Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Fotos von Mara Eggert

Festhalten, was in Bewegung ist

Mara Eggert war immer und ist: Eine Künstlerin. Lauter Theater-Augenblicke, die weit über das Theater hinausreichen zeigt die Ausstellung "Theater der Bilder" in der Bonner Bundeskunsthalle. Von Peter Iden

Mara Eggert war immer und ist: eine Künstlerin, die weiß, was sie will. Was will sie mit den Fotoarbeiten, den Bildern, die sie nun zu einer Ausstellung zusammengeführt hat? Sie erfasst darin Augenblicke aus Aufführungen des Theaters, auf das sie sich, seit inzwischen bald einem halben Jahrhundert, als professionelle Fotografin eingelassen hat.

Schon 1962 wurde sie am Mannheimer Nationaltheater offiziell mit der Aufgabe betraut, die Produktionen des Hauses fotografisch zu begleiten, das heißt in Betracht einer Kunstform, deren Merkmal auch die Flüchtigkeit ist: Sie übernahm die Funktion des festhaltenden Gedächtnisses, der Erinnerung an das, was auf der Bühne geschehen und zu sehen gewesen war. Das ist ein verdienstvolles Metier, aber auch ein sehr schwieriges: Weil die Vorgänge auf der Theaterbühne Bewegung bedeuten - und das einzelne Foto die Abläufe ja notwendig stillstellt, gleichsam einfriert, "stills" heißen im Englischen diese Bilder.

Die Fotos haben also zu tun mit Theater. Aber, man sieht es auf den zweiten Blick, sie reichen über das Theater, dem sie entstammen, auch hinaus, lösen sich davon, befreien sich vom Dokumentarischen zu einer überraschenden Eigenständigkeit. Man hat beobachten können, wie die moderne Bühne sich für die Bildwerte, die ihrem Publikum entworfen werden, immer wieder auch bezogen hat und bezieht auf visuelle Erfindungen der bildenden Kunst, viele der bedeutendsten Regisseure und Ausstatter der zeitgenössischen Bühne haben den Bildern von Malern und der Formensprache der Plastik und der Skulptur Inspirationen entnommen für ihre eigenen Entwürfe von Räumen und den Umgebungen, in welchen sie die Situationen eines Dramas entfaltet haben.

Mara Eggert nun kehrt diesen Vorgang um: Sie sieht das Theater als eine Instanz der Erschaffung von Bildern, die wie alles, was die Welt und das wirkliche Leben uns vor Augen führen, eben Welt-und Lebensbilder sind, ganz unabhängig von dem Ort und der Stunde, in der sie ursprünglich entstanden. Das Theater liefert den Fotos den Stoff - aber der Stoff ist nicht mehr nur der des Theaters.

Das ist das Neue, auf das Mara Eggert aus ist, das ihr wichtig ist, das sie will. Aus Bildern des Theaters wird ein Theater der Bilder. Für die Wirkung der Fotos, für die Qualität der Mitteilung, die sie für den Betrachter enthalten, ist damit nicht mehr entscheidend, in welchem Maß, wie getreulich sie einen bestimmten Moment aus einem auf der Bühne gespielten Drama fixieren - was zählt ist vielmehr, welche Regungen, Empfindungen, Assoziationen das Foto, nun also für sich genommen, in uns zu erwecken imstande ist.

Wenn sie nun nicht mehr von einer bestimmten Aufführung berichten - was erzählen uns die Fotos der Mara Eggert? Die Ausstellung liefert da viele, die Phantasie stimulierende Vorgaben. Stimulierend sind zunächst Haltungen und Stimmungen des Aufbruchs. Ein erstes Foto zeigt einen Mann in Rückenansicht, der durch einen Vorhang, den er mit dem rechten Arm beiseite schiebt, aus dem Bühnenraum hinaustritt an die Rampe, vor das Publikum. Es ist ein Ur-Impuls des Theaters, der ihn bewegt: Vor andere Menschen zu treten, sichtbar zu werden, sich mitzuteilen. Aber das ist auch ein Impuls, der das Individuum generell bestimmt: Kontakt aufzunehmen mit anderen.

