1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Ein Fettstuhl, originalgetreu

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sandra Danicke

Kommentare

Nein, nicht Carrolls Grinsekatze, sondern Elaine Sturtevants "Lichtenstein Laughing Cat".
Nein, nicht Carrolls Grinsekatze, sondern Elaine Sturtevants "Lichtenstein Laughing Cat". © Estate Sturtevant/Galerie Thaddaeus

Das Museum für Moderne Kunst widmet sich den Wiederholungen Elaine Sturtevants.

Wie muss man sich diesem Werk nähern? Muss man es überhaupt angucken? Oder reicht es vielleicht, die Idee zu verstehen, die dahinter steckt? Kann dieses Werk eine Aura wie jedes andere haben? Und: Was soll es überhaupt?

Als das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) vor zehn Jahren das komplette Haus leer räumte, um es ausschließlich mit Arbeiten von Elaine Sturtevant (Jahrgang 1930) zu bestücken, war man als Betrachter ziemlich ratlos. Alle Exponate kannte man bereits – allerdings nicht von Sturtevant, sondern von Andy Warhol, Joseph Beuys, Anselm Kiefer oder Felix Gonzalez-Torres.

Wer nicht auf den Ausstellungstitel achtete, konnte sich in einer Best-of-Schau der jüngeren Kunstgeschichte wähnen. Sturtevant hatte die Skulpturen, Gemälde oder Filme anderer wiederholt. Sich deren Handschrift zu eigen gemacht, so dass man meinte, es mit Kopien zu tun zu haben. Aber nein, hieß es, dies seien keine Kopien, sondern ebenfalls Originale.

Die Ausstellung im MMK hatte Folgen: Sturtevant (die sich als Künstlerin nur mit ihrem Nachnamen ansprechen ließ) erhielt große Ausstellungen, Auszeichnungen, wurde berühmt. Denn das, was die Amerikanerin gewagt hatte, ist so radikal wie kaum etwas in der Kunst.

Jetzt zeigt das MMK (das jetzt MMK 1 heißt) erneut eine Sturtevant-Ausstellung – mit circa 100 Zeichnungen, die seit 1964 entstanden sind. Und noch immer stellt man sich permanent Fragen. Grundsätzliche Fragen, die mit der Natur und Eigenschaft eines Kunstwerks zu tun haben, unseren Umgang und auch die Unsicherheit damit thematisieren.

Warum um alles in der Welt halten wir ein Bild für Kunst, was genau sind die Komponenten, die es dazu machen? Was bezeichnen wir als authentisch, was als innovativ? Allein das beweist die außergewöhnliche Qualität dieses Lebenswerks, dessen Kern darin besteht, vermeintliche Gewissheiten ins Wanken zu bringen.

Sturtevants Werk setzt Mitte der sechziger Jahre ein, damals lebte sie in New York, war mit Jasper Johns, Robert Rauschenberg und den wichtigsten Pop-Art-Künstlern befreundet. Interessant ist, dass ihre Werkwiederholungen nahezu zeitgleich mit den Originalen entstehen. Von Warhol soll sie sich damals sogar die original Siebdruckvorlagen ausgeliehen haben, die der Künstler für seine „Flowers“-Serie verwendet hatte, um das Werk nur wenige Monate später zu wiederholen.

Das ist eine Vorgehensweise, die nicht nur zeigt, wie stark sie die Maximen der Pop Art verinnerlicht und sogar weiter gedreht hat. Sie demonstriert zugleich Sturtevants ausgeprägtes Verständnis der damals populären Conceptual Art.

Tatsächlich? Nachgemalt?

Die Zeichnungen belegen, mit welcher Akribie sich die Künstlerin die jeweilige Handschrift ihrer Kollegen angeeignet hat. Zahlreich sind etwa die Studien zu Jasper Johns „Flag“ – wobei man als Betrachter nicht weiß, ob es sich dabei um tatsächliche Studien handelt oder um nachgemalte. Und was genau bewundern wir an den wilden Schraffuren auf diesen Blättern? Die Schönheit und pulsierende Energie der dicht überlagerten Bleistiftstriche? Oder Sturtevants Fähigkeit zur Mimikry?

Tatsächlich sind ihre Zeichnungen oftmals gar nicht so dicht am Original orientiert, wie man meint. So kombinierte sie James Rosenquists „Spaghetti“ mit Jasper Johns „Numbers“ oder Warhols „Flowers“ mit Roy Lichtensteins „Pointed Finger“, wobei sie die Rasterpunkte mal in der Hand, mal auf den weißen Hintergrund setzte.

Erstaunlich ungezwungen veränderte die Künstlerin mal das Medium, mal die Technik, das Format oder das Hintergrundmotiv der jeweiligen Vorlage, ganz so, als handele es sich um Fingerübungen, die dem eigentlichen Werk vorausgegangen sein könnten. Sturtevant verhielt sich also zu keiner Zeit wie ein Kopist, sondern stets so, als sei sie selbst die Urheberin der Motive.

Von Beuys signiert

Seit 1967 beschäftigte sich Sturtevant mit Marcel Duchamp, dessen Idee des „Ready Made“ sie mit ihrem Werk gleichsam weiter gedacht hat. Nur dass die Künstlerin keine vorhandenen Gegenstände benutzte, sondern vorhandene Ideen. Weniger naheliegend war die 1969 einsetzende Auseinandersetzung mit Joseph Beuys, der damals international noch nicht berühmt war. Dass Sturtevant nicht nur den „Fettstuhl“ und diverse Aktionen wiederholte, sondern auch einige der höchst eigenwilligen Zeichnungen, zeigt ihr Gespür für Qualität. Dass Beuys selbst die Strategie der Künstlerin zu schätzen wusste, zeigt ein von ihm signierter Sturtevant-Katalog, den diese im Beuys-Stil gestaltet hat.

Ab 1974 gab Sturtevant ihr Schaffen für mehr als zehn Jahre auf. Das mag daran gelegen haben, dass sie als Künstlerin völlig erfolglos war. Kaum jemand schien zu begreifen, was sie da tat. Erst 1985 setzte sie ihr Werk fort – konsequenterweise berief sie sich auf damals aktuelle Künstler wie Keith Haring und Paul McCarthy.

Sturtevant, die im Mai dieses Jahres gestorben ist, ging es darum, unsere „gegenwärtige Vorstellung von Ästhetik zu erweitern und zu entwickeln, Originalität zu erforschen und die Beziehung von Original zu Originalität zu erkunden und Raum für neues Denken zu eröffnen.“ Es ist ihr auf frappierende Weise gelungen.

Museum für Moderne Kunst, MMK 1, Frankfurt: bis 1. Februar. www.mmk-frankfurt.de

Auch interessant

Kommentare