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Standbild aus dem Video "Venusia" von Aline Bouvy und John Gillis.
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Standbild aus dem Video "Venusia" von Aline Bouvy und John Gillis.

Videonale in Bonn

Ein erschossenes Schlagzeug im Wald

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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43 aktuelle Arbeiten zur zwölften Videonale im Kunstmuseum in Bonn, dazu diverse Highlights aus den letzten 25 Jahren. Um ehrlich zu sein: Man fühlt sich wie beim Zappen auf dem Sofa. Von Sandra Danicke

Hinterher schwirrt einem natürlich der Kopf. Und man denkt vielleicht an Cher, wie sie zugibt, dass sie vor jedem Auftritt Angst vor der Bühne hat. Oder an die Frau ohne Unterschenkel, die schier endlose zehn Minuten in der Waagerechten auf einem Schwebebalken balanciert.

Vielleicht fällt einem wieder dieser merkwürdige Junge mit Lendenschurz ein, der in einem gigantischen Rhabarberfeld auf diverse Comicfiguren trifft, oder man erinnert sich an die mit der Ketchupflasche gemalten chinesischen Schriftzeichen. Schließlich sind es nicht nur die 43 aktuellen Videoarbeiten, die zur zwölften Videonale derzeit im Kunstmuseum in Bonn zu sehen sind. Es gibt überdies diverse Highlights aus den vergangenen 25 Jahren zu sehen sowie aktuelle Videos der für diese Review ausgewählten Künstler.

Um ehrlich zu sein: Man kommt mit dem geballten Material überhaupt nicht durch, fühlt sich bald schon ein wenig wie beim wohnzimmerlichen Zappen, auch wenn das Programm ziemlich anspruchvoll ist, und bleibt aus verschiedensten Gründen irgendwo hängen, zumal die Mehrzahl der jungen Videokünstler weithin unbekannt ist.

Äußerst skurril mutet etwa dieser junge Amerikaner an, der abwechselnd im Wohn- oder Schlafzimmer steht und zwischen Stickdecken, Sofakissen und dekorativer Obstschale sein detailliertes Wissen über Schuss- und Stichwaffen zum Besten gibt. "All's Fair in Love and War" heißt der Film der New Yorkerin Rebecca Loyche, der in der emotionslosen Schilderung der Tötung eines Menschen gipfelt. Man müsse bloß die Beinarterie des Gegners treffen, so der Waffenfreak, und "in zwei Minuten blutet er aus".

Wie eine Traumsequenz mutet hingegen die Videoarbeit "Asterión" von Gonzalo Lebrija an, wohl auch, weil sie in Zeitlupe abläuft: Mitten in der Nacht absolviert ein Mann im schwarzen Geschäftsanzug mit Aktentasche einen wilden Rodeoritt auf einem Stier. Plötzlich springt sein Aktenkoffer auf, Papiere segeln sanft zu Boden, der Reiter springt schließlich geschickt ab. Eine Metapher auf die Finanzwelt?

Und diese maroden Wohnungen im Film "Six Apartments" von Reynold Reynolds: Geradezu ekelhaft, wie hier eine junge Frau von der Badewanne aus ins Klo kotzt, während eine andere sich die Füße wäscht, eine dritte auf einer Plastikfolie im Bett liegt und überall alles verrottet ist, ein toter Fisch, in dem es schon fies wimmelt, eine Schlange, die eine Maus verdaut, verreckte Ratten, eine Frau die Patiencen legt - überall Lethargie, Einsamkeit und Verfall, während der Fernseher von globaler Erwärmung und Katastrophen erzählt. Eine Parabel auf das Leben in der Großstadt? Und wie ist es mit Andrew Cooke, der für seinen gleichnamigen Film eine "Performance under Working Conditions" aufführt, was bedeutet, dass er als menschlicher Staubsauger durch ein Hotelzimmer kriecht, mit dem Kopf über den Boden fährt und die Geräusche des Reinigungsgerätes imitiert. Dass Cooke in dem Haus tatsächlich als Reinigungskraft arbeitet, rückt das Geschehen in einen sozialkritischen Kontext.

Auch das im Wald stehende Schlagzeug, das in dem Video "Shot Through" von Tom Dale mittels Schusswaffe gleichsam "gespielt" wird, erscheint nur einen kurzen Moment lang lustig, denn die im Bild nicht sichtbare Person feuert weiter auf das Instrument, selbst als es völlig "wehrlos" und zerstört am Boden liegt. So brutal war einem das bei den Rockkonzerten der siebziger Jahre dann doch nicht erschienen.

Lustiger, wenngleich auch ein wenig tragisch, erscheinen die Protagonisten in Sascha Pohles Werk "The Mad Masters", dessen Aufnahmen während eines Look-a-like-Contests in Las Vegas entstanden: Eine vermeintliche Cher gesteht hier ihre Ängste ein, ein George-W.-Bush-Doppelgänger plaudert über seinen Friseur, während Johnny Depp sich mit einem anderen Johnny Depp unterhält, Kylie Minogue im Treppenhaus ein Liedchen vorsingt, und Angelina Jolie behauptet, genau zu wissen, was ihr Vorbild so fühlt. Naheliegenderweise wirken die Doppelgänger einigermaßen lächerlich und ziemlich unecht. Bis einem irgendwann der Gedanke kommt, dass ein George W. Bush, der über Schläfenhaar plaudert, viel sympathischer ist als das Original, und womöglich die Doppelgänger in gewisser Weise authentischer sind als die Stars, die sie darstellen. An Michael Jackson beispielsweise ist schließlich auch nicht mehr echt als an seinen zahlreichen Doubles.

Viel abstrakter funktioniert der Schwarzweiß-Film "Attica", für den die in Belgien lebende Manon de Boer mit dem Videonale-Preis ausgezeichnet wurde. Zu sehen sind Musiker, die offenbar ein Stück proben, dann schwenkt die Kamera kreisförmig durch den Raum, der unscharf und weitgehend abstrakt bleibt. Man hat keine Ahnung, worum es hier geht und fühlt sich doch irgendwohin mitgenommen. Noch Tage später bleibt, die seltsam faszinierende Melodie im Ohr. Dass es sich um die Vertonung eines Briefes des in Attica einsitzenden Sam Melville handelt, der zu den Anstiftern einer Gefängnisrevolte von 1971 gehörte, und dabei neben vielen anderen sein Leben ließ - man wäre nie drauf gekommen. Hinterher erscheint es einem aber erstaunlich einleuchtend.

Bonn, Kunstmuseum, bis 26.April. www.videonale.org

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