feu_rob_crosse_dear_samuel_1
+
Rob Crosse, Still aus dem Video „Dear Samuel“.

Museum Angewandte Kunst

Es klappert aus dem Korb

  • vonSandra Danicke
    schließen

Das Museum Angewandte Kunst zeigt Arbeiten dreier Preisträger: Rob Crosse, Richard Side, Sung Tieu.

Wir hören die Stimme eines Mannes, der zu einem zweiten spricht. Er macht Versprechungen, aus denen Verschiedenes hervorgeht: Es handelt sich um ein homosexuelles Paar, der Angesprochene ist wesentlich älter. Intimes wird erzählt. Sexuelle Praktiken werden genauso beschrieben wie eine Zukunft, in der Windeln gewechselt werden müssen. Man hört all dies und sieht es nicht, der Bildschirm bleibt schwarz. Wenn man doch etwas sieht, dann sind es Vögel, die als Haustiere in Käfigen gehalten werden.

Die Videoarbeit „Dear Samuel“ von Rob Crosse berührt auf vielfältige Weise. Weil man mit Themen konfrontiert wird, die kaum jemand offen anspricht. Sex im Alter, zu einem Zeitpunkt, wenn einer von beiden pflegebedürftig ist. Crosses Film beschwört diffuse Bilder im Kopf, die widerstrebende Gefühle auslösen: Fürsorge und Geborgenheit versus Verfall und Abhängigkeit.

Der Künstler, der 1985 im englischen Hertfordshire geboren wurde, ist einer von drei Preisträgern des ars viva-Preises für bildende Kunst 2021, der seit 1953 jährlich vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft BDI vergeben wird. Werke der ausgezeichneten Künstler sind derzeit in einer kleinen Schau im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt ausgestellt. Für einige frühere Arbeiten hat Crosse ältere homosexuelle Männer über einen längeren Zeitraum begleitet und auf anrührende Weise fotografiert. In der aktuellen Präsentation jedoch ist kein Mensch, allenfalls mal eine Hand zu sehen.

Auch die installativen Objekte von Richard Sides enthalten intim anmutende Elemente, etwa einen Badewannenabfluss, durch den ein blaues Licht leuchtet. Im Wesentlichen handelt es sich um hölzerne Sitzbänke, auf deren Flächen Sides, der 1985 im englischen Rotherham geboren wurde, Kästen befestigt hat, in denen sich diverse Dinge aus seinem Fundus befinden. Darunter ein Wasserhahn oder eine Käsereibe, aber auch eine Collage aus Zeitungsfotos von Menschenansammlungen. Man wird nicht so recht schlau aus den Ensembles. Dass sie – wie es im Wandtext heißt – „eine kritische Analyse gegenwärtiger kapitalistischer Verhältnisse“ formulieren, lässt sie so ohne Weiteres nicht nachvollziehen.

Ein Sitzmöbel des öffentlichen Raums bildet auch das Zentrum der Arbeit „Parkstück“ von Sung Tieu, die 1987 im vietnamesischen Hai Duong geboren wurde. Es handelt sich um einen silbern lackierten Tisch mit daran fixierten Sitzen, wie es sie manchmal auf Autobahn-Parkplätzen gibt. Im Raum verteilt findet man Picknickkörbe, aus denen es zuweilen heftig dröhnt oder klappert. So entsteht eine unheilvolle Atmosphäre, ein wenig so, als versuche man ein Picknick auf einer Landebahn einzunehmen. Das festgefügte Sitzmöbel verweist womöglich auf familiäre oder gar gesellschaftliche Strukturen, aus denen man schwer ausbrechen kann.

Ein Bezug zum Film von Rob Crosse drängt sich auf. Es scheint, als hätten die unsichtbaren Protagonisten des Videos die Reglementierungen und vorgegebenen Ordnungen, die hier so trist anmuten, längst verlassen.

Museum Angewandte Kunst , Frankfurt: bis 31.Januar. www.museumangewandtekunst.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare