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Hamburg, 6. Juni 2017: Die Demonstration „Welcome to hell“ vor Eröffnung des G20-Gipfels.

Ausstellung

Emotionen können vernünftig sein

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Eine plakative Wanderausstellung fragt nach der „Macht der Gefühle“.

Vierzig Prozent der Deutschen finden es ekelhaft, wenn sich schwule Männer in der Öffentlichkeit küssen. Mit Ekel reagieren Menschen auf das, was sie vorgeblich beschmutzt und vergiftet.“ So steht es auf einem der 20 Plakate, mit denen die Ausstellung „Die Macht der Gefühle“ auf die vielfältige Erscheinung von Emotionen in Politik, Gesellschaft und Geschichte verweist. Illustriert ist die Tafel zum Thema Ekel mit einem Bild aus dem sogenannten Dschungelcamp, mit dem sich der Privatsender RTL jedes Jahr im Januar die Hervorbringung menschlicher Ekelgefühle für ein Showevent zu eigen macht und damit zum Ausdruck bringt, dass der Ekel auch eine anziehende Seite haben kann.

Damit ist die Bandbreite des Gefühls Ekel aber keineswegs vollständig erfasst. In dem kurzen Erläuterungstext ist ferner von der despektierlichen Bezeichnung von Menschengruppen als Parasiten und Volksschädlinge die Rede, oder auch von dem Begriffspaar Ratten und Schmeißfliegen, mit dem der CSU-Chef Franz-Josef Strauß 1978 kritische Schriftsteller schmähte. Die sehr unterschiedlichen Konnotationen zu Begriffen wie Angst, Begeisterung, Trauer, Wut, Hass und Zuneigung kennzeichnen bereits das Konzept dieser Plakatausstellung, das die Stiftung Aufarbeitung und die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen Ute und Bettina Frevert erarbeitet hat.

Kuschelbilder von Merkel und Macron

Die plakative Herangehensweise ist Programm, die Ausstellung dient gewissermaßen als Blickfang für eine weitergehende Vertiefung in Diskussionen, Unterrichtseinheiten und Weiterbildungen. „Die Macht der Gefühle“ ist als eine Art Wanderausstellung konzipiert, die zunächst in 3000 Exemplaren produziert wurde und insbesondere von Schulen und Bildungseinrichtungen angefordert werden kann.

Die Historikerin Ute Frevert, die seit 2008 am Berliner Max-Planck-Institut den Forschungsbereich „Geschichte der Gefühle“ leitet, hat mit der Ausstellung unter der Mitarbeit ihrer Tochter, der historischen Bildnerin Bettina Frevert, eine Rucksackversion ihrer wissenschaftlichen Forschungen zusammengepackt. Statt mit Fußnote und Fachliteratur können die Erkenntnisse in diesem Fall auf elektronischem Weg mit der Hilfe von erläuternden Filmen und Zeitzeugeninterviews vertieft werden.

Spricht aus den Kuschelbildern, die anlässlich der Gedenkfeiern zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron aufgenommen wurden, tatsächlich so etwas wie Zuneigung? Oder ist die Szene im vollen Bewusstsein ihrer medialen Wirkung entstanden?

Ute und Bettina Frevert lassen derlei Fragen absichtsvoll unbeantwortet. Vielmehr geht es ihnen um die Vielschichtigkeit von Gefühlen im historischen und politischen Raum. Gefühle haben eine Geschichte, die durchaus veränderlich ist. Liebe, Neid, Vertrauen und Scham sind zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich aufgefasst worden. Ausdruck und Adressierung von Emotionen hängen dazu vom gesellschaftlichen Kontext ab, in dem sie geäußert werden.

Nicht minder wichtig aber ist den Ausstellungsmacherinnen das Wissen um die Vielfalt der Gefühle, die eben auch Geschichte machen. Emotionen, so Ute Frevert, sind eine Ressource des sozialen Handelns, die fälschlicherweise oft als Gegensatz rationaler Vernunft beschrieben werden.

Die Ausstellung, die in acht Sprachen vorliegt, ist bereits mehr als 2000 Mal vorbestellt worden. Im Internet unter www.machtdergefuehle.de gibt es weitere Informationen.

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