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Eis-Zeit-Schmelze

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Von: Ingeborg Ruthe

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Millionen Jahre altes Eis von Grönland-Gletschern …
Millionen Jahre altes Eis von Grönland-Gletschern … © Olafur Eliasson / courtesy the artist and neugeriemschneider berlin

Der isländische Däne Olafur Eliasson setzt in Berlin mit „The presence of absence“ sein Natur-Kunst-Projekt fort.

Müßig zu fragen, ob das nun Land Art oder Konzeptkunst ist. Oder beides. Und vielleicht noch ganz was anderes, das in keine der gängigen Kunst-Schubladen passt. Keinesfalls geht es Olafur Eliasson um romantische Landschaftsverklärung oder das Sehnen nach dem Unendlichen. Vielmehr will er offensichtlich die Demontage dieser Ideen. Dies hier ist also weder Land Art, wo der Künstler mit herrischer, theatralischer Geste eingegriffen hat, noch handelt es sich um ein Sehnsuchtsbild. Aber auch nicht nur um die monumentale moralische Dokumentation eines Umweltschützers.

Und doch provoziert diese Skulptur das „Bewusstsein des Erlebens“. Ein wirkmächtiger Konzeptkünstler entzaubert so die Magie seines Werks. Abermals inszeniert Olafur Eliasson auf stille, suggestive Weise die elementaren Kräfte der Natur im Ausstellungsraum, transformiert diese unwillkürlichen Mächte in Materie. Und lässt dem Publikum Raum. Sozusagen macht er den Betrachter zum Teil seines Werks.

Allerdings ließ der weltberühmte Isländer mit dänischem Pass, mit Projekten und Ausstellungen auf den Kontinenten unterwegs, zehn Jahre vergehen, ehe er auch in seiner angestammten Berliner Galerie wieder einmal die Natur des Hohen Nordens (sein Herzensthema) zur paradigmatischen Skulptur werden lässt. Der Ausstellungstitel „The presence of absence“ ist sozusagen Eliassons Fortsetzung von „Your waste of time“ von 2006. Damals lagen Eisbrocken von Islands südlichen Gletschern in der heruntergekühlten Halle und schmolzen unwiderruflich vor sich hin. Die klimakatastrophische Metapher für das Abschmelzen des ewigen Eises in polaren Regionen wurde zum rauen – und mahnenden Subtext. Zu Poesie. Aber auch da schon steckte unter den Gletscherresten nichts Mystisches, sondern der Galerieraum mit seiner nüchternen Architektur.

Nunmehr macht Eliasson nicht nur den abstrakten Begriff des Raums, sondern auch die technischen Voraussetzungen seiner Intervention sichtbar. Das Zelebrieren des Abwesenden ist also wieder so ein Gleichnis: In der Halle der Galerie Neugeriemschneider lagern zwei Betonquader, in deren Inneren ist Eis – diesmal von Grönland-Gletschern in Gefrierboxen importiert – geschmolzen, während der Beton selbst noch flüssig war. Das Eis, in Millionen von Jahren durch Kompression von Schnee entstanden, bewegte, verformte sich, fraß Hohlräume, bohrte sich Durchbrüche durch kleinste Explosionen der gefrorenen Materie, derweil sie ihren Aggregat-Zustand veränderte. Und schließlich verschwand.

Man schaut nun unten von zwei, beziehungsweise drei Seiten und außerdem von oben hinein – in eine Art Grottenlandschaft en miniature. Das Eis hat helle und dunkle, salzig kristalline Spuren seines Verschwindens hinterlassen – und ist doch noch präsent – in Form der eigenen Abwesenheit. Der physikalische Prozess – der einen Monat lang dauerte, derweil Eliasson in seinem Studio auf dem Berliner Pfefferberg-Gelände die Beton-Quader mit Holz eingehaust hatte – entfaltet wieder, wie immer bei diesem naturwissenschaftlich geprägten Künstler mit Vater und Mutter aus den Ländern der nordischen Sagas, herbe philosophische, poetische Kraft.

Und Fragen zu Raum und Zeit kommen auf. Millionen Jahre altes Eis schmilzt in nur vier Wochen. Die Spuren sprechen Bände, dem, der die ökologische Uhr des Planeten Erde lesen mag. Der Stoff der auch diesmal subtil austarierten Arbeit ist wiederum der Wandel selbst, die Reaktion, der Prozess. Den Skandinavier, seit 1994 Wahlberliner und Betreiber eines großen Studios, interessieren Ursache und Wirkung, das Verhältnis von Plan, Naturgesetz und Zufall.

Das 2016 entstandene blaugrüne Glas-Triptychon „Submergence“ etwa lagert auf einem halbierten Treibholzstamm. Das handgemachte, hintereinander geschichtete Glas enthält pulverisiertes Grönland-Moränen-Gestein. Mittig Sonnen-Formen, wie erinnernd an die Tagundnachtgleiche, im März und im September, wenn der lichte Tag und die Nacht gleich lange dauern. Physiker-Poesie.

Galerie Neugeriemschneider, Berlin: bis 14. Januar.

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