Max Ernst war es, der das „Drip Painting“ erfand, mit dem Jackson Pollock später berühmt wurde. Auf diesem Gemälde um 1942 goss Ernst aus einer durchlöcherten Dose schwarze Farbe über die Landschaft.
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Max Ernst war es, der das „Drip Painting“ erfand, mit dem Jackson Pollock später berühmt wurde. Auf diesem Gemälde um 1942 goss Ernst aus einer durchlöcherten Dose schwarze Farbe über die Landschaft.

Max Ernst

Wie Ernst die Angst nimmt

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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„Die Skulptur entsteht in einer Umarmung, zweihändig, wie die Liebe“: der Surrealist Max Ernst in der Wiener Albertina.

Mehr als 180 Gemälde, Collagen, Skulpturen, Bücher, entstanden zwischen 1913 und 1972. Natürlich nicht der ganze Max Ernst (geboren 1891 in Brühl bei Köln, gestorben am 1. April 1976 in Paris), aber doch überwältigend viel. Und sehr Unterschiedliches. Man kann sehen, wie Ernst paste and copy mit Giorgio De Chirico praktiziert. Für sein Gemälde „Aquis submersus“ aus dem Jahre 1919 holte Ernst sich den Titel bei Theodor Storm, die Bildidee aber bei dem nur drei Jahre älteren in Griechenland geborenen Italiener.

„I Piaceri del poeta“ heißt De Chiricos Bild aus dem Jahre 1911, das Max Ernst sich anverwandelte. Das Schwimmbecken ist da, die Gebäude, sogar die Uhr. Die hängt bei De Chirico ganz konventionell an einem Gebäude unter dem Giebel. Bei Ernst steht sie im Himmel wie der Mond. Und spiegelt sich als solcher im Wasser des Schwimmbeckens. Wer will, mag hier den Übergang von der Pittura Metafisica zum Surrealismus erkennen. Ernst hat bestimmt auch die Idee gefallen, dass Ausgangspunkt der Erzählung Storms ein Bild ist. Ernst lieferte also das Bild nach, das der Schriftsteller nicht hatte bieten können.

Das ist nicht unähnlich seinen Arbeiten für Tristan Tzaras „Dadaglobe“. 1920 bat der rumänische in Paris lebende Dichter in einem Rundschreiben Dadaisten in aller Welt, so steht es in dem sehr lesenswerten Katalog zur Ausstellung, ihm Beiträge zu schicken für eine zu erstellende Dada-Anthologie. Aus der wurde nichts. Aber ein paar Sachen wurden fertig und haben auch überlebt. So auch einige Arbeiten Max Ernsts. Er schickte Fotos von Collagen, die er für Aufnahmen zum Beispiel einer monumentalen Skulptur ausgab. Es war ein Spiel mit dem Medium. Eine Vorwegnahme auch. Denn Jahrzehnte später – im amerikanischen Exil – schuf Ernst wirkliche Großplastiken. Davor freilich gibt es schon Bilder, die dem Denkmal zustreben. Zum Beispiel die „Zwei Personen und ein Vogel“ von 1926. Hier scheint Ernst eine Plastik von Henry Moore abgemalt zu haben, freilich eine aus Gusseisen. Eine also, die man bei Moore nicht findet. Im Katalog erinnert Jürgen Pech an frühe plastische Versuche Ernsts. So gesehen war auch die Collage schon ein zaghafter erster Schritt hinaus in die dritte Dimension. Aber das eigentlich Interessante ist doch die Beharrlichkeit mit der Max Ernst das Plastische immer im Blick hatte und dass er doch so lange zögerte, bis er endlich große raumgreifende Plastiken schuf. In den 30er-Jahren bastelte er sich aus Fundstücken eine eigene kleine Welt zurecht und als er den Sommer 1935 mit Giacometti verbringt, da traut er sich an Granitblöcke. Aber er bearbeitet sie kaum. Er bemalt sie oder raut die Oberfläche ein wenig mit einem Stichel auf.

