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Eine Meditation, eine Beschwörung? Ferdinand Hodler, „Der Tag“, 1899-1900. Foto: Kunstmuseum Bern
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Eine Meditation, eine Beschwörung? Ferdinand Hodler, „Der Tag“, 1899-1900.

Ausstellung

Ferdinand Hodler in Berlin: Das Unendliche, die Frauen, der Tod

  • VonIngeborg Ruthe
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Ferdinand Hodler in einer packenden Schau der Berlinischen Galerie.

Linie, Körper, Mimik, Gestik – alles ist Symbol: Seine Blütezeit hatte der Symbolismus zwischen 1890 und 1910. Zwischen Impressionismus und aufkommendem Expressionismus. Die symbolistische Spielweise war die Décadence, Ausdruck für den Verfall der Epoche in schwüler Sinneslust. Und in Allegorien von Landschaft und Körper. Ferdinand Hodler, geboren 1853 in Bern, gestorben 1918 in Genf, spielte auf beiden Klaviaturen. In der Berlinischen Galerie erzählen jetzt 50 Gemälde Hodlers von einem außergewöhnlichen Künstler. Allein 30 Werke kommen vom Kooperationspartner, dem Kunstmuseum Bern. Es ist 40 Jahre her, seit Hodlers Werk zuletzt in Berlin zu sehen war, damals in der Neuen Nationalgalerie.

Hodler war eine Schlüsselfigur der europäischen Moderne um 1900. Er malte seine suggestiven und avantgardistisch „parallelistischen“ Figuren-Kompositionen, lange bevor 1916 in der Züricher Spiegelgasse im Cabaret Voltaire der mit Nonsens provozierende Dadaismus ausgerufen wurde. In der Schweiz ist Hodler ein Nationalheiliger. Weniger bekannt aber ist, dass sein Weg zum internationalen Ruhm dereinst eng mit der deutschen Hauptstadt, mit der Kollegialität von Max Liebermann und Edvard Munch verbunden war, sich ihm von Berlin aus die Kunstwelt öffnete. Gelebt aber hat der Schweizer hier nie. Der geschickte Netzwerker und Freund Gustav Klimts war der Berliner Secession und dem Deutschen Künstlerbund beigetreten und bekam von 1898 bis 1914 mindestens 40 Ausstellungen, allen voran in den Kunstsalons Fritz Gurlitts und Paul Cassirers.

Das erste Bild, das Ende des 19. Jahrhunderts beim preußisch-nüchternen Berliner Publikum zuerst für Befremdung, dann für frenetische Begeisterung sorgte, war das so gnadenlos lebensnahe wie allegorische Generationen-Panorama „Die Lebensmüden“ von 1892: Gereiht sitzen auf einer Bank vier alte bärtige Männer in weißen mönchischen Gewändern zusammen mit einem jungen Kerl, dessen erschöpften nackten Körper nur ein Leinentuch zusammenzuhalten scheint. Daneben, sozusagen als Gegenstück, die „Heilige Stunde“: Fünf nackte Frauen, umgeben von einem Blumenkranz. Der Titel suggeriert einen christlichen Zusammenhang, den Verweis auf Madonnen-Bilder. Bei diesem Motiv, von dem Hodler eine ganze Serie malte, beschäftigte ihn die Einheit, die einerseits Mensch und Natur, andererseits die Menschen nach seiner Theorie parallel verbindet.

Die Kuratorin Stefanie Heckmann und ihr Team haben nach vielen Recherchen sogar die Secessions-Schau des Jahres 1911 in verknappten Zügen nachgestaltet. Alle 13 damals hängenden Hodler-Bilder korrespondieren abermals mit Gemälden und Skulpturen der ebenfalls ausstellenden Zeitgenossen, so mit Corinth und Kolbe.

Und die Neue Nationalgalerie steuerte aus ihrer Sammlung Hodlers „Redner“ bei, diesen fast monströsen Riesen-Agitator in roter Montur, mit jener Handgeste, die nicht den Rütli-Schwur meint, sondern die Ansprache eines Hannoveraner Reformators anno 1533. Das Gemälde ist die Vorfassung eines Wandbildes für die Stadt Hannover. Hodler nahm es als Gelegenheit, seine Parallelismus-Theorie zu untermalen, diese „allen Dingen innewohnende Idee im Kunstwerk als ‚neue‘ Ordnung“.

