1. Startseite
  2. Kultur
  3. Kunst

Erfolgreich die Schönheit feiern

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ingeborg Ruthe

Kommentare

Die Geburt der Venus von Alessandro Botticelli, 1484-1486.
Die Geburt der Venus von Alessandro Botticelli, 1484-1486. © imago/Leemage

Botticelli und die Folgen: Die Gemäldegalerie in Berlin zeigt, wie der Renaissance-Maler unser Schönheitsideal geprägt hat. Und wie viele moderne Künstler sich auf ihn berufen.

Die Meerschaumgeborene, einer Muschel entsteigend, heißt Venus, Göttin der Liebe und Herrin der Humanitas. Und als Primavera steht sie für den Frühling. In dieser berückenden mythischen Pose war und ist sie Vorlage für zahllose Allegorien und für merkantile, dem Devotionalienhandel dienende Paraphrasen, Neu-Interpretationen, Verfremdungen und dreiste Kopien der Werbe-Industrie.

Nun, die ultimativen Originale – die Schaumgeborene wie die Primavera – müssen in Florenz bleiben. Diese Augäpfel der Uffizien, von Sandro Botticelli (1445–1510) für die Medici-Villa di Castello gemalt um 1486, verlassen das Haus nicht mehr. Unzumutbar wäre mittlerweile ein Fern-Transport.

Berlins Gemäldegalerie aber, wo jetzt eine große Botticelli-Schau beginnt, als Kooperation mit dem Londoner Victoria and Albert Museum und mit Leihgaben aus der National Gallery London, ebenso aus Venedig, Paris, Tokio, Sankt Petersburg, Philadelphia, Los Angeles und Washington, darf glücklich sein, die jüngere Schwester der Göttlichen zu besitzen, die Zwei-Euro-Münzen, Mineralwasser-Etiketten und Kreditkarten ziert.

Die Berliner Venus, angekauft im 19. Jahrhundert, kommt ohne Muschel und Schaumbad aus, auch ohne das mythische Bildpersonal und Blütenkleider rechts und links. Dafür nimmt sie in gleicher Anmut die antike Standbein-Spielbein-Pose ein. Mit der Linken bedeckt sie die Scham, mit der Rechten den Knospen-Busen. Sie schwebt auf einem Sims und hat das gleiche liebliche Gesicht, die gleichen rotgoldenen Schlangenlocken, den gleichen Alabasterkörper wie die ältere Schwester.

Nackt ein Symbol der geistigen Liebe

1490 hatte der Florentiner diese Variante des Medici-Auftragswerkes geschaffen – eine zweite Version verlieh das Museum Turin nach Berlin. Und eigentlich, folgt man den Schriften Lukians (2. Jh.), hat der Frührenaissance-Maler hier nicht die Geburt, sondern die Landung der Venus am Strand von Zypern dargestellt. Trotz ihrer Nacktheit, glaubt man kunsthistorischen Texten, ist sie kein Symbol der körperlichen, sondern der geistigen Liebe. Möglicherweise war der Maler, der eigentlich Alessandro di Mariano Filipepi hieß, aber Botticelli (im Italienischen „das Fässchen“) genannt wurde, von einem Homerischen Hymnus, in dem der die Ankunft der Göttin auf der Insel besingt, beseelt.

Die Anatomie auch der Berliner Venus entspricht nicht dem späteren klassischen Realismus von Leonardo da Vinci oder Raffael. Hier – und ebenso in den Madonnen-Darstellungen wie den Bildnissen reicher Florentiner Bürgersfrauen – sind die typischen Merkmale der Frührenaissance zu erkennen; die klaren Formen, die frischen Farben, der überlängte Hals, die anatomisch unkorrekte Haltung der Schulter, die unwirklich herrlichen Haare. Eher ist das ein Vorgriff auf den Manierismus.

Die Venus wurde, das erzählt die Schau, in der Moderne zur Stil-Ikone, zum Maß aller Dinge, was weibliche Schönheit betraf. Und das, obwohl sie bis ins 19. Jahrhundert hinein vergessen schien. Die Vielfachbegabung Giorgio Vasari (1511–1574) hatte als Theoretiker der Renaissance, nicht zuletzt als Botticelli-Biograf seinen Landsmann postum als „in einer künstlerischen Sackgasse steckend“ abgeurteilt.

