1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Fichte, Fichte, Tanne

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Erwin Wurm: "Selfportrait as Cucumbers", 2008, jetzt in Wolfsburg zu sehen.
Erwin Wurm: "Selfportrait as Cucumbers", 2008, jetzt in Wolfsburg zu sehen. © Studio Wurm/VG Bild-Kunst, Bonn 2015.

Erwin Wurms unzweckmäßige Alltagsgegenstände und pralle Körper im Kunstmuseum Wolfsburg.

Die „Staubskulptur“ besteht natürlich (auch) aus Staub. Aus einem Holzboden, einer Glasglocke, darauf, darunter zartgrauem Staub. Winzigen Flusen, die je nach Lichteinfall leuchten, vielleicht sogar mal tanzen mögen? Wohl eher nicht, es fehlt die Luftbewegung. Staub allerdings, der es ganz offiziell in eine Ausstellung geschafft hat. Besonderer Staub mithin.

Der österreichische Künstler Erwin Wurm, Jahrgang 1954, ist ein Schelm. Durchaus ein wenig heiter gestimmt durchquert man, verlässt man Ausstellungen seiner Werke. Er verformt die Dinge, Alltagsgegenstände, die man doch kennt, schiebt sie sachte aus ihrer gewohnten Funktionalität in eine leicht absurde Unzweckmäßigkeit: Wer soll ein Bett mit 45 Zentimetern Breite, eine Toilette von 11 Zentimetern benützen? Erwin Wurm stellt das Banale – Würstel, Gurken, ein Spiegelei – auf den großen weißen Museumssockel. Eine weit überdimensionale Kartoffel ragt aus der Wand. Ein prächtiger „Kuhfladen“ (aus Aluminium und Farbe) liegt rum.

Für eine umfangreiche Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg sind 20 der 45 dort gezeigten Wurm-Werke neu entstanden. Vor dem Gebäude schon sticht ein „Curry Bus“ ins Auge, sattdunkelgelb, wurstförmig breit ausgedellt und von der Höhe eines tatsächlichen VW-Busses. Die Imbissbude ist selbst schon vollgefressen.

Als zum Bersten gefüllter Kleidungs-Sack, als monströs ausgebeulte Hülle bis hin zum geradezu Adipösen stellt der schlanke Wurm besonders gern den menschlichen Körper dar. Das berühmte Urinal-Ready-made „Fountain“ von Marcel Duchamps ist mit „R. Mutt“ signiert; Wurm kontert mit einer großen weißen Unterkörper-Schale aus Acryl, die von zwei Stummelbeinen gehalten wird und nennt sie „Mr. Mutt“. Beine ab etwa der Mitte der Unterschenkel ragen auch aus „Hypnose II (Mantel)“, der braune Wollmantel ist zum rechteckiger Körperkasten geformt. Und Füße in derben Schuhen hat die „Mutter“, deren Körper, welch feine Ironie, aus einer Wärmflasche besteht. Die lebenshohe (168 Zentimeter) Skulptur besteht übrigens aus massiver Bronze.

In der Weite und stolzen Höhe des Wolfsburger Museumsraumes fallen zuerst die Titel-Bäume auf, die kopfunter (wipfelunter) hängen: „Fichte“ ist die Ausstellung benannt. Allerdings, wieder so eine leichte wurmsche Verschiebung, handelt es sich um veritable Nordmanntannen, den idealtypischen Weihnachtsbaum. Und allerdings mögen zwar echte Bäume, bis zu zehn Meter hoch laut Auskunft, von der Kunstmuseums-Decke hängen, bezieht sich aber der Ausstellungstitel wiederum auch auf Johann Gottlieb Fichte, den Philosophen. Er schreibt über das menschliche Auge: „Es ist ein mächtiges Organ, das selbsttätig die Gestalt im Raume umläuft, abreißt, nachbildet; das selbsttätig die Figur, welche aus dem rohen Marmor hervorgehen, oder auf die Leinwand geworfen werden soll, vorzeichnet“.

Erektion unter heller Hose

Durch eine solche Selbsttätigkeit (nämlich: Wurms) ihrer Selbsttätigkeit symbolisch beraubt sind die vielen kopflosen Figuren des Künstlers. „Philosophers (Cajetan)“ steht da in Wolfsburg unter anderem, das hellblaue Hemd spannt über dem Bauch, imaginäre Hände stecken lässig in den Hosentaschen, ein zeitgenössischer Wohlstandsbürger mit Leerstelle auf den Schultern. „Anger Bump“ ist ein feister Kopfloser mit Erektion unter einer hellen Hose.

Marienkäfer und Wanzen krabbeln auf einem Lampenschirm im Kreis im Video „Epic“ – es dauert epische 71 Minuten. In 26 Minuten und 50 Sekunden bekommt man als Betrachter das, was im Titel einer anderen Videoarbeit steht: „Fabio getting dressed“. Verschobener, verfremdeter Alltag auch hier, weil Fabio doch weit mehr Schichten anzieht, als ein Mensch (er)tragen könnte.

Trotz ihres schrägen Blicks auf die Welt sind es oft stille Arbeiten. Auf langes Schauen angelegt, leises Kichern allenfalls. 17 grüne Gurken, hochkant, Abstand haltend, sind kein Spektakel, sondern ein fast meditatives Feld. Und einen Ausstellungstag lang (7 Stunden, 7 Minuten) kann man einen kleinen Raum im Raum betreten und „Hypnos“ ansehen, das Video eines – tatsächlich und natürlich freiwillig – hypnotisierten Mannes. Immer wieder verlagert er ein wenig das Gewicht, immer wieder schwankt er ein bisschen. Manchmal spricht eine Stimme aus dem Off ein beruhigendes, sanftes „ganz genau“. Ganz genau sind auch zwei Wörter, die über der Ausstellung stehen könnten.

Kunstmuseum Wolfsburg: bis 13. September. www.kunstmuseum-wolfsburg.de

Auch interessant

Kommentare