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Filmstill aus "Dodging Raindrops - A Separate Reality".

Foto-Reise

Das Epos vom Mittelklassemann

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Cyrill Lachauers Foto-Reise längs des Mississippis erzählt diese Geschichte in der Berlinischen Galerie.

Die Spur zieht sich entlang des Mississippi. Ein junger Mann aus Oberbayern ist hingeflogen, den Fluss entlang gefahren, gelaufen, um die Spuren zu suchen und zu lesen. Seine Route von Los Angeles aus hat Cyrill Lachauer so angelegt, wie sie der Film „Dodging Raindrops – A Separate Reality“ vorgibt. Er handelt von dem umstrittenen Ethnologen und Schriftsteller Carlos Castaneda, in den 70er Jahren Pate der New-Age-Bewegung. Lachauers Feldforschung gilt Wegen, Uferstreifen, Wäldern, Sümpfen, Vögeln, Häusern, maroden Fassaden, kaputten Rollos, Höhleneingängen in Felsen, Südstaaten-Denkmälern und den dunstigen Abendhimmeln überm Fluss. Und Männern.

Ab und zu tauchen welche auf, weiß, in karierten oder schrillbunt gemusterten Hemden. Einer, schon älter, inspiziert seinen Gartenzaun. Er scheint dem Fremden mit der Kamera eher skeptisch zu begegnen, Ein anderer posiert mit seinen Tätowierungen und mit einer Akrobaten-Mutprobe. Er schluckt lässig ein Schwert und genießt offensichtlich das Staunen des fremden Zuschauers. Lachauers Weg entlang des Mississippi, der von Minnesota aus durch acht Bundesstaaten fließt, bis er den Golf von Mexiko erreicht, ist wahrlich alles andere als romantisch oder beschaulich. Der Eindruck ist eher derb, herb-melancholisch, trostlos bisweilen. Und die meisten Porträtierten muten an wie Außenseiter. Aber der Fotograf unterstellt ihnen nichts – keine Waffen-Narretei, keinen Rassismus, nicht mal Trump-Sympathie.

Der Spurenleser mit der Kamera kommt aus Rosenheim. Er ist 38 Jahre jung und natürlich hat er als Bub am liebsten Indianer gespielt. Damals wusste Cyrill Lachauer freilich nicht, dass er im Jahr 2016, als Donald Trump quer durch die Vereinigten Staaten seinen für den gesunden Menschenverstand unfassbaren, folgenschweren Präsidenten-Wahlkampf zum Sieg bringen würde, Spuren des Alltagslebens deuten würde. Es ist eine Reise in den Süden, die weniger zum alten Goethe und dessen lyrischem Pathos vom Reisen passt als zu Mark Twains Huckleberry Finn und Tennessee Williams’ ruppiger „Endstation Sehnsucht“. Trotzdem schwingt Goethes Reise-Erkenntnis „Der Fremde sieht nur, was er weiß“ mit in Lachauers Serie „Die Abenteuer des weißen Mittelklasse-Mannes“, die laut Untertitel „Vom Schwarzen Raubvogel zur Mutter Leafy Anderson“ führt – der afroamerikanischen Begründerin der Spirituellen Kirche.

Es war ein Eigenauftrag. Cyrill Lachauer, der erst Ethnologie, dann an der UdK Berlin studiert hat und zum Foto/Film-Label „Flipping the Coin“ gehört, wurde von keiner Fotoagentur über den Atlantik geschickt. Seine Aufnahmen von realen wie fiktiven Situationen verbinden sich mit historischen Bezügen und Texten – eigenen, die erstaunlich rau-poetisch sind, und solchen berühmter Autoren wie Alfred Kerr, Jack Kerouac, Pablo Neruda, Alexander Kluge. Alles verwebt sich zu einer vielstimmigen Erzählung, die sich in die Landschaften eingeschrieben hat.

Er wollte, schreibt Lachauer, in einem seiner philosophischen Kommentare zu den Aufnahmen, auch den Spuren des Sauk-Indianers Black Hawk folgen, der einst sein Land gegen die weißen Siedler verteidigte und laut Mythos als Reinkarnation in der besagten Priesterin Mother Leafy Anderson in New Orleans zurückkam.

„Was willst du hier?“ Das fragten die Leute den Fotografen am Mississippi. Und so überschreibt der Fotograf seine Ausstellung in der Berlinischen Galerie: 36 Farbmotive, eine Wandskulptur, eine Video-Koje, wo der Film über Castaneda die ganze Foto-Reise nochmals zusammenbindet zu einem Erzählfluss. Pantha rhei. Sollte Lachauer noch einmal diesen Weg nehmen, würden die Spuren andere sein. Und dennoch wäre auch dann alles, was die Kamera sieht und festhält, mit der Geschichte der Landstriche und deren Männer verbunden.

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