Katharina Grosse in ihrem Atelier.
+
Katharina Grosse in ihrem Atelier.

Kunst

Im Farbfluss der Zeit

  • vonIngeborg Ruthe
    schließen

Katharina Grosses Berliner Opus Magnum der Malerei im Museum Hamburger Bahnhof.

Beim Eintritt in die historische Halle des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin wird klar, wieso Katharina Grosse in der internationalen Kunstszene auch „Katharina die Große“ heißt, wegen dieser absoluten Freiheit, die sie sich nimmt. Die Malerin, um die sich seit Jahren die Museen der Welt und die Biennalen reißen, malt völlig entgrenzt, losgelöst, befreit von allen Konventionen. „Ich male mich aus dem Raum hinaus“, sagt sie. Ihr leuchtender Farbfluss ist rahmen- und uferlos; er beschreibt den Fluss der Zeit, Freude und Trauer, Angst und Glück.

Und sie macht uns, das Publikum, in diesem bunten Fluss der Gefühle, Stimmungen und Assoziationen zu Mitspielern in einer großen Aufführung über die Wirkmacht der Bildkunst, über Energien von Farbe und Form. Ich laufe auf dem Museumsboden und draußen, außerhalb der einstigen gründerzeitlichen Bahnhofshalle, auf dem ganzen Areal bis hin zu den ebenfalls bemalten Fassaden der Rieckhallen im Energiefeld einer Palette aus Spektral- und Mischfarben.

Alles verläuft ineinander, verschlingt sich, strudelt zu einem universalen Zeichen. Ein kritisches Statement? Ich glaube, ja. Die Hallen, in denen die Flick-Collection gezeigt wird, sollen nach dem Willen des Vermieters CA Immo, nach 2022 abgerissen werden, weil der Investor dort Eigentumswohnungen bauen will.

Grosse, geboren 1961 in Freiburg im Breisgau, aufgewachsen in Bochum und ausgebildet an den Kunstakademien Münster und Düsseldorf, bringt gleichsam die Farbenlehren zur Wirkung. Wer könnte da widerstehen.

Sinnbild von Erschaffung und Zerstörung

Eine magnetische Landschaft wird zu einer bizarr bunten Skulptur, die an auskragende Felsformationen, an Höhlen und Klippen denken lässt; auch an berstende Eisberge, auf die das Polarlicht alle Farben dieser Welt wirft. Oder an einen Riesenvogel. Seitlich gesehen, gleichen die bemalten Polystyrol-Aufbauten einem riesigen, bunten, mystischen Wesen. Es scheint in den Raum gesprungen zu sein, sprengt ihn, schneidet, reißt ihn auf. Das zerklüftete Gebilde wird zum Sinnbild von Erschaffung und Zerstörung. Ein schrilles Gegenbild zur deutschen Romantik. Auf dem Boden vermeint man die Aufprall- oder Rutschspuren des faszinierenden Ungetüms zu sehen.

Das alles ist nicht aber nicht etwa nur ein Gewaltakt, auch wenn aggressive Schnittspuren zu entdecken sind. Im Ganzen bringt dieses Opus Magnum der Malerei eine poetische Schönheit hervor, die fast kindliche Euphorie auslöst, das Gefühl, auf einer abenteuerlichen Exkursion zu sein und dabei in Farbe zu baden, zu schwimmen, zu waten. Dabei sind alle Farben, die Grosse nach dem enormen, geradezu bildhauerischem Kraftakt der Kunststoff-Bearbeitung aufbrachte, selbstverständlich längst getrocknet. Die skulpturenartigen Bildträger formte die Künstlerin in ihrem Berliner Fabrikatelier in mehreren kräfteraubenden Arbeitsschritten und durch etliche Skalierungen. Die zunächst maschinell gefrästen Teile hat sie von Hand nachgeschnitten, dann durch 3D-Scans erfasst, um so das nächste Teil zu fertigen.

Das dauerte Tage. In der Museums-Halle verpasste sie den Kunststoff-Objekten dann mit Hilfe eines heißen Drahtes die rabiaten Einkerbungen, Furchen, Rillen, Höhlen. Zuletzt brachte Grosse die Farben mit einer kompressorgetriebenen Spritzpistole auf, ein abermaliger Kraftakt. Zum Schluss überzog sie den ganzen bunt besprühten Boden der Halle und die Steinplatten und Wege draußen mit einer Art Firnis.

Der Verschleiß ist gewollt

So kann das Publikum bedenkenlos mit Straßenschuhen über die ineinander verlaufenden Farbstrudel und Farb-Bahnen laufen. Der Verschleiß ist gewollt und am Ende der Schau wird alles wieder – ökologisch mit heißem Wasser – abgewaschen. Grosse will ihre kaleidoskopische Malerei genauso haben: materiell, spirituell – und flüchtig. Bleiben wird am Ende in den Köpfen der Betrachter nur die Erinnerung. Und natürlich Fotos, Filme. Vielleicht ein Bilderbuch.

Es gibt kein Innen und kein Außen mehr in diesem Mal-Raum mit dem Titel „It Wasn’t Us“. Alles ist Decke und Boden, Objekt und Gebäude zugleich, vertikal und horizontal. Die Wirklichkeit geht in dieser Malerei völlig auf. Vor 20 Jahren hatte Grosse ihren eigenwilligen Mal-Weg genau an diesem Ort bereits angedeutet. Sie gehörte zu den Kandidaten für den erstmals ausgeschriebenen Preis der Nationalgalerie für junge Kunst. Sie hatte riesige, rahmenlose Leinwände voller fließenden abstrakten Farbbahnen aufgespannt. Damals gewann ein Kollege.

Nun, 2020, schließt sich der Kreis. Solche Malerei kennt kein stilistischen Schubladen. Es ist die maximale Freiheit der Kunst. Malerei, die klassischer, aber unzählige Male totgesagte Königsdisziplin der Bildkunst wird bei Katharina Grosse zur überwältigenden Zumutung.

Hamburger Bahnhof,Berlin: bis 10. Januar 2021, Katalog bei Hatje Cantz, 44 Euro. Besuch derzeit mit Zeitfenster-Tickets, auch online buchbar: www.smb.museum/tickets

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare