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Elina Brotherus im Fotografie Forum Frankfurt – „Das bin ich und doch nicht ich“

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Von: Lisa Berins

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„Der Wanderer 2“, 2004, aus der Serie „The New Painting“. Bild: Elina Brotherus, 2022
„Der Wanderer 2“, 2004, aus der Serie „The New Painting“. Bild: Elina Brotherus, 2022 © Elina Brotherus, 2022

Das Fotografie Forum Frankfurt präsentiert Werke von Elina Brotherus.

Der vielleicht letzte Blick fällt auf Elina Brotherus. Im Fotografie Forum Frankfurt steht sie da und schaut auf eine Betrachterin ihrer Werke aus der Reihe „Artists at Work“, die gleich gegenüber des Eingangs der Ausstellung „In Reference To a Sunny Place“ hängen. Auf den Fotos ist die Künstlerin zu sehen, wie sie als Aktmodell an eine Heizung lehnend in die Kamera, aus dem Bild heraus blickt. Dabei wird sie selbst angeschaut; von zwei Malern, die den nackten Modell-Körper auf einer Leinwand abbilden.

Irgendwo hinter ihnen muss die Kamera stehen, die das Foto aufnimmt, ausgelöst von einem Sensor unter dem Fuß des Models beziehungsweise der Künstlerin. Derselben Künstlerin, die nun hinter der Betrachterin des Werkes steht und die von einer weiteren Person im Raum beobachtet wird. Ist das ein Matrjoschka-Spiel? Wer beobachtet hier wen? Wer ist Urheberin des Bildes, wer Subjekt, wer Objekt? „Wem gilt der ,letzte Blick‘?“, fragt Brotherus in einem Begleittext zur Serie.

Der in Finnland und Frankreich lebenden Künstlerin widmet das Fotografie Forum eine umfangreiche Ausstellung mit 60 Fotografien und elf Videos. Zu sehen sind Werke, die poetisch und ironisch, klar und verträumt, nachdenklich und humorvoll sind. Es ist ein Streifzug durch die verschiedenen Schaffensphasen der Künstlerin, die Arbeiten besitzen oft autobiografische Bezüge, oft kunst- oder kulturhistorische, oft springen diese einen direkt an.

Es gehe ihr um die Frage nach der Doppelnatur ihrer eigenen Figur, sagt Brotherus. In ihren Arbeiten, in denen sie sich gleichzeitig in der Rolle des Models und der Künstlerin befindet, wirken immer auch weitere Möglichkeiten der Betrachtung mit, ein Verschieben der klassischen „der Künstler beobachtet das Model“-Rollenverteilung. Brotherus’ Models sind das Gegenteil von passiv, sie haben die Macht über die Kamera. Und sie eröffnen einen Spielraum für Interpretationen: Mal stehen sie exemplarisch in der Landschaft, mal repräsentieren sie ihre Schöpferin.

Zu sehen sind die Künstlerinnen-Modelle zum Beispiel in verschiedenen Stationen von Brotherus’ eigenem Leben: als Frischverheiratete im Jahr 1997 und als Frischgeschiedene im Jahr 1999, in einem kargen Zimmer, im blauen Mantel und mit roten Lederhandschuhen, den Koffer neben den Füßen stehend, eine Zeitung unter den Arm geklemmt („Revenue“). Es war die erste Artist Residency der Künstlerin in Frankreich, die Dokumentation eines beginnenden, neuen Lebens. In anderen Werken kehrt das Model den Betrachtenden ihren Rücken zu. Die Frau dabei den Blick frei auf Landschaften, die rau und schön wirken.

Im schwarzen Mantel steht Brotherus in „Der Wanderer 2“ (2004) vor einem diesigen Bergpanorama – ein Gruß an Caspar David Friedrich. „Das Problem ist: Das bin ich und doch nicht. Die Referenz ist die Kunstgeschichte, aber nicht ich“, sagt sie..

Ein weiteres Aufenthaltsstipendium führte Elina Brotherus nach Korsika, wo sie auf den Spuren des deutschen Literaten W. G. Sebald wandelte, der über die Insel schrieb. Das geplante Buch blieb nach Sebalds frühem Tod unvollendet. In der Serie „Sebaldiana. Memento Mori“ (2019) setzt sich Brotherus damit und zugleich mit dem kurzen Künstlerdasein ihrer Mutter auseinander, die mit 41 Jahren starb. Die Bilder der Serie erinnern an das Licht-Schatten-Spiel und die Einsamkeit in den Bildern Edward Hoppers, gepaart mit den schroffen Gebirgslandschaften der Romantik.

Der gegenüberliegende Teil der Ausstellung zeigt ein neueres Kapitel in Brotherus’ Schaffen, ein leichtfüßigeres. „Ich hatte alles mit meinem Körper gemacht“, sagt die Künstlerin. „Einen Ausweg aus der Sackgasse waren Fluxus und John Baldessari.“ Man sieht die Künstlerin jetzt mit gelber Plastiktüte über dem Kopf inmitten von Sonnenblumen oder im Handstand auf einem Feld stehen, an einem Baum hängen oder mit Joseph-Beuys-Lookalike-Hut nackt im Wasser posieren.

Seit 2016 habe sie Partituren von Fluxus-Events, Scores und andere schriftliche Instruktionen von Künstlerinnen und Künstlern als Grundlage für ihre Arbeit verwendet, wie sie erklärt. „Eigentlich braucht man gar keinen Hintergrund, um die Bilder zu verstehen. Sie sollen einfach etwas Spaß machen“, sagt Elina Brotherus. Was allerdings ein Understatement ist.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 18. September. Gallery Talk mit Elina Brotherus am 10. September, 15 Uhr. www.fffrankfurt.org

„Portrait Series (Gelbe Musik with Sunflowers)“, 2016. Bild: Elina Brotherus, 2022
„Portrait Series (Gelbe Musik with Sunflowers)“, 2016. Bild: Elina Brotherus, 2022 © Elina Brotherus

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