Eine Sehnsucht ist das - und in der Bewegung auf andere hin ist darin zugleich enthalten ein Widerspruch. Denn nicht weniger als der Wunsch nach Gemeinschaft ist in jedem von uns lebendig der Wunsch, für sich zu sein, bei sich zu bleiben. Ein anderes Foto handelt davon, ein Moment aus O´Caseys Komödie "Das Ende vom Anfang". Ein Mann, wir sehen ihn im Profil, lehnt in einem Türrahmen und blickt, die Tür ist zur Hälfte geöffnet, versonnen und verlangend hinaus. Das ist wieder ein Theater-Augenblick, der über das Theater hinausreicht - wir sind ja immer derart eingespannt zwischen dem, was ist, was wir haben, was wir sind, und dem Zug fort in ein Anderes, immer eingespannt, um es mit dem Titel eines anderen Stücks des großen irischen Dramatikers zu sagen: zwischen dem "Pflug und den Sternen", der konkreten Gegebenheit und der Möglichkeit von etwas, das mehr wäre.

So schildern einige der Fotos Menschen - auffällig häufig übrigens in Rückenansicht - und die Figur, die sie machen im Umgang mit sich selbst. Eine weitere Gruppe der Bilder Mara Eggerts zeigt die Einzelnen im Kontext mit mehreren Personen. Welches Verhältnis nehmen sie nun ein in ihrer Gesellschaft? Wie verändert der Nebenstehende den eigenen Ausdruck? Was sagt die Konstellation der Figuren über das, was jeden für sich und alle gemeinsam beschäftigt? Auch wer die Stücke nicht kennt, aus deren Inszenierungen die Eindrücke stammen, findet in den Fotos viel Stoff für ganz eigene Antworten.

Das gilt ebenso für die Emotionen, die durch einen bestimmten Gestus der Schauspieler in den Bildern nahegelegt werden. Es war eine Szene aus Frank-Patrick Steckels Aufführung von Barlachs "Der Arme Vetter", eine der schönsten Aufführungen des Frankfurter Theaters in den frühen siebziger Jahren: Da begegnen sich auf dem Kamm einer leichten Anhöhe ein Mann und eine Frau, mit ausgebreiteten Armen läuft Marlen Dieckhoff zu auf

Peter Roggisch - ein unglaubliches Verlangen, eine schmerzende Sehnsucht und auch ein Jubeln sind in dem Bild - wir können darin wiederfinden was vielleicht einmal uns selber mitgerissen hat in eine solche Bewegung.

Es gibt in den Fotos also die Einzelnen, Vereinzelten, bei sich und arrangiert zu Paaren wie zu Gruppen. Und es gibt Figuren in Landschaften. Landschaften von hoher Künstlichkeit mitunter, wie etwa Robert Wilson oder Ruth Berghaus sie für ihre Aufführungen geschaffen haben. Mara Eggert hat einen Blick für die Schönheit streng formal gegliederter Szenen. Zweimal nimmt sie Bezug auf Klaus Michael Grübers denkwürdige Frankfurter Inszenierung von Brechts "Im Dickicht der Städte". Der Bühnenbildner Arroyo hatte sie spielen lassen auf einem ganz von Tausenden ausgetretener Schuhe bedeckten Boden. Unsicher, schwankend bewegten sich die Figuren auf diesem Untergrund von Requisiten abgelebten Lebens, die vom Chaos des sinnlosen Kampfes zweier Männer erzählten, einem Chaos, von dem es am Ende heißt, es sei aufgebraucht; aber auch: "Es war die beste Zeit". In den zwei Fotos, herausgelöst aus dem Gefüge des von Grüber und Arroyo inszenierten Stücks, sieht man viele Männer, Menschen in einer großen Unordnung, der Blick fällt auf eine unübersichtliche Landschaft mit Figuren.

Die Fotografin hat sie erkannt als ein Bild - wofür? Mag sein, dass die schließlich bis zum Hals in einen Haufen Sandes eingegrabene Winnie in Samuel Becketts "Happy Days, Glückliche Tage", die Antwort weiß: "Yes, life I suppose, there is no other word." - "Ja, das Leben, nehme ich an, es gibt kein anderes Wort."

Der Text ist die leicht gekürzte Fassung der Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Mara Eggert.

Bundeskunsthalle Bonn: bis 4. Oktober. www.bundeskunsthalle.de/

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare