„Der Schlangentänzer in Thiba“, um 1927. Foto: Else Lasker-Schüler-Gesellschaft Wuppertal

Wuppertal

Else Lasker-Schüler im Von der Heydt-Museum: Mittendrin in der „kreisenden Weltfabrik“

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Else Lasker-Schüler und die Avantgarde: Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung in Wuppertal zum 150. Geburtstag der zeichnenden und dichtenden Doppelbegabung

Else Lasker-Schüler war eine begnadete Netzwerkerin. In einer Welt ohne Smartphones und Internet stand sie in ständigem Austausch mit zahllosen heute noch berühmten oder auch vergessenen Künstlern ihrer Zeit. Im Jahr ihres 150. Geburtstags widmet das Von der Heydt-Museum in ihrer Geburtsstadt Wuppertal-Elberfeld seiner großen, oft zu wenig gewürdigten Tochter eine unbedingt sehenswerte Ausstellung. Die von Antje Birthälmer kuratierte Schau „Prinz Jussuf von Theben und die Avantgarde“ folgt dem Lebensweg der zeichnenden und dichtenden Doppelbegabung von Elberfeld über die Jahre in der Berliner Boheme bis zum von den Nationalsozialisten erzwungenen Exil in der Schweiz und in Palästina, wo sie in Jerusalem 1945 starb und am Ölberg begraben wurde. Mehr als 200 Exponate sind zu sehen. Rund 90 stammen von Else Lasker-Schüler selbst, darunter zahlreiche Briefe und Bücher.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurde sie eine zentrale Figur der Berliner Künstlerzirkel. Sie verkehrte in angesagten Cafés wie dem Café des Westens, wo getrunken, gedichtet, gemalt und Aufträge akquiriert wurden. Else Lasker-Schüler war in zweiter Ehe mit Herwarth Walden verheiratet, der die „Sturm“-Zeitschrift herausgab und in seiner Galerie moderne Kunst förderte, schon das verschaffte ihr viele Kontakte. Ob Oskar Kokoschka, die „Brücke“-Künstler oder die Kollegen des „Blauen Reiter“, ob Karl Kraus, Otto Dix oder George Grosz, sie kannte sie alle und alle kannten sie. Sie liebte es, mittendrin zu sein in der „kreisenden Weltfabrik“ Berlin, wo in rascher Folge neue künstlerische Ausdrucksformen probiert wurden, die später als Expressionismus, Dadaismus oder Bauhaus in die Kunstgeschichte eingehen sollten.

Wie die vielen Kontakte und Anregungen sie inspirierten, macht die Ausstellung wunderbar anschaulich. Man malte sich gegenseitig, dichtete Porträts voneinander, selbst der Briefverkehr wurde zum Kunstwerk wie in den großartigen Postkarten und Briefen, die zwischen Else Lasker-Schüler und Franz Marc hin und her gingen. Allein dieser Briefwechsel lohnt schon den Besuch – die winzigen Bildnisse entfalten ihre ganz eigene Magie, auch wenn alle Postkarten aus der Sammlung Fohn nur als Faksimiles zu sehen sind (sie sind grundsätzlich nicht ausleihbar).

Im „Sturm“ berichtete Else Lasker-Schüler 1912 darüber, wie Karl Schmidt-Rottluff sie malte. Sein großformatiges Ölbild „Lesende“ wirkt in seiner Symbiose aus expressiver Dynamik und in erdige Farben getauchter Kontemplation seltsam harmonisch. Das Nebeneinander von Bild und Bericht ermöglicht Einblicke in Entstehungsprozesse und Wechselwirkungen von Kunst und Leben. Ganz andere Facetten der Lasker-Schülerschen Persönlichkeit als Schmidt-Rottluff hat Jankel Adler gesehen. Sein eindrucksvolles „Bildnis Else Lasker Schüler“ entstand zwölf Jahre und einen Weltkrieg nach Schmidt-Rottluffs „Lesender“: eine ernste, Ehrfurcht gebietende Gestalt in Grün-Schwarz in würdevoller Haltung am Caféhaustisch. Ihr lyrisches Porträt des Künstlerkollegen entstand ebenfalls 1924. Für sie ist Jankel Adler „der hebräische Rembrandt“: „Wir sind aus einer Stadt und gingen in dieselbe Schule“.

Den zahlreichen Referenzen an ihre Heimatstadt trägt die Ausstellung Rechnung, indem sie mit Fotos von Elberfeld und Zitaten aus ihrem Werk beginnt. So wird die Atmosphäre der Stadt spürbar, wie sie Else Schüler als Kind erlebte, eine düstere Mischung aus rauchenden Fabrikschloten, Schwebebahn und sozialen Gegensätzen. Diese Atmosphäre prägt auch ihr Schauspiel „Die Wupper“. Bühnenbildentwürfe von Teo Stern und Ernst Otto werden gezeigt, ebenso Fotos der Aufführungen des Stückes, das 1919 am Deutschen Theater in Berlin Premiere feierte.

Die von Else Lasker-Schüler geschaffene „Theben“-Welt prägt ihr bildnerisches Werk. Ein Höhepunkt ist das prachtvolle Buch „Theben“ mit Zeichnungen und Gedichten, das 1923 in Alfred Flechtheims Querschnitt-Verlag erschien. Von ihr handkolorierte Zeichnungen daraus, teils mit Glanzpapier collagiert, sind zu sehen – kein Buchdruck kann das Leuchten der Originale wiedergeben.

Else Lasker-Schüler schuf sich mit „Theben“ ihr eigenes Reich, eine abenteuerliche, orientalisch inspirierte Welt, in der sie als Dichterprinz Jussuf von Theben nach Herzenslust herrschen, lieben, in den Krieg ziehen und Frieden stiften konnte. „Ich sterbe am Leben und atme im Bilde wieder auf“, so fasste sie ihr schöpferisches Dasein in ihrem Briefroman „Mein Herz“ in Worte.

Von der Heydt-Museum Wuppertal:bis 16. Februar 2020. www.von-der-heydt-museum.de

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