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Das offizielle Festivalposter an der Fassade des Palais am Boulevard de la Croisette.

Glamour vergangener Tage

Filmfestival in Cannes: Luxus und Exzentrik

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Betagte Stars, bewährte Filmemacher: Cannes lässt den Glamour vergangener Tage aufleben - um der Krise des Kinos zu trotzen. 

Auch wer nur ein paar Brocken Französisch kann, hat in Cannes ein Wort sofort zur Hand: Déjà-vu. Im Reich der roten Treppe hat die Vergangenheit die Gegenwart fest im Griff, und das ist erst einmal ganz beruhigend. Was bei Fellini „La Dolce Vita“ hieß – im Gewinnerfilm von 1960 –, diese Einheit aus Kultur, Luxus und Exzentrik, ist hier an der Côte d’Azur noch immer allgegenwärtig.

Wenn ein Film in diesem Jahr dieses Lebensgefühl besonders repräsentiert, dann das Biopic eines Stars, der im nahegelegenen Nizza eine Villa hat: Elton John. Den außer Konkurrenz gezeigten Musikfilm „Rocketman“ hat er vorsichtshalber persönlich mitproduziert, Taron Egerton spielt den Sänger im ersten Jahrzehnt seiner Karriere. Man kann darauf wetten, dass das neu geschriebene Duett zwischen beiden bei der Premiere live erklingen wird – wie dann wohl bei den „Oscars“.

Immer weniger Menschen gehen ins Kino

Inzwischen weiß man in Cannes mit dem Glamour der Vergangenheit sogar noch besser aufzutrumpfen als die Amerikaner. Im Wettbewerb macht Spaniens Meisterregisseur Pedro Almodóvar die Nostalgie sogar selbst zum Thema – und lädt für „Pain and Glory“ seine Stars Penelope Cruz und Antonio Banderas zum Comeback. Im Mittelpunkt: ein alternder Autor, der sich in Erinnerungen seines Lebens verliert.

Seinen Ehrenpreis verleiht Cannes in diesem Jahr dem unverwüstlichen Alain Delon, und der 81-jährige Regie-Veteran Claude Lelouch beweist sogar, dass selbst ein Melodram mit tödlichem Ausgang eine Fortsetzung verdient: Mit den Stars Anouk Aimé und Jean-Louis Trintignant hat er seinen Palmengewinner von 1966 fortgesetzt, das Melodram „Ein Mann und eine Frau“. Wenn es einen Ort gibt, an dem die Filmwelt ihren Glanz behalten hat, dann ist es Cannes. Trotzig boykottiert man auch in diesem Jahr die Produktionen des Streaming-Riesen Netflix. Dabei steckt das Kino weltweit in der Krise.

Auch in Frankreichs Kinos gehen die Besucherzahlen zurück, selbst wenn es 2018 nur vier Prozent weniger im Vergleich zum Vorjahr waren und nicht 13,9 Prozent wie in Deutschland, wo nur noch 105,4 Millionen Karten verkauft wurden. In Frankreich liegt diese Zahl noch immer bei stolzen 201 Millionen, rechnerisch genau drei Kinobesuche pro Einwohner – in Deutschland sind das nur knapp 1,3.

Stolz ist auch noch immer der Ausstoß von 300 französischen Spielfilmen im Jahr, doch wer etwas genauer in die Produktionslandschaft blickt, bekommt ein anderes Bild – die Investitionen in die Filmwirtschaft gingen um 15,2 Prozent zurück. Millionenerfolge aus dem eigenen Land sind deutlich seltener geworden. Auch wenn gerade die Komödie „Monsieur Claude 2“ die Kinocharts anführt – alle anderen Filme in den Top 10 stammen aus den USA.

Anderseits: Wenn die Budgets kleiner werden und sich kommerzielle Filme nur noch selten rechnen, könnte ja auch die Stunde der Künstler schlagen. Und Cannes ist der Ort, an dem sie glänzen.

Wenigstens hier an der Croisette sind Regie-Stars noch Könige. Ken Loach (82) hatte sich schon mit seinem letzten Sozialdrama „I, Daniel Blake“ aus dem Ruhestand zurückgemeldet. Nun taucht er mit „Sorry We Missed You“ abermals in den Überlebenskampf der britischen Unterschicht ein. Wenn es einen Filmemacher gibt, dem man zutraut, ein Bild des gespaltenen politischen Klimas auf der Insel zu zeichnen, ist es Ken Loach.

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Deutsche Filmemacher fehlen weitgehend, dafür hat der Amerikaner Terrence Malick in seinem Drama aus der NS-Zeit, „Ein verborgenes Leben“, die erste Riege deutschsprachiger Filmstars versammelt. In der Hauptrolle verkörpert August Diehl den 1943 hingerichteten Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, der 2007 von Papst Benedikt als Märtyrer selig gesprochen wurde. An seiner Seite, in seiner letzten Rolle, der jüngst verstorbene Bruno Ganz, sowie Jürgen Prochnow, Tobias Moretti, Ulrich Matthes oder Sophie Rois.

