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Peter Lindbergh.

Interview Peter Lindbergh

Es ergab sich einfach so

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Der Fotograf Peter Lindbergh über ein ungewöhnliches Bild von Kristen McMenamy, über den langen Weg zum kurzen Moment und den zähen Kampf gegen das Make-up.

Herr Lindbergh, ich werde Sie nur zu einem einzigen Foto befragen. Das hier ist es.

Ah! Eines meiner Lieblingsfotos.

Ein wenig unbequem für das Modell.

Bequemlichkeit ist nicht unbedingt eine Voraussetzung für ein gutes Foto. Sie kennen doch die Maillol-Figur in den Tuillerien? Die hatte mir schon immer gefallen. In Paris wohne ich ganz in der Nähe und sehe die Figur immer wieder. Als wir dann den Termin mit Kristen McMenamy am Strand des nordfranzösischen Le Touquet hatten, bat ich sie, diese in der Tat etwas ungewöhnliche Position doch mal auszuprobieren.

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Sie sagte sofort zu oder mussten Sie sie lange überreden?

Kristen macht so etwas gerne. Sie probiert gerne alles Mögliche. Wenn sie vor der Kamera steht, ist sie in Aktion. Ganz anders als zum Beispiel Christy Turlington. Christy war eher ruhiger und brachte einfach nur ihre außerordentliche Schönheit mit. Dann stand sie vor mir, eben wunderschön und wartete eher darauf, dass ich ihr sagte, was sie machen sollte. Wenn ich mich dann vor ihr aufbaute und ihr mit ein paar Verrenkungen zeigte, was ich mir vorstellte, was sie doch mal probieren könnte, sah sie mich ziemlich entgeistert an und entschloss sich, doch einfach nur schön zu sein. Das war sie allerdings richtig gut.

Ich hatte gar nicht an Maillol gedacht. Kristen McMenamy hat ja keine Maillol-Figur.

Na, sehen Sie sich doch mal zum Beispiel die Unterschenkel an. Da sind richtige Muskeln. So etwas sehen sie bei den heutigen Models nicht mehr. Da sehen die Unterschenkel eher aus wie Bleistifte. Das war bei Kristen anders. Inzwischen ist sie auch sehr dünn geworden. Ich mag sie allerdings lieber so wie hier auf dem Foto.

Ist es wichtig, dass Sie das Modell mögen?

Ja. Man arbeitet oft regelmäßig mit den gleichen Models über eine längere Zeit zusammen. Dadurch kommt man dann dazu, ein Model anders zu sehen als andere Fotografen und es in gewisser Weise auf eine sehr persönliche Art zu fotografieren. Das kann nur passieren, wenn man sich mag und respektiert. Oft ist es so, dass die Mädchen, wenn sie sich dann in den Bildern sehen, sich auch mögen. Eine schöne Erfahrung.

Wie lange brauchen Sie für so eine Aufnahme wie diese hier? Haben Sie fünf Assistenten dabei?

Nein. Wir sind im Durchschnitt eine Truppe von ungefähr zehn Personen, mit selten mehr als zwei Assistenten. Vorne sehen sie das schwarze Tuch, das seit den Anfangstagen der Fotografie zur Grundausstattung eines Fotografen gehört, dahinter der Strand. Es sind meistens ein paar Stühle dabei. Man kann sie oft brauchen. Sie dürfen sich nicht vorstellen, wir seien an den Strand gefahren, um dieses eine Foto zu machen. Wir waren dort, um eine „Geschichte“, so nennen wir das, zu fotografieren. In diesem Falle eine Strecke von vielleicht dreißig Seiten in der italienischen „Vogue“. Es besteht nicht immer ein präziser Plan: Manchmal ist es sehr viel aufregender zu improvisieren. Es entsteht ein Dialog zwischen uns allen. Kristen springt und tanzt am Strand und wechselt von Zeit zu Zeit ihre Kleidung …

Das ist aber doch keine Geschichte.

