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Moritz von Schwind: Vater Rhein, 1848.
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Moritz von Schwind: Vater Rhein, 1848.

Kultur- und Mythengeschichte

Flussfahrt mit Stromschnellen

Zwei fabelhafte Bonner Ausstellungen zeigen die Kultur- und Mythengeschichte des Rheins.

Wo man das Erdreich wäscht im Rhein, da findet man das beste Gold.“ Um 1490 erging sich ein namentlich nicht bekannter „Sog. Oberrheinischer Revolutionär“ in einer Hoffnung, die, nimmt man die Ausbeute in der großen Rhein-Schau der Bundeskunsthalle zum Maßstab, in jedem Jahrhundert aufs Neue gründlich enttäuscht wurde. Ein knappes Dutzend Rheingolddukaten aus bayrisch-kurfürstlichem Besitz schlummern in Bonn in einer Vitrine, sicher wertvoll genug, aber doch nichts, um die Fantasie in wagnerianische Höhen zu treiben.

Mag der Rhein entgegen der Legende nicht übermäßig reich an Gold gewesen sein, so erscheint er doch unerschöpflich, wenn es darum geht, Historie und Mythen aus seinem Bett herauszuwaschen. Die Kulturgeschichte des Rheins beginnt ja nicht erst mit der deutschen Rheinromantik und dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts. Sondern spätestens mit den alten Römern und vielleicht sogar schon mit den über 14 000 Jahre alten Menschenknochen, die man im Doppelgrab von Oberkassel ausgegraben hat. Auch räumlich streckt sich der Rhein über altbekannte, durchaus liebgewonnene Grenzen: Sobald er die Rufweite der Loreley verlässt, verwandelt er sich in einen multinationalen Fluss mit zahlreichen, oft genug widerstreitenden Funktionen.

Der Rhein ist so vielgestaltig, dass es schon zwei Bonner Museen braucht, um seinen mäandernden Bewegungen zu folgen: In der Bundeskunsthalle wird eine „europäische Flussbiografie“ erzählt, das LVR-Landesmuseum inszeniert einen „Bilderstrom“ alter und neuer Fotografien.

Beide Ausstellungen sind für sich gesehen fabelhaft – die im Landesmuseum ein wenig mehr – und sie ergänzen sich auf wunderbare Weise: Während mit der „Flussbiografie“ ein weiter kulturhistorischer Bogen geschlagen wird, überblickt die Fotografie naturgemäß „nur“ die letzten 175 Jahre. Im Landesmuseum verdichtet sich die Erzählung und rückt näher an uns heran, einzelne Epochen und Themen werden scharfgestellt und der Bilderstrom fließt rückwärts – die Ausstellung beginnt im Hier und Jetzt und geht zu den Anfängen der Fotografie zurück.

In der Bundeskunsthalle entspringt der Rhein zwischen den Extremen von Mythos und Moderne. Der Maler Max Ernst präsentiert den personifizierten Vater Rhein als freundlich-surrealistische Mischung aus Mensch, Fabeltier und Ornament, Andreas Gursky dagegen treibt dem Strom alles Natürliche aus und lässt mit Hilfe digitaler Bildbearbeitung nichts als einen Strich in der Landschaft zurück. Danach geht es in thematischen, weitgehend chronologisch geordneten Etappen den Fluss hinauf: zu den römischen Eroberern, die den Rhein bereits als Militär- und Handelsstraße nutzten, zur Besiedlung durch die katholische Kirche, der kaiserlichen Machtentfaltung, den Festungen und Residenzen, nach denen ich die Romantiker später zurücksehnten, bis hin zum mit nationalem Pathos aufgeladenen deutsch-französischen Kampf um die Vorherrschaft am Rhein. Ein Kampf, der offenbar immer noch tobt: Eigentlich, so die Kuratorin Marie-Louise Gräfin von Plessen, sei ihre Ausstellung für das Grand Palais in Paris gedacht gewesen; doch die Wahl François Hollandes zum französischen Präsidenten habe dies unmöglich gemacht.

So trennt der Rhein zuweilen immer noch, obwohl er heute durch den Transport von Menschen und Waren vor allem verbindet. Auch Ideen folgten stetig seinem Lauf: Luther-Bibeln wurden auf ihm in Weinfässern geschmuggelt, und im Jahr 1871 sah Victor Hugo hier die Vereinigten Staaten von Europa heraufziehen. Etwas drastischer formulierte es der Dramatiker Carl Zuckmayer: Bei ihm ist der Rhein eine „Völkermühle“ und der „Kelter Europas“.

Am Kriegerischen kommt auch Christoph Schaden, Kurator der „Bilderstrom“-Ausstellung nicht vorbei. Er zeigt klassische Kriegsaufnahmen von Henri Cartier-Bresson und Lee Miller und stellt sie deutschen Propagandabildern, privaten Schnappschüssen und der Luftaufnahme einer von Bombenkratern übersäten Rheinlandschaft gegenüber, die Gerhard Richter später zu einem fotografischen Mahnmal verarbeitete. Um dieses heimliche Zentrum dehnt sich der Fluss in Richtung Vergangenheit und Gegenwart aus – von Zeitgeschichte und Zeitgeist gefärbt, aber doch mit wiederkehrenden Bildideen. Die frühe Landschaftsmalerei mit der Kamera kehrt bei August Sander wieder, um in den 1970er Jahren bei Reinhard Matz‘ einbetoniertem Blick vom Drachenfels zum Sinnbild der Entfremdung zu werden. Auch die Industrialisierung des Rheins ist ein oft wiederholtes Motiv: mal streng dokumentarisch, mal als Feier oder Anklage des technischen Fortschritts und – am schönsten bei Albert Renger-Patzschs Kühen vor rauchenden Schornsteinen – als Ausdruck im Grunde unvereinbarer, aber wenigstens im Bildrahmen wunderbar harmonierender Gegensätze.

Vermutlich liegt gerade in dieser Widersprüchlichkeit des Rhein-Bilds die anhaltende Faszination für den realen Strom. Und nirgendwo bricht sich der Mythos so schön an der Wirklichkeit wie in Aufnahmen vom Rhein-Tourismus. Im Landesmuseum erscheinen sie als List einer melancholischen Vernunft, die uns vor Augen führt, dass sich die romantische Sehnsucht nie erfüllen wird, ohne diese Sehnsucht deswegen der Lächerlichkeit preiszugeben. Es wollen eben alle mit aufs Bild, alle wollen mit schwimmen im großen Mythenstrom. Auch wenn sie am Ende ohne Gold dastehen.

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