Adäquat zu Malicks Deutschlandreise drehte der Deutsche Werner Herzog ohne Kenntnis der Landessprache in Japan. Sein außer Konkurrenz gezeigter Film „Family Romance, LLC“ entstand ausschließlich mit japanischen Laiendarstellern.

Flüchtlingsdrama der afro-französischen Regisseurin Mati Diop

Wem Cannes angesichts der vielen Künstler im Rentenalter schon ein wenig jenseitig vorkommt, der mag es mit Jim Jarmusch halten. Böse Zungen verstehen den Titel seiner Zombie-Komödie als das ideale Motto eines Veteranen-Festivals: „The Dead Don’t Die“.

Jim Jarmuschs Zombie-Film „The Dead Don’t Die“ mit Bill Murray, Chloë Sevigny und Adam Driver (v.l.) eröffnet den Wettbewerb.

Nur langsam reagiert Programmchef Thierry Frémaux auf den Ruf nach mehr Frauen im Programm. Gerade mal vier der 21 Wettbewerbsbeiträge stammen von Regisseurinnen. Besondere Erwartungen weckt dabei das Flüchtlingsdrama der afro-französischen Regisseurin Mati Diop, „Atlantique“. Weitere Regisseurinnen im Wettbewerb sind die Französinnen Cèline Sciamma und Justine Triet sowie der Österreicherin Jessica Hausner. Mit ihrem ersten englischsprachigen Film „Little Joe“ hat es Hausner nach vier Cannes-Teilnahmen zum ersten Mal in den Wettbewerb geschafft, noch dazu in einem Genre, das als besondere Männerdomäne gilt: dem Science-Fiction. Es geht um eine gentechnisch manipulierte Pflanze, deren Samen Mensch und Tier verändert, was vor allem denjenigen auffällt, die ihnen nahestehen.

Im vergangenen Jahr hatten 82 Frauen auf dem roten Teppich gegen den traditionell geringen Frauenanteil in Cannes demonstriert. Von rund 1600 Wettbewerbsfilmen in der Cannes-Geschichte waren nur 82 von Frauen inszeniert worden. Unvergessen ist die Anklagerede, mit der die Schauspielerin und #MeToo-Aktivistin Asia Argento damals der Abschlussfeier eine tiefschwarze Note gab: „Dies hier waren Harvey Weinsteins Jagdgründe“, erinnerte sie die Anwesenden an den Produzenten, dem sie vorwirft, sie vergewaltigt zu haben. Adressiert waren damit alle jene, die weggesehen und geschwiegen hatten.

Harvey Weinstein mag man boykottieren, doch es ist unmöglich, in Cannes nicht an ihn zu denken. Vor 25 Jahren gewann hier seine Produktion „Pulp Fiction“ die Goldene Palme, nun ist Quentin Tarantino mit seinem ersten Weinstein-freien Film vertreten. Kein Wettbewerbsbeitrag weckt größere Erwartungen als sein „Once Upon a Time in Hollywood“, eine Dramatisierung der Verbrechen des Hippie-Mörders Charles Manson. Im Vordergrund der Geschichte steht freilich eine Reise ins Hollywood der späten 60er Jahre, als die Traumfabrik durch ein junges Kino ein neues Gesicht bekam. Leonardo DiCaprio und Brad Pitt spielen in den Hauptrollen einen alternden Star von Fernseh-Western und sein Stunt-Double.

Und schon wieder schwelgt Cannes in Kino-Nostalgie. Nur vier Regisseurinnen nehmen am Wettbewerb teil Ein neuer Tarantino – 25 Jahre nach „Pulp Fiction“

Die Jury

Alejandro González Iñárritu.

Den Vorsitz des neunköpfigen Gremiums hat in diesem Jahr der mehrfache Oscar-Preisträger Alejandro González Iñárritu („The Revenant – Der Rückkehrer“, „Birdman“). Er ist der erste Mexikaner, der diese Aufgabe übernimmt.

Unterstützt wird er von dem französischen Comiczeichner und Regisseur Enki Bilal, der US-Schauspielerin Elle Fanning, dem polnischen Dokumentarfilmer Pawel Pawlikowski und der italienischen Filmemacherin Alice Rohrwacher. Außerdem dabei sind die senegalesische Comedykünstlerin Maimouna N’Diaye, der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos, der Marokkostämmige Drehbuchautor und Regisseur Robin Campillo und die US-Filmemacherin Kelly Reichardt. (erb)

Mehr zum Festival auf: www.festival-cannes.com

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