Richtig. Es gibt zwei Arten von Stories. Eben diese, etwas ungeplanten, spontanen. Und dann die präzise geplanten, die wie Fotoromane von einer Seite zur nächsten eine narrative Story erzählen. Ich habe viele dieser erzählenden, also narrativen Geschichten gemacht: Eine Frau denkt daran, sich von Ihrem Mann zu trennen. In dieser Geschichte holt sie mit ihrem neuen Freund ihren Sohn von der Schule ab. Dann fahren alle drei zu ihrem Freund, der dem Jungen seine kleine romantische Firma zeigt, einige alte Ölpumpen in der Nähe von Los Angeles um ihn damit zu beeindrucken und auf seine Seite zu ziehen. Eben eine richtige Geschichte zum mitweinen. Aus diesen Geschichten sollten wir mal ein Buch machen!

(Lindbergh blickt zu seinem ihm gegenübersitzenden Verleger Lothar Schirmer. Der nickt, sagt aber: „Das sind sehr lange Strecken, die Bücher würden sehr dick und sehr schwer.“ Lindbergh erwidert: „Man könnte die Fotos kleiner machen, sodass das abliefe wie ein Film.“ Schirmer wackelt bedächtig mit dem Kopf. Ein heiterer, bebrillter Buddha mit Hosenträger und Schnurrbart.)

Aber diese Möglichkeit gibt es nur für sehr bekannte Fotografen. So eine Geschichte fordert Platz im Magazin.

Bei der italienischen „Vogue“ können solche Geschichten manchmal bis zu vierzig Seiten lang sein.

Da wird anderen der Platz genommen.

Die anderen sind auch sehr gut und haben oft genauso lange Strecken. Mit Franca Sozzani – sie ist seit 1988 die Chefredakteurin und eine Art Guru für Fotografen – habe ich bis heute ein enges und freundschaftliches Verhältnis. Sie hat mir und einigen anderen Fotografen, in den achtziger Jahren die ersten wirklichen Chancen und den dazugehörigen Platz gegeben. Unter anderen Bruce Weber, Steven Meisel und Paolo Roversi.

Zurück zu dem Foto.

Wie gesagt, es entsteht aus einer Situation. Ich bin nicht hingegangen und dachte mir, jetzt machst Du mal die Maillol-Figur aus den Tuillerien. Sondern wir waren am Strand und improvisierten und experimentierten mit Kristen. Wir probierten alles Mögliche aus. Da kam mir dann auf einmal die Maillol-Statue in den Sinn. Es ergab sich einfach so. Das Foto selbst musste dann natürlich schnell gehen, diese Position kann niemand lange aushalten.

Der Kopf ist so weit unten.

So etwas kann man nur in Schwarz-Weiß machen, um Ihren knallroten Kopf nicht zu sehen. (Lacht)

Da könnte doch der Visagist für Abhilfe sorgen.

Einen Visagisten nennen wir Make-up-Artist. Ihm fällt bei mir die Aufgabe zu, sich als Erster morgens um die Models zu kümmern. Die Aufmerksamkeit für jeden Winkel des Gesichts, eine Gesichtsmassage. So fängt der Tag an. Das kann mit dem Make up bis zu eineinhalb Stunden dauern, und schon nur diese Zuwendung alleine macht jede Frau irgendwie schöner. In dieser Zeit kann ich meine frühen Telefonate erledigen und mich um ein paar andere Sachen kümmern. Wenn ich damit fertig bin, gehe ich zu den beiden, sehe noch ein wenig zu, wir besprechen den Tagesablauf. Danach fangen wir an. Nicht selten passiert es dann, dass wir das Make up nach und nach wieder wegwischen. Das erste Make up ist dann in die Haut eingezogen, wir lassen dann etwas um die Augen herum stehen. So bleibt gerade noch ein Schatten vom Make up übrig und langsam kommt mehr und mehr die eigene Persönlichkeit des Models, oder mit wem immer wir in diesem Moment arbeiten, zum Vorschein. Das erfreute nicht immer die Make-up-Artisten mit denen ich früher arbeitete. Stephane Marais, heute einer der ganz großen Make-up-Künstler, mit dem ich seit mehr als 25 Jahren regelmäßig arbeite, war damals noch jung. Er lernte mit der Zeit, das Make up von vornherein in diesem Stil aufzutragen. Das ist dann zu seinem viel kopierten Markenzeichen geworden. Wer möchte schon im Ernst mit einer dicken Make-up-Schicht über seiner Haut fotografiert werden? Man kommt sich doch dann vor wie eine Schildkröte. Ich denke, es gibt nichts Schöneres, als irgendwann man selbst zu sein und auch so auszusehen.

Das ist der Traum.