Ich weiß nicht, wann und wo Max Ernst sagte: „Die Skulptur entsteht in einer Umarmung, zweihändig, wie die Liebe.“ Diese Umarmung wollte er fast von Anfang an, aber erst sehr, sehr spät hat er sie gewagt. In seinen einleitenden Worten zu der von ihm und Julia Drost kuratierten Ausstellung in der Wiener Albertina meinte Werner Spies, manche täten sich schwer mit der Rätselhaftigkeit der Bilder von Ernst. Die hinge aber nicht zuletzt gerade damit zusammen, dass wer diesen Künstler betrachte, immer auch sich selbst ansehe. Daran wird denken, wer jenen Raum betritt, in dem eine Reihe von Plastiken vor einem riesigen Spiegel stehen. Wer sich nicht ansehen mag, der wird Max Ernst nicht sehen.

Es gibt einen Augenblick, da erschrickt der Besucher beim Rundgang. Ich kann nicht sagen, wo das sein wird. Es wird der Augenblick sein, da dem Besucher auffällt, dass hier keine Gesichter zu sehen sind. Bei mir fiel dieser Groschen sehr spät. Erst als ich „vor einem der großen Historienbilder des Zwanzigsten Jahrhunderts“, so Werner Spies, vor „Vox Angelica“, 1943, stand. 152 mal 203 Zentimeter groß. Das Bild ist ein überdimensionales Echo auf das, das der amerikanische Künstler Joseph Cornell 1942 zur Ankunft Max Ernsts in den USA für die Zeitschrift View gezeichnet hatte. Cornell zitierte in 16 Kästchen Ernsts Collagen.

Ernst führt sich in „Vox Angelica“ auch seine vergangenen Werke vor Augen. Er tut es auf einer Fläche, die an japanische Wandschirme erinnert. Das Bild hat dadurch etwas von Jugendstil. Es ist weit, weit entfernt von den „schwammig-moosigen Formen“, die die Bilder jener Jahre sonst beherrschen. Sie werden hier zwar abgebildet, aber neben anderen Gebilden und alles in dem Rahmen einer streng geometrischen Komposition. „Vox Angelica“ ist ein Fremdkörper. Vielleicht fiel mir dadurch auf, dass hier, da er sich zu erinnern sucht, an das, das er gemacht und gesehen hatte, kein Gesicht zu sehen ist. Und so ging ich zurück durch die Ausstellung und suchte nach Gesichtern. Ein paar gibt es. Aber es gibt, abgesehen von einer Porträt-Zeichnung Bretons, und einer ein wenig verfremdeten Fotografie Max Ernsts für den Dadaglobe, kein Porträt in dieser Schau. Dadurch fehlt eine interessante Dimension des Werks. Man denke nur an das berühmte Gemälde in der Kölner Sammlung Ludwig, auf dem Ernst sich und seine Dadafreunde im Jahre 1922 darstellt.

Aber überwältigend sind doch die Wälder, die pflanzlich-tierischen Mischformen, die Max Ernst ja weniger gemalt als vielmehr herausgeholt hat aus den Farbmassen, die er zum Beispiel mittels einer Glasplatte auf die Leinwand klatschte. In einem Film – er ist auf Youtube ganz zu sehen –, den Peter Schamoni über Max Ernst drehte, erklärt der über 80-jährige Maler, er habe immer Schwierigkeiten mit der weißen Leinwand, mit dem weißen Blatt gehabt. Der erste Strich – das habe er nicht gekonnt. Ernst lächelt, nimmt ein Brett, drückt Papier darauf, fährt darüber mit einem Stift und schon hat er, dank der Holzmaserung, ein Bild, jedenfalls etwas, mit dem er arbeiten, das er zu einem Bild machen kann.

1942 begann er, in Farbdosen Löcher zu machen und sie über Leinwände zu schwenken. Berühmt wurde die Technik dann später durch Jackson Pollock, genannt Jack the Dripper. Hier, in der Wiener Max-Ernst-Ausstellung, kann man lernen, dass es sich nicht um geschickte Verfahren handelt, um raffinierte Spielereien für einen zu verblüffenden Kunstmarkt, sondern um rettende Auswege, ohne die der Maler nicht hätte malen können. Hier beginnt man nicht nur sich zu erkennen und seine Angst davor, etwas Eigenes zu machen, sondern auch zu ahnen, dass man, wenn man ihr schon nicht entkommt, sich ihr auch stellen kann.

Wien, Albertina: Max Ernst – Retrospektive. Bis 5. Mai. Danach in der Fondation Beyeler, Riehen bei Basel.

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