Berliner Festspiele

Empowerment Ost

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Die Berliner Festspiele feiern die vielen Körper des „Palastes der Republik“.

Die Idee, den Palast der Republik nach Wilmersdorf zu holen, kam Thomas Oberender, als er vor gar nicht so langer Zeit plötzlich feststellte, wie sehr die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele, deren Intendant er seit 2012 ist, jener des abgerissenen Repräsentationsbaus der DDR ähnelt. Kleiner, zierlicher, die Fensterpaneele großzügiger, aber mit entsprechend getönter Verspiegelung ...

Die hat der Bühnenbildner Dominic Huber, Teil des Theaterkollektivs Rimini Protokoll, für das bevorstehende Festspiele-Programm „Palast der Republik“ inzwischen angebracht, inklusive des Emblems ohne den schmückenden Ährenkranz, das dadurch wie konstruktivistisch interpretiert wirkt: nur der Außenring einer Kreisfläche über einem Sechseck – im jetzigen Kontext ein Gruß an die seinerzeitige kulturelle Nutzung des Palastes in dessen sechseckigem Großen Saal.

Die Absicht dieser künstlerischen Überblendung (im Festspiele-Sprech: Immersion) ist zunächst die Erinnerung daran, dass es außer der Westmoderne eine gleichberechtigte Ostmoderne gegeben habe – auch wenn es in den letzten 30 Jahren als gesetzt galt, dass der Osten etwas nachholen müsse, wie Oberender auf der Pressekonferenz sagte. Tatsächlich ist der Symbolgehalt dieser Fassadenkunst aber noch größer: Der Bau an der Wilmersdorfer Schaperstraße entstand ein gutes Dutzend Jahre vor dem Palast der Republik und wurde 1963 als Theater der Freien Volksbühne unter der Intendanz von Erwin Piscator eröffnet.

Schon in den 40er-Jahren war der Versuch, die Volksbühnenbewegung sektorenüberschreitend weiterzuführen, gescheitert, und während die Volksbühne Ost dem Gewerkschaftsbund unterstellt wurde, triumphierte die West-Gründung jetzt mit dem modernsten Haus am Platz, das überdies zum Zentrum des neu gegründeten Berliner Theatertreffens wurde, das West-Berlin temporär zur bundesdeutschen Theaterhauptstadt machen sollte. Einige Jahre lang wurden auch Inszenierungen aus der DDR eingeladen, selbst wenn klar war, dass sie nicht gezeigt werden durften – auch das lässt sich als Herrschaftsgeste sehen: mit künstlerischer Wertschätzung umso deutlicher auf die Unfreiheit hinweisend.

Auf dieses Haus die Optik der Volkskammer der DDR zu projizieren – kommt das nicht einer Geste der Demut gleich? Thomas Oberender, 1966 in Jena geboren, widerspricht nicht. Nach einem jahrelangen „Elitentransfer von West nach Ost“ gehe es ihm jetzt um ein „Empowerment Ost“, um „Gespräche statt Geld“, kurz darum, die Deutungshoheit über das Ost-Erbe nicht Pegida-Anhängern zu überlassen. Als ein West-Berliner Teilnehmer der Pressekonferenz einwarf, dass es da doch auch die Stasi gegeben hätte und eine Entgrenzung, Verschmelzung, Immersion, was auch immer, mit diesem Teil der Geschichte keinesfalls sein Interesse wäre, nickt Oberender. Ja, das gab es auch. Aber anderes eben auch. Und in seinem Programm komme vor allem die nächste Generation zum Zuge, ihre Sicht auf die Dinge und die Welt zu formulieren.

Tatsächlich handelt es sich bei dem, was von Freitag bis Sonntag im Haus der Berliner Festspiele – mitkuratiert von Maximilian Haas, Sebastian Kaiser, Elske Rosenfeld und Joshua Wicke – stattfinden wird, um eine komplette Überforderung. In allerbester Ost-Volksbühnentradition eigentlich: 16 Veranstaltungen allein am ersten Abend, wobei zwei Großrouten angeboten werden: die „Architekturroute“ und die „Verfassungsroute“, die aus vielen Perspektiven den Verfassungsentwurf spiegelt, der 1989/90 am Runden Tisch noch entstanden ist.

Dazu ästhetische Avantgarde wie der Choreograf Trajal Harrel oder die chinesische Musikerin und Performerin Pan Dajing, deren Arbeiten beide so hip wie inspirierend sind, aber die Mauern im Kopf vielleicht doch nur im allgemeinsten Sinne stürmen. Anders vielleicht die in Zwickau geborene Installationskünstlerin Henrike Naumann, die unter dem Titel „Bronxx“ zusammen mit der Gruppe Technosekte ein alternatives und zwar rhythmisches „Kommunikationssystem zur Geschichte der Verbindungen von Stasi und Opposition“ entwickelt hat.

Alles wird am Sonntag in eine „Neue Allianz für ein anderes Europa“ münden. Was das wohl wird? Mich hat bei der Pressekonferenz Elske Rosenfelds hellwache Begeisterung für den Verfassungsentwurf von damals am meisten beeindruckt. Gerade so, als wäre jetzt die Gelegenheit, noch einmal neu anzusetzen.

www.berlinerfestspiele.de/immersion

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