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Der Maler Hans Ticha und einige seiner Gemälde.

Hans Ticha zum 80.

Er passt in kein Raster

  • vonIngeborg Ruthe
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Zum 80. Geburtstag des Malers Hans Ticha.

Formal lässt etliches in diesen Bildern bis 1989 an die Pop Art des Westens denken. Und doch ist vieles anders, vor allem die inhaltliche Stroßrichtung. Es geht nicht um Ironie gegenüber der kapitalistischen Überflussgesellschaft und deren Konsumwahn. Ticha spießte mit dem Pinsel auf bis zum Ende der DDR deren verratene Ideale und verlogene Rituale der „Sieger der Geschichte“, dies auch mittels Siebdruck-Schablonen und im Stile des Agit-Prop. So entstanden der signal- und boshafte „Hochruf“, 1982, als Kommentar auf die Totalität des Systems, und die „Alles-Hörer“ mit riesigen Ohren, als Anspielung an die überwachende Stasi.

Was immer der mit dem heutigen Tag 80-jährige Ticha, der einst an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Kurt Robbel und Arno Mohr studierte, bis dato malt, ist, auf provokant-lustige Weise, figurativ und zugleich schablonenhaft abstrahiert, wirkt gnadenlos nah, stilisiert, fast distanziert – und erfasst doch das Wesen der Dinge. Es ist die seltsame, nicht ganz greifbare Ticha-Ikonografie, destilliert zu einem eigenwilligen Bildkosmos aus dem russischen Konstruktivismus eines Malewitsch und dessen Lubok-Figuren, aus dem optimistischen Konstruktivismus des Franzosen Leger, aus den Bauhausfigurationen Oskar Schlemmers und der amerikanischen Pop-Art, etwa Roy Lichtensteins. Aber was war das doch für eine grandiose Persiflage auf eine stereotype, ritualisierte, von Machtinstrumentarien diktierte Siegerwartung, wie sie einst den DDR-Sport prägte – und noch heute das Höher, Schneller, Weiter in allen Lebensbereichen des Turbo-Kapitalismus, wegen der Macht des Geldes sogar bis zum Doping – und leider auch in anderen Lebensbereichen.

Der Ironiker Hans Ticha passt noch immer in kein Raster. Er steckt seine Zeitsicht, sein Zeitgefühl in Bilder, ob es nun die vollbusige FDJlerin war oder ein heutiges Werbegirl mit aufgespritzen Lippen und operiertem Vorbau. Bis vor mehr als 30 Jahren aber war Tichas Bildsprache irgendwie „gefährlich“, ausgestellt wurde nur das, was unter die Harmlos-Rubrik Gebrauchsgrafik/Illustration passte.

Die Ölfarben indes enthielten politischen Sprengstoff. Um nicht womöglich in den Knast zu müssen, stellte er die Bilder mit der „Butterseite“ weit hinten gegen die Wand in seinem Atelier in Prenzlauer Berg: die „Großen Klatscher“, die als konstruktivistische Maschinenarmee aufmarschierenden NVA-Offiziere, die „Redner“, „Ordensträger“, Fahnenschwenker“, die stempelförmigen Köpfe, die „unverbrüchlichen“ Waffenbrüder, die staatsmännischen „Umarmer“, Parodien eines sich selbst applaudierenden Staates – aus heutiger Sicht lesen sich diese Motive auch als Diagnosen des Untergangs der DDR.

Im Jahr der Wiedervereinigung ging Hans Ticha weg aus Berlin, zog ins Rhein-Main-Gebiet. Aber Ironie blieb ihm auch weiterhin Pflicht. Den Persiflagen auf die Diktatur der Arbeiterklasse folgte in den vergangenen 30 Jahren der Blick auf Schwachstellen der westlichen Demokratie. So heißen die kalt stilisierenden Bilder etwa: „Schöner wohnen“, „Wir bieten Ihnen ...“, „Idol“, „Pauschalreise“ oder „Live Sex“. Seit Jahren betreut der in Berlin und Wustrow agierende Galerist Johannes Zielke das Werk Tichas, diese mitunter surreale Variante der Pop-Art, abermals sarkastische Paraphrasen auf Jasager, Opportunisten, Seelen-, Glücks- und Liebesverkäufer.

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