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Fast vergessener Maler Sascha Wiederhold in der Neuen Nationalgalerie Berlin: Die Welt ist eine Zentrifuge

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Von: Ingeborg Ruthe

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„Jazz-Symphonie“, 1927. Foto: Silard Isaak Collection, Nachlass Carl Laszlo / Rechtsnachfolger Sascha Wiederhold, Foto: Thomas Bruns
„Jazz-Symphonie“, 1927. Foto: Silard Isaak Collection, Nachlass Carl Laszlo / Rechtsnachfolger Sascha Wiederhold, Foto: Thomas Bruns © Thomas Bruns

Euphorische Zeiten, und dahinter lauert die Furcht: Das faszinierende Werk des verdrängten und dann fast vergessenen Malers Sascha Wiederhold in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Nicht jeder Schatz besteht aus Silber, Gold und Edelstein. Das muss man angesichts der wenigen in den letzten 100 Jahren erhalten gebliebenen Bilder eines zu Unrecht fast Vergessenen sagen. Gemalt hat die jetzt in der Neuen Nationalgalerie Berlin ausgebreiteten Motive der 1924 in die Avantgarde der Hauptstadt der Weimarer Republik eingetauchte Westfale Sascha Wiederhold (1904–1962).

Der aufstrebende junge Maler aus dem Kreis von Herwarth Waldens Berliner Galerie „Der Sturm“ hatte die Düsseldorfer Kunstakademie verlassen. In Berlin spielte die Moderne. Aber aus der hauptstädtischen Kunstakademie wurde er hinausgeworfen, wegen dreisten Vagabundenlebens: Der zunächst Quartierlose hatte illegal in der Schule genächtigt. Doch bald nach dem Eklat stellte sich der Erfolg mit seinen farbknallenden Abstraktionen ein.

Wiederholds Bildsprache zeigt das, was die Jugend nach dem Krieg und in der jungen Republik empfand: Lebenshunger, Schnelligkeit, Dynamisierung und Simultaneität. Raum und Zeit scheinen sich förmlich zu durchdringen. Die moderne, technisierte Welt ist ins Bild gesetzt. Da entdeckt man Anklänge an Braque, Malewitsch, auch an den orphistischen Franzosen Robert Delaunay. Und an den italienischen Futurismus. Diese Stilmittel drücken Fortschrittsglauben aus.

Steht man aber länger vor Wiederholds Tafeln, wirken sie keineswegs naiv idealisierend, eher ambivalent, in einer Mischung aus jugendlicher Euphorie und eine vager Furcht vor dem Ungewissen.

Er hatte Ausstellungen beim angesagten Kunsthändler Walden und Theaterschauen mit seinen konstruktivistischen Bühnenbildern sogar in New York. Er wurde 1929 zum Theater-Ausstattungsleiter in Tilsit (damals Ostpreußen) berufen. Eine Künstlerreise in die Sowjetunion 1932 verdrehte ihm den Kopf für die Ideale des Kommunismus. Er übersiedelte in die UdSSR, geriet aber mit der Kriegserklärung Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion 1941 als Deutscher in Stalins Terrormaschinerie und gelangte in letzter Not und desillusioniert nach Berlin zurück – wo seine Malerei nun als „entartet“ galt.

Er machte Schluss mit dem Malen, als hätte der Nationalsozialismus seine Leidenschaft erstickt. Wiederhold wollte sich nicht ans Kulturdiktat der Nazis anpassen. Doch um in der geistigen Welt zu bleiben, machte er eine Buchhändlerausbildung, arbeitete im Laden eines Bekannten aus der Sturm-Galerie, des jüdischen Händlers Lachmann am Bayerischen Platz in Schöneberg. Die Buchhandlung wurde „arisiert“ und Wiederhold im letzten Kriegsjahr eingezogen.

In britischer Kriegsgefangenschaft bis 1946 zeichnete er noch ein bisschen. Diese Figurinen, ausgebreitet im Kabinett der Neuen Nationalgalerie, sind die ultimativen bildkünstlerischen Äußerungen dieses lange völlig übersehenen Talents. 1951 eröffnete Wiederhold in Moabit seine eigene Buchhandlung. Seine Gemälde nehmen wir heute beinahe wahr als Phantome aus einer Zeit, in der für die Kunst noch alles möglich schien.

Als Wiederhold 1962 starb, wusste keiner seiner Kunden, dass sich hinter dem Weltliteratur-Belesenen einer der spannendsten Künstler der Zwanzigerjahre verbarg, der Maler der „Jazz-Symphonie“, die soeben die Stirnseite des Kabinetts in der Neuen Nationalgalerie dominiert, ein 4,65 mal 3,60 Meter ausladendes Meisterwerk in Ölfarbe, Tempera, Gold- und Silberbronze auf Papier, kaschiert auf Leinwand.

