Goethe-Verse

Vom Ende einer Kunstaktion

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Mit Goethe vor dem Roten Rathaus in Berlin üben, mit den Behörden in Konflikt geraten.

Am 4. November 2016 kam es vor dem Roten Rathaus zu nicht mehr ganz sicher rekonstruierbaren Szenen. So viel ist klar: Ein Chor von Schauspielern skandierte Goethe-Verse. Angeführt wurde er von dem Schauspieler und Regisseur Stefan Kolosko, seiner Kollegin und Lebensgefährtin Nina Ender und ihrem gemeinsamen Sohn Christoph, der im Tragetuch eine Volksbühnenfahne gehisst hatte. Herbeigerufene Polizisten beendeten die Kunstaktion, nahmen Personalien auf und leiteten Ermittlungen ein. Alles mit angemessener Freundlichkeit, wie Kolosko sich erinnert. Dass man ihm vorwarf, eine „verbotene bzw. nicht angemeldete Versammlung“ abgehalten zu haben, ahnte er nicht. Laut seinen Aussagen wollte er Texte und Sprechweisen für eine vom Gorki-Theater im öffentlichen Raum geplante Kunstaktion innerhalb des Herbstsalons ausprobieren. Seiner Meinung nach handelte es sich um eine spontane Probe und um keine Versammlung, schon gar keine politische.

Nun aber – ein paar Behördenbriefe, knapp verpasste Widerspruchsfristen und viele Facebook-Posts später – flatterte ihm am 6. Oktober ein Strafbefehl ins Haus: Er solle bis zum kommenden Samstag 600 Euro zuzüglich 116,35 Euro Gebühren bezahlen oder eine 20-tägige Ersatzhaft antreten.

Auch dieses Schreiben veröffentlichte Kolosko auf seiner Facebook-Seite, zusammen mit einem an die Berliner Staatsanwaltschaft gerichteten Gnadengesuch, in dem er Hintergründe ausführt, einmal mehr die Freiheit der Kunst verteidigt, aber auch Selbstkritik etwa an seiner Nachlässigkeit im Umgang mit seiner Post übt.

Auf Nachfrage der „Berliner Zeitung“ sagte Kolosko, dass er nicht vorhabe, als Märtyrer für die Kunst ins Gefängnis zu gehen. Das wird wohl auch nicht nötig sein, denn inzwischen gibt es viele, die Kolosko Geld spenden wollen, darunter Klaus Lederer, der Kultursenator der Stadt. Praktisch erwägend, dass ja nun nicht mehr viel Zeit für eine Sammelaktion bleibt, schießt die Intendantin des Gorki-Theaters Shermin Langhoff die gesamte Summe vor. Jetzt muss das Geld nur noch rechtzeitig bei der Gerichtskasse landen. Bitte nicht verbaseln, Herr Kolosko!

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