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Mordsee: John Singleton Copley malte 1782 sein Ölbild "Watson und der Hai".

Wallraf-Richartz-Museum

Es war einmal in Amerika

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Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum sucht in Gemälden und Skulpturen aus 300 Jahren nach der Identität der USA.

Als sechsjähriger Knabe verlor Brook Watson seine Eltern und wurde zu einem entfernten Onkel nach Amerika geschickt. Hier arbeitete er als Schiffsjunge und sprang eines unglückseligen Tages im Hafen von Havanna über Bord, um in Richtung offene See zu schwimmen. Bald griff ihn ein Haifisch an und hätte den armen Watson wohl auch vertilgt, wenn diesem nicht die Besatzung eines Beibootes zu Hilfe gekommen wäre. Einen Teil seines rechten Beines verlor er gleichwohl an das hungrige Meer.

Später sah Watson darin einen Wink des Schicksals: Er war dem Rachen des Todes entkommen und stieg vor lauter Dankbarkeit zu einem sehr erfolgreichen Kaufmann auf. Nach England zurückgekehrt, beauftragte er 1774 den amerikanischen Maler John Singleton Copley, seine Rettung für die Nachwelt festzuhalten. Copley, in seiner Heimat ein angesehener Porträtist, gab sein Bestes, doch einen Haifisch hatte er noch nie gesehen – und so trägt Watsons Verderben blutige Lippen zur Schau.

Copleys Gemälde ist ein besonders schönes Beispiel dafür, warum die neue Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ein beinahe so tollkühnes Wagnis ist, wie ein Bad in haiverseuchter See. Sie fasst nicht weniger als 300 Jahre US-amerikanischer Kunst zusammen und bricht auch noch im Jahr 1950 ab, also zu jenem Zeitpunkt, als sich die Kunst der neuen Welt nach allgemeinem Verständnis von einer schlappen Kopie europäischer Vorbilder in eine kraftstrotzende, die Welt erobernde Kulturindustrie verwandelte. Watsons Begegnung mit dem Hai zeigt hingegen noch alle Zeichen beflissener Gefolgschaft: Die Bootsbesatzung und auch der leichenblasse Schwimmer selbst sind europäischen Quellen entliehen. Originell sind nur der ohne jede Herablassung gezeichnete Sklave in der Bildmitte und das mit Unwissenheit geschminkte Haifischmaul.

So grässlich, dass man sich verlieben kann

Selbstredend ist das kein sonderlich überraschender Befund für ein Land, dessen Bevölkerung in Massen aus Europa einwanderte und sich auch nach der politischen Unabhängigkeit an den künstlerischen Vorlagen der einstigen Kolonialherren orientierte; die Kunst der ersten Amerikanischen Revolution war reinster Klassizismus. Und so schreitet man die ersten der weitgehend chronologisch geordneten Säle mit staunenden, aber mitunter auch ungläubigen Augen ab. Bilden der berockte Junge mit zahmem Reh, die nackte Ariadne auf Naxos, die Dame mit Bartschatten und die rosa Wölkchen über versonnen in die Ferne blickenden Siedlern wirklich den Höhenkamm der „klassischen“ amerikanischen Malerei? Manches Bild ist in seiner pingeligen Manier derart grässlich, dass man sich schon wieder darin verlieben kann.

Überhaupt muss man sagen: Langweilig ist die Ausstellung zu keiner Zeit. Überall gibt es etwas oder einen Maler zu entdecken, der das Selbstbild der Amerikaner prägte, dessen Ruf aber nicht bis nach Europa drang. Und dann sieht man, wie der aus Solingen eingewanderte Albert Bierstadt das Raster der europäischen Landschaftsmalerei auf seine neue Heimat legt und den „Wilden Westen“ zugleich erschafft und zähmt. Im Grunde sind Bierstadts Gemälde politische Anstrengungen, einem lediglich durch Freiheits- und Eroberungsdrang geeinten Land eine Idee davon zu geben, was seine gemeinsame Identität sein könnte. Wie anrührend naiv wirkt daneben Edward Hicks’ Quäkertraum vom Garten Eden der neuen Welt: Im Vordergrund tummeln sich Kinder und wilde Tiere, im Hintergrund schließen Siedler und „Indianer“ den Friedensvertrag von Pennsylvania.

Auf dem Weg in die Moderne werden die Namen der Künstler geläufiger, aber eine durchaus reizvolle Tendenz zum Überholten oder Spätentdeckten bleibt der amerikanischen Kunst erhalten. Winslow Homer und Thomas Eakins malen das moderne, zusehends städtisch geprägte Leben in realistischer Manier und passen europäische Einflüsse dabei überaus gekonnt den amerikanischen Verhältnissen an. Trotzdem lebten die besten Maler ihrer Generation, Whistler, Sargent und Mary Cassat, sicher nicht zufällig im europäischen Exil.

Amerikanisch heißt gar nichts sein

Gibt es überhaupt so etwas wie eine nationale US-Identität – oder eine andere als die Populärkultur? Der Kunstkritiker Peter Schjeldahl stellte sich diese Frage anlässlich einer Ausstellung zur US-Kunst zwischen den Weltkriegen. Seine Antwort: Amerikanisch sein heißt gar nichts sein. Weil es so vieles auf einmal ist. Im Wallraf findet man dies gerade in der Kunst aus den letzten Jahrzehnten vor dem Siegeszug des Abstrakten Expressionismus bestätigt.

Aus den einsamen Kleinstädten Edward Hoppers führt kein Weg zu Joseph Stellas gemalten Fanfaren des Großstadtlebens und von Grant Woods berückend-naiver Landschaftsmalerei keiner in William Henry Johnsons jazzig-expressionistisches Harlem der ehemaligen Sklaven. Es brauchte keinen Präsident Trump, um die innere Zerrissenheit der USA sichtbar werden zu lassen; schon der Malerei der 1920 und 1930er Jahre ist sie anzusehen.

Die Wallraf-Ausstellung endet mit grandiosen Bildern von Arshile Gorky, Adolph Gottlieb, Mark Rothko und Franz Kline und weist mit diesen Helden der Nachkriegskunst den Weg zur Pop-Art im benachbarten Museum Ludwig. Im Grunde ist es ein wehmütiges Finale, denn nichts aus der Vorgeschichte reicht an diesen Triumph heran. Trotzdem sollte man die Ausstellung auf keinen Fall verpassen. Sie hilft uns, eine Wissenslücke zu schließen, die beinahe so groß ist wie der amerikanische Kontinent. Am Ende ist das Wagnis des Museums geglückt: So unvernünftig es war, in diese See zu steigen, hat das Haus doch etwas zu erzählen, was man so schnell nicht mehr vergisst.

Wallraf-Richartz-Museum, Köln: bis 24. März. Der 576 Seiten starke Katalog kostet 39,90 Euro, das Begleitheft 12,90 Euro. www.wallraf.museum.de

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