Diese aus der Schweizer Isaak Collection im Nachlass des Wiederhold-Sammlers und Holocaust-Überlebenden Carl Laszlo geliehene orgiastische Reminiszenz auf eine Berliner Party der Novembergruppe 1927 gleicht dem, was heute, 100 Jahre später, als „Berlin Babylon“ beschrieben wird: knallbunte Clowns-Figurinen, delirierende Punkte und Scheiben, Zahlen, Stifte, Violinen, kreiselnde Blüteninstrumente, Treppen, Kegel, Wellen. Und immer wieder taucht die Form des Buchstabens C auf – das kyrillische Zeichen für Sascha. Dazwischen vollführen bewimperte Glotzaugen einen konstruktivistischen „Tanz auf dem Vulkan“.

Alles scheint miteinander verschachtelt, verwoben, vernäht wie bei einer riesigen Patchwork-Collage. Dada-Hut-Masken, wie einst Hugo Ball sie trug, und ein fast psychedelischer Konstruktivismus verschmelzen zu einem aller Gewissheiten entledigten Zeitbild im Schleudergang, hinterlassen von einem Maler der „untergegangenen Generation“.

Jetzt, wo die Zeit wieder einmal aus den Fugen zu geraten scheint, stehen wir ziemlich baff vor Wiederholds Bildern, die der Kunsthistoriker und Soziologe Dieter Scholz, Kurator der Neuen Nationalgalerie, wiederentdeckt hat. Einige waren 2013 beim Berliner Galeristen Brockstedt zu sehen, danach begann Scholz intensiver zu recherchieren, wer der Maler solcher Kaleidoskope eigentlich war. In den Siebzigerjahren gab es im Berliner Westen zwei kleine, folgenlose Galerieausstellungen.

Nach und nach zeigte sich ein weit verstreuter Kunstschatz. Der Großteil befindet sich im Nachlass des ungarisch-schweizerischen Sammlers Lazlo, andere in Privatsammlungen, im Sprengel Museum Hannover – und in der Berlinischen Galerie, so die Bühnenbildentwürfe für Stücke und Opern von Ibsen, Verdi, Gogol, Lehár oder Shakespeare.

2021 gelang der Neuen Nationalgalerie kurz vor ihrer Wiedereröffnung nach der Generalsanierung mit Finanzhilfe der Ernst-von-Siemens-Stiftung der Ankauf von Wiederholds Gemälde „Bogenschützen“, 1928, aus einer Privatsammlung. Die zentrifugale Jagdszene markiert seither den Zugang zur Dauerschau „Die Kunst der Gesellschaft 1900–1945“ und weist markante Pinselzüge und Details mit Bezug zur „Jazz-Symphonie“ auf. Die „Figuren im Raum“ aus dem gleichen – offensichtlich malintensivsten – Jahr lassen auch an die Maschinenmenschen Schlemmers, Schwitters’ und Légers denken. Allerdings baute Wiederhold seine Szenerie auf einem Schachbrettmuster auf. Und das scheint sich, geradezu surreal wabernd, aufzulösen. Als gebe es keine feste, verlässliche Bodenhaftung mehr für Mensch, Stadt, Land.

Und auch die „Segelboote im Hafen“, 1929, sind zerlegt in Schiffskörperteile und strahlenförmige Takelagen, eine fast prismatische Konstruktion, wie auch der Bauhausmaler Feininger sie betrieb, nur dass bei Wiederhold alles so wirkt, als werde sogleich eine wilde Kraft die geometrische Ordnung verwirbeln. Doch gerade so wird das zerlegte Formenornament zu einer Art mythologischer Welterzählung des Lebens – als immerwährenden Kreislauf.

Neue Nationalgalerie, Berlin. Bis 8. Januar 2023. smb.museum

Der Maler Sascha Wiederhold. Repro: Anja Elisabeth Witte
Der Maler Sascha Wiederhold. Repro: Anja Elisabeth Witte © Repro: Anja Elisabeth Witte
„Segelboote im Hafen“, 1929. Foto: Silard Isaak Collection, Nachlass Carl Laszlo / Rechtsnachfolger Sascha Wiederhold
„Segelboote im Hafen“, 1929. Foto: Silard Isaak Collection, Nachlass Carl Laszlo / Rechtsnachfolger Sascha Wiederhold © Thomas Bruns

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