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Nachruf

Mit der Farbe den Raum dehnen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Die Endlichkeit des Menschen und die Suche nach der Wahrheit in der Malerei: Zum Tod von Lucian Freud.

Damals, es ist mittlerweile zehn Jahre her, rief diese Frau in der Redaktion der Frankfurter Rundschau an. Sie fragte, ob man dagegen denn nichts unternehmen könne. Für den Ruf der Stadt Frankfurt sei das doch ein Skandal. Gemeint war ein großformatiges Plakat an der Außenfassade des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Es zeigte ein geradezu altmeisterlich ausgeführtes Gemälde eines stämmigen nackten Mannes in ungewöhnlicher Pose. Ein typisches Bild von Lucian Freud.

Der 1922 in Berlin geborene Brite, der als einer der wichtigsten Gegenwartskünstler gilt, war der Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud. 1933 war er mit seiner Familie nach Großbritannien ausgewandet; seit 1939 war er britischer Staatsbürger. Lucian Freud gilt als „Meister der Couperose“, seine schonungslosen Abbilder von Menschen empfinden viele als Zumutung. Dem Künstler wurde gar ein Faible für die malerisch detaillierte Umsetzung von Hautunreinheiten und Krampfadern nachgesagt; doch das ist Unsinn. Sicher, in seinen Bildern sieht man häufig Fettdellen und bläuliche Adern unter schlaffer Haut. Vor allem aber sieht man Porträts, deren Präsenz eine ungeheure Wucht hat. Entblößung ist hier nicht der treffende Ausdruck, sofern damit Bloßstellung gemeint ist, behalten die Modelle Freuds doch stets ihre Würde. Zum Beispiel durch den herausfordernden Blickkontakt, mit dem der stämmige Mann vom Plakat, der Performancekünstler Leigh Bowery, die indiskreten Blicke des Betrachters gleichsam magnetisch von seinem Körper weglotst.

Wie bei den meisten von Freuds Porträts scheint es auch hier, als habe der Künstler den Körper in bildhauerischer Manier neu erschaffen, Quadratmillimeter für Quadratmillimeter, Pinsel- für Pinselstrich. Als eine Art Farb-Skulptur, die den Raum dehnt, sinnlich, doch niemals sexistisch. Immer geht die Intensität des Ausdrucks entscheidend über das Abbildhafte hinaus, was unter anderem daran liegen mag, dass Freud die Raumperspektiven dramatisierte, indem er sie so vehement in die Fläche verkürzte, dass sich die Porträtierten dem Betrachter förmlich entgegenzudrängen scheinen – in all ihrer Schwerkraft. Die Masse des Körpers, das Gewicht einzelner Gliedmaßen lastet in Freuds Gemälden eigentümlich schwer auf den Polstern, den Stoffen, den warm-braunen Holzdielen. Auch weil die Modelle meist liegen. Sitzen sie, sind sie häufig eingeschlafen.

Sue Tilley zum Beispiel, eine äußerst korpulente Dame und Lieblingsmodell des Künstlers. Freud hat sie 1995 auf einem geblümten Sofa liegend porträtiert. Wie sie den schweren, schlafenden Kopf in die Lehne drückt. Wie da die mächtige Brust auf der Hand lastet, wie der wallende Speckbauch auf die massiven Schenkel quillt, mag mancher als degoutant empfinden.

Die Masse des Körpers, das Gewicht einzelner Gliedmaßen, die Schlaffheit der Haut

Dem russischen Millionär Roman Abramowitsch war das Bild mit dem Titel „Benefit Supervisor Sleeping“ bei einer Auktion vor drei Jahren fast 34 Millionen Dollar wert. Damit war es das bis dahin teuerste Gemälde eines lebenden Künstlers. Auch andere Werke Freuds erzielten bei Versteigerungen Millionenpreise. Vor wenigen Wochen erst verkaufte sich ein Porträt seiner Ex-Frau Suzy Boyt mit dem Titel „Woman Smiling, 1958-59“ für 4,7 Millionen Pfund. Ein Selbstporträt mit einem blauen Auge, das er sich bei einer Schlägerei mit einem Taxifahrer eingefangen hatte, kam vergangenes Jahr für mehr als 2,8 Millionen Pfund unter den Hammer. Konfrontationen scheute der Maler, der nach eigener Aussage oft in Schlägereien verwickelt war und Gerüchten zufolge Dutzende Kinder von diversen Frauen haben soll, offenbar nicht.

Waren seine früheren Arbeiten tendenziell flächig mit linearen Konturen, so sind im Spätwerk Farbe und Pinselduktus zunehmend körniger, unruhiger, farbiger – eine Entwicklung, die sich ganz ähnlich auch in den Radierungen vollzog, wobei hier das häufige Weglassen des Interieurs den Abgebildeten eine eindringlichere, auch melancholischere Aura verleiht. Auch hier ist es manchmal der Schlaf, der die Leiber in eigene Sphären entrückt.

Bisweilen fragt man sich, wie das geht, dass die Menschen bei Freud so oft eingeschlafen sind, ist doch das Modellstehen in aller Regel eher eine angespannte Tätigkeit. Auch arbeitete Freud ja nicht nach Fotovorlagen, sondern fast ausschließlich vor dem Modell. Stundenlang, wochenlang im ungnädigen Licht einer 500-Watt-Birne. Das Ergebnis ist stets eine ästhetische Zumutung und weit mehr als eine Eins-zu-eins-Übersetzung des optischen Eindrucks. Es transportiert ein Vertrautsein, ohne das solch ein Sich-Ausliefern der Porträtierten nicht möglich gewesen wäre.

„Ihre Müdigkeit kann mich beleben“, sagte Freud einmal in einem Interview. Von Hyperrealismus jedenfalls kann in Lucian Freuds Bildern keine Rede sein, Ähnlichkeit ist nur ein Nebeneffekt. Der Maler wollte, dass sein Abbild ein „wahres“, kein „ähnliches“ ist, und das ist im Bezug auf die gemalte Person auch eine subjektive Kategorie. „Ich wollte nicht das Aussehen des Modells, sondern sein Wesen“, sagte Freud. Der Betrachter hat einen Eindruck. Von dem Menschen, wie er sein mag, und das ganz ohne Kleidung und Accessoires. Sogar Prominente wie Kate Moss oder Jerry Hall haben sich dem Meister ausgeliefert. Als er vor zehn Jahren Queen Elizabeth II. – selbstredend bekleidet – malte, waren die Reaktionen gespalten. Ein Redakteur des British Art Journal fand, die Königin sähe darauf aus wie einer der königlichen Corgis nach einem Schlaganfall.

Am Mittwoch ist Lucian Freud im Alter von 88 Jahren in seinem Londoner Haus gestorben.

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