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Von der Flüchtigkeit der Körper

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Wollskulptur von Stephanie Keitz.
Wollskulptur von Stephanie Keitz. © Courtesy Galerie Tanja Wagner, Berlin

Issa Sant und Stephanie Keitz bei Tanja Wagner

Von Beate Scheder

Arm in Arm steht das Paar da, mit dem Rücken zur Galerietür. Schützend haben sich die beiden eine gelbe Decke übergeworfen, als seien sie nach einem Tag am See von der abendlichen Kälte überrascht worden. Tritt man jedoch näher heran und geht um die Skulptur herum, erkennt man es: Die Decke verbirgt nichts. Sie umschließt nur ein Phantom, sie ist der Abdruck von Personen, die es gar nicht gibt.

Tanja Wagner kombiniert in der Ausstellung „Crossing“ zwei junge Künstlerinnen, die sich mit Körperlichkeit auseinandersetzen. Oder: mit der Verflüchtigung des Körpers. Stephanie Keitz formt mit Alltagstextilien nicht vorhandene Leiber nach; Issa Sant malt zarte Ölbilder, deren Motive sich erst beim näheren Betrachten als Fragmente menschlicher Körper und Gesichter entziffern lassen. Gemeinsam ist beiden ein Spiel mit Wahrnehmungen, ein Hin und Her zwischen Abstraktion und Figürlichkeit.

Es ist, als habe Keitz mit ihren Skulpturen den Moment des Verschwindens einfangen wollen. Den Augenblick, wenn die Personen bereits weg sind, noch bevor der Stoff zu Boden fällt. Die 1977 geborene Künstlerin, die erst in Potsdam-Babelsberg Film und später in Dresden an der Kunsthochschule bei Martin Honert studierte, fertigt Wachsabdrücke von Menschen an, auf denen sie dann Filz härtet, der die Textilien in Form hält. Mal sind es flauschige Wollplaids, dann ein Schlafsack, feine Überwürfe, eine grobe Militärdecke – schon die Materialität der textilen Hülle ermöglicht viele Konnotationen. Aber wen verdecken sie? Sind die zerwühlten Decken Souvenirs verlorener Geliebter? Stehen sie für die Erinnerung an Verschollene, Vermisste, Verstorbene?

Issa Sants Gemälde hingegen brauchen Zeit. Der sinnlichen Wucht von Keitz’ Objekten begegnen sie mit spröder Zögerlichkeit. Unwillkürlich hält man vor ihnen inne. Erst nach und nach ergeben sich aus den zarten, rötlichen und gelben Tupfen, den violetten Schlieren und bräunlichen Schattierungen Gesichtszüge, Gliedmaßen und ganze Körper. Sant benutzt ungrundierte Leinwand, die so fein ist wie Bettlaken. Wachsöl, das sie zuvor aufträgt, fixiert die Farbpigmente. Sant, geboren 1975, Absolventin der Universität der Künste Leipzig und seit Anbeginn im Programm von Tanja Wagner, bemalt die Leinwand von beiden Seiten. So scheint Farbe sanft durch das dünne Gewebe durch und verschmilzt zu verdrehten Körpern und schemenhaften Gesichtern, ebenso alters- wie geschlechtslos.

Die Gegenüberstellung tut den Skulpturen Keitz’ wie den Bildern Sants gut. Sie wirkt wie eine Rhythmusverschiebung in einem Gedicht über Werden und Vergehen menschlicher Beziehungen. Die Leerstellen, denen sich beide Künstlerinnen auf unterschiedliche, aber sehr intensive, poetische Weise annähern, sind das Bindeglied. Sie symbolisieren Seelenzustände, Einsamkeit, Verletzlichkeit und Intimität.

Galerie Tanja Wagner, Pohlstraße 64 (Tiergarten). Bis 21. Dezember, jeweils Mi–Sa 11–18 Uhr.

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