Tristram Hunt, neuer Museumsleiter.
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Tristram Hunt, neuer Museumsleiter.

Victoria & Albert Museum

Flucht in die Weltoffenheit

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Tristram Hunt, ein Gegner des Brexit, wird Chef des Victoria & Albert, er zieht sich damit aus der Politik zurück.

Vom Brexit hält der neue Direktor des Victoria & Albert-Museums (V&A) in London ungefähr genauso viel wie sein Vorgänger, nämlich nichts. Der deutsche Kulturwissenschaftler Martin Roth verstand die britische Absage an die EU im vergangenen Jahr als Signal, nach fünf erfolgreichen Jahren das weltberühmte Haus zu verlassen. Für den neuen Mann Tristram Hunt hingegen stellt der Posten eine tolle Chance dar: Der promovierte Historiker und Labour-Abgeordnete entkommt der britischen Politik, die ihm auf absehbare Zeit nur Kummer gebracht hätte.

Schon bei der jüngsten Unterhauswahl platzierte die Wählerschaft im mittelenglischen Stoke-on-Trent, Hunts Wahlkreis, den Kandidaten der EU-feindlichen Ukip auf Platz zwei, bei der Volksabstimmung votierte die Stadt mit 69 Prozent für den Austritt. Bei der nächsten Wahl hätte Hunt zudem seinen Parteichef Jeremy Corbyn verteidigen müssen, den der eher dem rechten sozialdemokratischen Flügel zugehörige Historiker ebenso wie drei Viertel der Parlamentsfraktion für unfähig hält. Diesem Dilemma entkommt er nun durch die Niederlegung seines Mandats. Die fällige Nachwahl dürfte für Labour schwierig werden.

Hunt wuchs als Sohn eines engagierten Kommunalpolitikers auf, der mittlerweile für Labour im Oberhaus sitzt. Nach dem Geschichtsstudium in Cambridge promoviert er über englische Kulturgeschichte im 19. Jahrhundert, also eben jene viktorianische Epoche, aus der sein neuer Arbeitsplatz 1852 hervorging. Das V & A, sagt Hunt begeistert, „habe ich geliebt, seit ich ein Junge war“. Die Sammlungen mit ihren 2,3 Millionen Objekten spielten immer wieder eine Rolle in den BBC-Filmen, mit denen der telegene Geschichtsdozent einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde.

Hunt bringe „eine höchst überzeugende Mischung von Erfahrungen“ aus Politik, öffentlicher Verwaltung und Bildungswesen in seine neue Tätigkeit ein, schwärmt V & A-Chairman Nicholas Coleridge. Freilich fehlt in der Aufzählung die Führung einer großen öffentlichen Institution, geschweige denn einer so exponierten wie das V & A. Den an autonomes Arbeiten gewohnten Kuratoren allerdings, von denen sich manche von Roth vernachlässigt oder gegängelt fühlten, dürfte die Unerfahrenheit des neuen Chefs entgegenkommen.

Der 42-jährige verheiratete Vater von drei Kindern erbt ein hervorragend aufgestelltes Haus. Das nach der britischen Königin Victoria (1837–1901) und ihrem deutschen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg-Gotha benannte, kostenlos zugängliche V & A nennt sich selbstbewusst „das führende Museum für Kunst und Design weltweit“. 3,4 Millionen Besucher kamen 2015. Deren Interesse gilt den Sammlungen für Malerei, Kunstgewerbe und Keramik ebenso wie den spektakulären Sonderausstellungen, die zur Finanzierung beitragen. Derzeit gibt es „Revolution“ zu sehen: Die Schau spürt dem anhaltenden Einfluss der späten 1960er Jahre auf Musik, Design und Lebensgefühl nach.

Größere Umwälzungen sind von Hunt sicher nicht zu erwarten. Ein neuer Anbau ist beinahe fertig, im Osten Londons sowie in China entstehen neue Ausstellungsorte. Auch zukünftig wird das V & A britische Weltoffenheit repräsentieren, als heilsamer Kontrapunkt zum Brexit-Nationalismus.

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