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Trabi, Mauerteile: Erinnerungen an die Wendezeit.

Ausstellung

Der Fluch der Gegenwart

Von der hohen Kunst der didaktischen Reduzierung: Das Bonner Haus der Geschichte stellt seine überarbeitete Dauerausstellung vor.

Das letzte Exponat ist ein einfaches Holzboot. Davor liegen zahlreiche Rettungswesten, so wie sie auf der griechischen Insel Lesbos auf einer Art Müllhalde auch zu finden sind. Mit dem Boot brachten Schleuser Flüchtende von Afrika nach Europa, dann beschlagnahmte es die maltesische Marine. Rainer Maria Kardinal Woelki holte es nach Deutschland. 

Es sind Ausstellungsstücke wie dieses, die Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, besonders am Herzen liegen. „Es ist ein herausragendes Objekt. Wir können damit so viele Facetten deutlich machen. Und es betrifft die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft.“ Daher steht es auch am Ende der neu konzipierten Dauerausstellung des Bonner Museums, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eröffnete. 

Von März bis Dezember dieses Jahres war die Präsentation geschlossen, da das Glasdach des Gebäudes saniert werden musste. Die Museumsmacher nutzten die Gelegenheit, die zuletzt im Jahr 2011 überarbeitete Dauerausstellung erneut zu überdenken und zu modifizieren. Dabei konzentrierten sie sich auf den letzten Teil der Schau – und versuchten sich an der Quadratur des Kreises.

Auf knapp 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche wird die deutsche Geschichte der vergangenen 30 Jahre abgebildet. „Unser Ziel war es, starke Exponate zu erhalten, gleichzeitig alles zu verdichten, klarer zu gliedern und auch die jüngere Geschichte einzubeziehen. Das ist didaktische Reduzierung in höchster Kunst“, sagt Hütter. Und eine kaum zu lösende Aufgabe, denn was heute politisches Tagesgeschehen ist, wird bald schon Geschichte sein, die es wert ist, abgebildet zu werden – so wie das Scheitern der Verhandlungen über ein mögliches Jamaika-Bündnis. Deshalb sei nach der Revision auch vor der Revision, so Hütter.

Das Konzept der Museumsmacher ist deutlich zu erkennen: Durch die Konzentration auf besondere Exponate und durch Zeitzeugenberichte soll ein emotionaler Zugang ermöglicht werden, der dann zu einer weiteren Beschäftigung mit der deutschen Geschichte anregt. So findet sich in der Ausstellung nun etwa ein Teil des österreichisch-ungarischen Grenzzauns, den die Außenminister der beiden Länder im Juni 1989 zerschnitten – womit sie die weiteren Ereignisse im Herbst des Jahres möglich machten. 

Zu sehen ist auch die Kamera, mit der Bürgerrechtler Siegbert Scheffke am 9. Oktober 1989 die Montagsdemonstration in Leipzig filmte. Die Aufnahmen, die in den Westen geschmuggelt wurden und dort das Ausmaß der Proteste deutlich machten, werden ebenfalls gezeigt. Auch der Zettel von Günter Schabowskis Pressekonferenz findet sich in der Schau. 

Der in Dresden geborene Fußballer Matthias Sammer hat ein DDR-Trikot und eines der ersten gesamtdeutschen Nationalmannschaft beigesteuert. Auch berichtet von seinen persönlichen Erlebnissen aus dieser Zeit, wie die in Leipzig aufgewachsene Schriftstellerin Jana Hensel von ihren.

In die unmittelbare Gegenwart reichen die letzten Ausstellungsteile. Auf drei Aspekte konzentrierten sich die Historiker, erläutert Projektleiterin Tuya Roth: die digitale Revolution, die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus und die Flüchtlingskrise. Jeder dieser Bereiche könnte eine eigene Ausstellung füllen, zumal immer auch versucht wird, deutsche Geschichte in den Kontext der europäischen Entwicklung zu stellen. Und so gilt auch in diesem Teil der Schau: Weniger muss mehr sein. Eine DHL-Paketdrohne steht für die Digitalisierung in der Wirtschaft. Service-Roboter Eva führt die Besucher zu einigen der Exponate.

Ein verbogener Stahlträger aus New York erinnert an die Anschläge vom 11. September 2001, durch die das World Trade Center und Gebäude in der Umgebung zerstört wurden. Daneben liegt der zerfetzte Ausweis eines deutschen Mitarbeiters der Deutschen Bank, der in den Trümmern starb. Eine Gebetskette des vom NSU ermordeten Enver Simsek und ein verschmortes Telefon aus Mölln stehen für rechtsextreme Gewalt. Geflüchtete berichten davon, was sie erlebt haben. 

„Indem wir uns damit beschäftigen, was war, denken wir darüber nach, was hätte sein können. Historisch zu denken, schult unsere politische Imagination“, sagte Bundespräsident Steinmeier in seiner Eröffnungsrede. Und doch müssen wir immer damit leben, dass wir erst in der Rückschau einordnen können, wohin bestimmte Entwicklungen führen. Das betonte auch Steinmeier: „Wir sollten uns nicht zu sicher sein. Geschichte endet nicht.“

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