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Norbert Bisky, ?Das trunkene Schiff?, 2017.

Norbert Bisky

Da fliegen Menschen und Gegenstände

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Der Maler Norbert Bisky zeigt sein doppelbödiges Spiel mit der Schaulust und der Entrüstung derzeit in Berlin.

Monatelang muss Norbert Bisky sich in seinem Berlin-Friedrichshainer Atelier verschanzt haben, um diese riesigen Tafeln und auch die vielen kleinen Motive zu malen. Es sind Farbexplosionen in Öl, Farb-Attentate, knallbunte, orgiastische Katastrophenbilder, verstörende Zerstörungsgleichnisse in barocker Schönheit nackter Körper und in Fetzen fliegender Utensilien der digitalisierten Konsum-, Vergnügungs- und Freizeitgesellschaft. Und deren Kehrseite biblischen Ausmaßes: Entropie der Ressourcen, Verteilungskämpfe, Naturkatastrophen, Machtkämpfe, Kriege, Flüchtlingsströme.

Was der 47-jährige Berliner, Sohn des verstorbenen Linke-Politikers Lothar Bisky und einstiger Baselitz-Schüler an der HdK, der längst zu den markantesten Malern seiner Generation zählt, soeben an die Kirchenschiffwände von St. Agnes, einer ehemaligen katholischen Kirche, hängte, nennt er „Trilemma“. Eine schier ausweglose Situation, die schon der Philosoph Epikur in seinem Zweifel an einem allmächtigen und wohlwollenden Gott beschrieb. Trilemma, nach Dilemma, bezeichnet die Wahlmöglichkeit von drei Optionen, von denen aber alle drei inakzeptabel oder ungünstig sind.

Was tun, sprach Zeus, die Götter sind besoffen, und der Olymp ist vollgekotzt? So ein antikes Sprichwort zum Thema Ratlosigkeit. Zu Biskys neuem Zyklus solcher Aporie gehört auch das hier abgebildete Motiv „Das trunkene Schiff“. Im blau-türkisen Farbfleck-Meer unterm azurblauen Himmel und einer fetten Zitronen-Sonne treiben, trudeln, hocken junge Männer mit athletischen Körpern: Die Gestalten in den sturmwalzenartigen Wellen, zwischen zerfetzten Palmblättern, Segeln, berstenden Masten sind sinnlich schwul, kühl-schön wie die Figuren Caravaggios und gleichen den wie in Trance taumelnden, wehrlosen Figuren des spätmittelalterlichen Manieristen Pondormo oder Parmigianino. Ringsum die Katastrophe, aber die Männer wirken entrückt, schlafend, ungerührt-gleichgültig. Sie sind das Personal eines „trunkenen Schiffs“, steuerlos, den Elementen heillos ausgeliefert. Aber nur einer merkt, wie schlimm es im vermeintlichen Strand-Wasser-Sonne-Abenteuer-Party-Paradies steht. Alles Zivilisatorische ist dahin – in der modernen Apokalypse.

Zeigt „Tiroteo“ das Mittelmeer, das Meer der Flucht, Vertreibung, der Hoffnungen und der Hoffnungslosigkeit? Die Gewalttätigkeit im ebenfalls 2017 entstandenen Bild verüben aggressive Jugendliche, vermummt wie die vom Schwarzen Block. Wie tödliche Monstervögel hacken Palmwedel-Girlanden auf die Szene ein. Einer schmeißt Steine ins Meer, der Mittlere ist im Begriff, den Vorderen mit seinem Wurfgeschoss zu treffen. Wer gegen wen? Und warum und wofür? Diese Malerei kommt immer wieder auf das besagte Trilemma.

Aber Norbert Bisky wählt nicht, er lässt wählen. Der Betrachter ist am Zuge angesichts dieses Welttheaters der Körper – wie an der Decke der Sixtina in Rom. Aus welcher Sichtachse man auch schaut: Die Ober- und Untersichten machen einen fast schwindlig, das Schweben der Figuren, das Wimmeln und zentrifugale Wirbeln im Bildraum, die Aufhebung der Schwerkraft. Und die Leiber, deren wollüstig-schmerzhafte Überdrehungen.

Und vieles in diesen mit dem Breitpinsel aufgetragenen homoerotisch-gewalttätigen, energieverschlingend-konsumierenden Bildern ist Metapher. Bisky setzt darauf, dass wir sehen, dass es bei diesen splittrigen Motiven um Geschichte, Gegenwart und Zukunft geht, um Realität wie um böse Märchen. Die Bilder meinen Einsamkeit, Heimatlosigkeit. Bindungslosigkeit und Aggressionen der modernen Welt, ausgedrückt in bühnenbildartiger malerisch-collagehafter Ästhetik. Der Maler hat sich aufs digitale Zeitalter eingelassen. Bilderflut, Bilderfetzen, Erinnerungsfetzen. Und alles hat irgendwie mit allem zu tun. Da fliegen Menschen und Gegenstände, Alltag und Natur durch die Gegend. Kunst, die sich zu ihrer Ratlosigkeit bekennt.

König Galerie in St. Agnes, Berlin:
bis 8. Oktober. www.koeniggalerie.com

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