In all dem Weiß nur kleine Farbtupfer: die roten Haarbänder und ein korallenrot leuchtender Ohrring, europaweit en vogue dank der Ausgrabungen von Pompeji, die damals auch die Pariser Presse begeisterten.

Sie stand Renoir für mehr als zwanzig Gemälde Modell. An ihr probierte der gelernte Porzellanmaler seine Fähigkeiten als Künstler aus. Er ist bestens mit der Motivwelt des 18. Jahrhunderts, den idyllisch-galanten Szenen im Freien wie im Häuslichen vertraut. Nun entwickelt er seinen besonderen Stil unter den Impressionisten: stimmungsvoll, elegant, sinnlich, fantasievoll und verspielt. Mit geschwungenen Linien und Formen.

Zur Sache

Das Museum Folkwang in Essen feiert 2022 mit diversen Veranstaltungen sein 100-jähriges Bestehen

„Lise mit dem Sonnenschirm“ steht im Mittelpunkt der bis 15. Mai laufenden Jubiläumsschau „Renoir, Monet, Gauguin. Bilder einer fließenden Welt“. Der Katalog (Hatje Cantz) kostet im Buchhandel 54 Euro.

Wichtigste Inspirationsquelle für Auguste Renoir war das Rokoko. Diese Malerei galt nach der französischen Revolution von 1789 als frivol und unmoralisch, doch im 19. Jahrhundert erlebte sie eine Renaissance und war zu Lebzeiten Renoirs sehr präsent. Während die Mode des Barock Symmetrie bevorzugt hatte, zeichnete sich das Rokoko durch Asymmetrie und ausufernde Verzierungen aus. Renoir erntete mit den Bildnissen seiner Geliebten in den Pariser Malerei-Salons durchaus Achtungserfolge. Doch er verkaufte selten Bilder und lebte somit weiterhin eher prekär. Erst der Hype um „Lise mit dem Sonnenschirm“ bewog ihn dazu, viele weitere Variationen von ihr zu malen. Sogar Akte darunter, als Odaliske im orientalischen Gewand oder mythologisch als Jagdgöttin Diana.

Wohlstand verheißende Kaufinteressenten indes ließen auf sich warten. Und als es vorbei war mit den beiden, trauerte die Muse ihrem Meister, dem ermüdenden Modellstehen und dem unsteten, eher dürftigen Bohème-Dasein nicht lange nach: Alsbald wählte Lise das gutbürgerliche Leben und ehelichte den gutverdienenden Architekten Georges Brière de l’Isle. Dass ihr Bildnis als Hauptwerk des frühen Impressionismus in die europäische Kunstgeschichte eingehen würde, hat sie damals wohl kaum geahnt.

Viel später – die echte Lise war schon eine alte Dame – hat der Hagener Kunstsammler Karl Ernst Osthaus (1874–1921) sich in die Frau im weißen Kleid verguckt. Der Bankierssohn und Millionenerbe eines westfälischen Schrauben-Imperiums kaufte 1911 das lebensgroße Bildnis. Es wurde der Grundstock seiner künftigen Sammlung moderner Kunst. Denn der französischen Moderne galt Osthaus’ Leidenschaft.

Bald kannte er die Pariser Kunstsalons, die Sammlungen, die Galerien und Ateliers der Stadt der Liebe und Kunst aus dem Effeff. Er gründete in Hagen, dem „Tor zum Sauerland“, sein Museum. Fólkvangar heißt in der altnordischen Mythologie der Palast der Göttin Freya für einen Teil der toten Helden der Schlacht – während ihr Gatte und Konkurrent Odin die andere Hälfte der Gefallenen mit nach Walhalla nimmt.

Osthaus hingegen sah die Sache pazifistisch: Fólkvangar war für ihn die Halle fürs Volk. Und vor allem eine Kunsthalle. Er stand in der Tradition von Museums-Reformern wie Alfred Lichtwark, der eine Entmystifizierung der Kunst und eine möglichst große Reichweite von Museen in die Bevölkerung hinein anstrebte.

Das, was heute als „kulturelle Teilhabe“ Ziel aller Museumspädagogik ist, war bereits der wesentliche Kern des Folkwang-Gedankens. Dass dieses Ziel mit den Arbeiten zeitgenössischer Künstler verfolgt wurde, machte das Hagener Haus zum weltweit ersten, das neben naturkundlichen, antiken und kunstgewerblichen Objekten auch auf die Moderne ausgerichtet war. Karl Ernst Osthaus befand: „Je mehr Menschen an der Kunst teilhaben, desto höher steht die Gemeinschaft. Sozial ist es, diesen Zustand anzustreben.“

Dass sein „Folkwang“ schließlich in der 55 Kilometer entfernten Großstadt Essen mit heute rund 584 000 Einwohnerinnen und Einwohnern landete, hat er nicht mehr erlebt. Hatte er wohl auch nicht geplant. Als das Schicksal den passionierten Sammlungsgründer 1921 mit nur 46 Jahren an damals unheilbarer Kehlkopf-Tuberkulose sterben ließ, die er sich 1916 beim Kriegsdienst geholt hatte, verkauften seine Erben ein Jahr später, wohl besorgt um ihre Zukunft, schon im Vorfeld der Weltwirtschaftskrise sämtliche Kunstwerke, einschließlich der Rechte am Namen „Folkwang“, an die Stadt Essen und den dortigen engagierten Museumsverein. Zurück in Hagen blieb nur ein Ausstellungshaus mit restlichen Sammlungsobjekten, welches bis heute den Museumsnamen Osthaus trägt.

Seither bietet das Kunstareal am Essener Museumsplatz, 2010 durch Chipperfield Architects erweitert, unter dem Titel „Folkwang“ Kollektionen mit französischen Meisterwerken der frühen Moderne von unvergleichlicher ästhetischer Geschlossenheit. Deswegen reisen Menschen aus aller Welt an. Mittendrin in diesem Fest fürs Auge hängt Renoirs „Lise mit dem Sonnenschirm“. Sie weckt unsere Sehnsucht nach dem Duft, dem Licht, den Farben des Frühlings – und eines Sommers ohne 2- oder 3G-Reglements. Denn wer will schon eine krude Maske über Mund und Nase tragen, wenn es mit schwarzer Spitze überzogene Sonnenschirmchen gibt.

Auch interessant

Kommentare