Wenn ich eine „Cabaret“-Geschichte machen wollte, dann bräuchte ich natürlich schwarze Lippen und das ganze Theater mit allem, was dazugehört und das ist dann auch aufregend. Aber doch nicht, wenn man von jemandem ein Porträt macht, und für mich sind alle Modefotos nichts anderes als Porträts. Modefotografen sollten eigentlich – in früheren Zeiten war das die Aufgabe der Maler – den Zeitgeist nicht nur reflektieren, sondern interpretieren oder noch besser mitbestimmen.

Es sind auch ein paar Landschaftsaufnahmen in dem Band.

Das war für eine Strecke mit einem Model in der Gegend bei Santa Fé, wo Georgia O’Keeffe gelebt hatte. Aber es sind eigentlich keine Landschaftsaufnahmen, sondern meistens dient eine Landschaft bei mir als Hintergrund für Fotos, die mehr oder weniger mit Personen zu tun haben. Außerdem finde ich in der Tat, dass Landschaften wie Gesichter sind und eine starke persönliche, fast menschliche Identität besitzen.

Auch die einsame Bank weiter vorne im Buch?

Die Bank mit dem Laub? Die steht in New York. Das war für eine Hitchcockgeschichte und ich finde eigentlich nicht, dass sie einsam aussieht. Schließlich wird sie von schwarzen Raben bevölkert.

Jetzt steht sie da ganz allein.

Es ist schon wahr. Irgendwie haben wir sie da in einem verfallenen Garten in Up-state New York einfach so zurückgelassen. Wir sollten wirklich mal ein Buch mit den kompletten Geschichten machen, weil viele Fotos in diesem Buch zu irgendwelchen Stories gehören. Diese Bank macht in der Geschichte Sinn. Jetzt steht sie tatsächlich etwas verloren da.

Im November wurden Sie siebzig. Es sieht nicht so aus, als wollten Sie kürzer treten.

Ganz bestimmt nicht. In den letzten zwei, drei Jahren bin ich an einer Stelle in meinem Leben angekommen, von der ich früher öfter geträumt habe. Ich habe das Gefühl sehr viel gelernt zu haben. Ich kann mir aussuchen, was ich machen möchte und was nicht. Ich kann an künstlerischen Projekten arbeiten, die mir sehr viel Freude bereiten und hoch interessant sind. Ich bin dabei, eine Serie von Filmen in amerikanischen Gefängnissen mit zum Tode verurteilten Häftlingen zu machen, die dazu bestimmt sind, in Museen gezeigt zu werden. Ich glaube auch, dass ich in der täglichen Arbeit heute besser und erfolgreicher bin als jemals zuvor. Der Blickwinkel auf alles, was mit meiner Arbeit, aber auch mit meinem Leben insgesamt zu tun hat, hat sich in der letzten Jahren auf sehr schöne und interessante Weise weiterentwickelt. Insofern wäre kürzer zu treten nicht die geeignete Antwort.

Warum haben Sie Ihren Namen geändert?

Ich kam als Peter Brodbeck zur Welt. Als ich Anfang der siebziger Jahre bei dem Fotografen Hans Lux in Düsseldorf lernte und daran dachte, langsam mein eigenes Studio in Düsseldorf aufzumachen, bekam ich und bekam vor allem auch er zahlreiche sehr unangenehme Anrufe von Unbekannten, die einem gleichnamigen Fotografen galten, den ich nie persönlich kennen gelernt habe. Die Anrufer bedrohten meinen Arbeitgeber und natürlich auch mich, in der Annahme, dass ich der Fotograf Brodbeck sei, den sie suchten. Ich habe dann angefangen darüber nachzudenken, unter einem Künstlernamen mein Studio in Düsseldorf aufzumachen und mich schließlich für Lindbergh entschieden. Über 30 Jahre war der Name Lindbergh in meinem Pass als Künstlername eingetragen. Bis es vor ungefähr zwei Jahren auf Initiative der Amerikaner einen Gesetzentwurf gab, der Künstlernamen nicht mehr in Reisedokumenten akzeptieren sollte. Um ein großes Chaos bei mir zu vermeiden, habe ich dann mit einem weinenden Auge bei der deutschen Botschaft in Paris meinen Namen endgültig auf Lindbergh ändern müssen.

Interview: Arno Widmann

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