Es soll bis zur Ohnmacht gekommen sein

Zwei Maler des 19. Jahrhunderts und ausgerechnet ein Unhold der politischen Zeitgeschichte holten Botticelli aus der Versenkung: Erstere waren der Präraffaelit Dante Gabriel Rossetti, mit seiner schwül-symbolistischen Venus-Adaption „Tagtraum“ 1880, sowie William Bouguereau. Der setzte ein Jahr zuvor eine so dramatische wie salon-süßliche Venus-Geburt auf die Leinwand. Und der andere war, fast 60 Jahre später, ausgerechnet Italiens faschistischer Diktator Mussolini. 1939 entsandte der Duce die Schaumgeborene in die USA, um für Italien als Kulturnation zu werben. Hunderttausende standen begeistert davor, selbst im New Yorker MoMA. Der Auftritt wurde spektakulär inszeniert: In einem riesigen weißen Saal hing das Gemälde hinter einem Vorhang, der sachte geöffnet wurde.

Es soll zu Verzückungs-Anfällen bis zur Ohnmacht gekommen sein. Das hatte Botticelli dereinst gewiss nicht im Sinn. Aber nun war der lange Zeit fast Vergessene angekommen in der Neuen Welt. Dort, wo der Pop-Art-Star Andy Warhol die Venus 45 Jahre später per Siebdruck zum Markenzeichen für ewige Schönheit und modernen Lifestyle schlechthin machte.

Nun, im Jahr 2015, erleben wir sozusagen die Morgendämmerung der Neuzeit, als die Ideen der antiken Kultur ihre Renaissance, ihre „Wiedergeburt“ erfuhren. Kurator Ruben Rebmann und Stefan Weppelmann, Direktor des Kunsthistorischen Museums Wien, zuvor arbeitete er in der Berliner Gemäldegalerie, sollten für diese Schau den Ritterschlag der Museumswelt bekommen. Denn sie haben die – gleichsam britische – Coolness und Courage, in drei Zeitebenen die Rezeptionsgeschichte der Botticelli-Gemälde von heute an rückwärts zu erzählen: im besten Sinne populärkunstwissenschaftlich, ohne hohen Experten-Ton und Theoriegewitter, ohne elitäre Reinkultur. Orthodoxe Altmeister-Verehrer könnten es der Gemäldegalerie übelnehmen. Aber der Zulauf junger Leute, der Schulklassen, die mit einem Extra-Programm eingeladen sind, dürfte dem durchaus riskanten Projekt recht geben.

Venus an der Ballettstange

Wer indes nur bei Botticelli sein möchte, kann das abgedunkelte, festlich weinrote Kabinett mit den einzigen beiden jemals von ihm signierten Werken genießen und dazu draußen die restlichen Originale des Alten Meisters aus dem Berliner Bestand (acht Gemälde und ein Konvolut der Zeichnungen zu Dantes „Göttlicher Komödie“) sowie die Leihgaben von Marienbildern und Porträts aus diversen Sammlungen der Welt. Zuvor aber mischt der Ausstellungsmacher mit seinem Architekten, dem Bühnenbildner Hans Hartung, in zwei Sälen veritable Paraphrasen, Camouflagen, Allegorien berühmter Künstler des 19. Jahrhunderts und der Moderne bis heute. Der Impressionist Edgar Degas zeichnete die Venus so, als begänne sie gleich an der Ballettstange zu tanzen. Der Symbolist Arnold Böcklin malte sie mit Putten. Antonio Donghi sah die Göttliche Anfang der 1930er Jahre neusachlich-kühl als elegante, aber melancholisch-rätselhafte, sehr einsame Dame im Café.

Und Modedesignerin Elsa Schiaparelli taufte 1938 ihr paillettenbesetztes Abendkleid aus Seidenkrepp „Venus“. Das war lange bevor Dolce & Gabbana Gleiches taten, was ebenfalls auf einem Podest zu sehen ist. Und der Surrealist Magritte stellte die Primavera dar als Figur auf dem Rücken eines anonymen Mannes mit Melone.

Das passierte alles noch ziemlich respektvoll. David LaChapelle indes macht 2009 die Venus-Geburt zur schrill-edelkitschigen Echtkörper-Inszenierung von Lust und Begierde. Und der Japaner Tomoko Nagao lässt das antike Mysterium als Manga-Comic-Strip auf dem Gameboy-Display passieren, die ganze Szene getragen von Werbung: für Baci-Schokolade, Esselunga-Supermärkte, Barilla-Nudeln, Playstations und EasyJet. Botticelli kann dafür nicht zur Verantwortung gezogen werden (wie auch?), dass es so gekommen ist. Er wollte seinerzeit die Schönheit feiern und damit erfolgreich sein. Nun, 500 Jahre später, scheint es, als habe er’s geschafft.

Gemäldegalerie, Berlin: bis 24. Januar. www.smb.museum

Auch interessant

Kommentare