Aber schon 13 Jahre zuvor war die große Sensation der Berliner Secessions-Schau das nun abermals im Blickpunkt hängende Panorama „Nacht“ von 1989/90. Das Skandalbild! In Zürich hatte die Sittenpolizei es aus dem Museum entfernt, woraufhin Hodler einen privaten Ausstellungsraum anmietete. Anders in Berlin, wo das gewagte Motiv über Nacht für Furore sorgte. Hodlers Thema bewegte die Gemüter – das Unendliche, die Frauen. Und der Tod. Auf der riesigen Leinwand sind Schlafende zu sehen, nackte Leiber und in der Mitte ein aus dem Schlaf aufgeschreckter Mann, dem Gevatter Tod auf dem Unterleib hockt. Es ist wohl eine Art Selbstbildnis. Das Sterben war für Hodler ein allgegenwärtiger Schrecken. Sein Vater und mehrere Geschwister starben an Tuberkulose, seine Geliebten und Modelle, Mütter seiner beiden Kinder, nacheinander an Krebs. Hodler malte sie jeweils auf dem Totenbett. Ins Tagebuch schrieb er: „Er ist furchtbar und doch schön, weil er das Individuum mit dem Ganzen verbindet, weil er zugleich das Mysterium und das Unendliche ist und weil es ihn gibt.“

Vis-à-vis in der Berlinischen Galerie hängt, als Pendant zur „Nacht“, der zeitgleich gemalte „Tag“. Fünf nackte Frauen sitzen wie in Trance im Kreis, man denkt an eine Meditation, eine Beschwörung. Einflüsse der Lebensreformbewegung sorgten damals für eine Neubelebung von Kult und Mystik in verschiedenen Kunstrichtungen und Künstlergruppen. Provokant öffnete der Maler der mittleren Figur den Schoß, bedeckt aber die Scham umso suggestiver mit einem Zipfel des weißen Tuches.

Künstlerkollegen wie Paul Klee sahen in Hodler den Maler der „Seelenlandschaften“. Seine Porträts, die Tänzerinnen und Jünglinge wirken tatsächlich archaisch, oft ernst und doch beseelt, voller Leichtigkeit und Leben. Hodler schöpfte für seine Kunst aus der Natur, als deren Teil er den Mensch verstand. Die Luft, die seine Figuren atmen und die seine berühmten Berge Eiger, Mönch, Matterhorn und Jungfrau umweht, ist kalt und klar. Er selbst schrieb von einer „vergrößerten, vereinfachten Natur, befreit von allen Details“. Und der einflussreiche Berliner Sammler Harry Graf Kessler urteilte über die Künstlerbund-Schau 1905: „Der stärkste Eindruck: Hodler!“

Doch 1914, zu Kriegsbeginn, brach Berlin mit dem gefeierten Schweizer. Hodler hatte mit 120 anderen Künstlern und Intellektuellen gegen die Beschießung der Kathedrale von Reims durch die deutsche Armee protestiert. Die wilhelminische Presse eiferte, schrieb vom „Fall Hodler“. Die deutschen Künstlervereinigungen schlossen ihn aus. Vielleicht aber schützte ihn das davor, dass die Nazis seine Allegorien und Berglandschaften für ihre Propagandazwecke missbrauchten. Er zählte zu den „Entarteten“.

Der Berlinischen Galerie ist eine ganz besondere Ausstellung über die frühe Moderne gelungen. Wir begegnen Ferdinand Hodler, seinen ungenierten Motiven, den spannungsgeladenen Umrisslinien, diesem eigenwilligen Parallelismus und der freien Farbwahl als Wegbereiter des Expressionismus. Vor seinem Tod 1918 – auch er bekam die unheilbare Lungenkrankheit – malte er noch einmal den Genfer See, ein Stück große, freie Malerei. „Sehen Sie, wie alles in Linien und Raum aufgeht?“, sagte Hodler zu seinem Besuch, einem Kunstkritiker. „Ist Ihnen nicht so, als ob Sie am Rand der Erde stünden und frei mit dem All verkehrten?“

Berlinische Galerie, Berlin: bis Dezember. berlinischegalerie.de

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