Fotografie

Eine Wette mit sich selbst

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Eine Schau in Köln zeigt einen Querschnitt durch August Sanders epochale Reihe „Menschen des 20. Jahrhunderts“.

Ziemlich blass um die Nase, mit tiefen Augenringen, aristokratisch hoher Stirn und festem Blick – so sieht er aus, der typische Fotograf der Weimarer Republik. Jedenfalls in den Augen August Sanders, der dieses 1925 entstandene Selbstporträt unter die Aufnahmen seines „Menschen des 20. Jahrhunderts“ getauften Zeitpanoramas schmuggelte. Im Grunde bleibt es bis heute rätselhaft, wie ein Studiofotograf aus Köln-Lindenthal auf die aberwitzige Idee verfallen konnte, einen Querschnitt der Gesellschaft in typischen Gesichtern festzuhalten. Gut 80 Prozent dieses aus Porträts zusammengesetzten „Antlitz der Zeit“ holte Sander aus dem eigenen Archiv – das wohl bedeutendste fotografische Werk des 20. Jahrhunderts ist eine klassische Zweitverwertung. Sogar Sanders Selbstporträt hatte als Passbild für eine Ausweiskarte seinen Platz im Alltagsgeschäft.

Sanders Selbstporträt stand am Anfang seines ebenso ehrgeizigen wie aussichtslosen Unterfangens; es war für ihn zugleich Signatur und Wette mit sich selbst. Und so steht es jetzt auch am Anfang einer Ausstellung, mit der die Photographische Sammlung der Kölner SK Stiftung Kultur einen repräsentativen Querschnitt aus dem „Menschen“-Querschnitt ziehen will. Der Ausstellungstitel „Meisterwerke“ verzichtet auf falsche Bescheidenheit, auch wenn nicht alle der 150 von Sander angefertigten Abzüge gleichermaßen überzeugen. Aber selbst vor einem feixenden Boxer oder dem Tapeziermeister, der in die Kamera schaut, als hätte er einen Geist gesehen, ist man im guten Sinne überrascht.

Man staunt, was der angeblich stets sachlich-strenge Sander seinen „Menschen“ alles durchgehen ließ und wie er sich gelegentlich zum Komplizen offenkundiger Selbstinszenierungen machte. Auf seine Weise ist der dynamische Werbeleiter am Schreibtisch so entlarvend wie der als verfrühter Rockstar posierende Dada-Künstler Raoul Hausmann. Gerade solche Abweichungen vom „Ikonenstil“ der Sander-Klassiker machen einen nicht geringen Teil des schier unerschöpflichen Reizes dieser Ausstellung aus. Und wenn das nicht hilft, gilt die alte Sander-Regel: Die Summe des Werks veredelt ihre Teile.

Nach langen Jahren des Suchens und Wägens hatte Sander schließlich 619 Fotografien in 45 Mappen eingeordnet. In ihnen fand sich jeweils eine gesellschaftliche Untergruppe; der Fotograf fiel zusammen mit Bärentreibern, Zirkusartisten und Conférenciers unter die „Typen und Gestalten der Großstadt“. Zum fahrenden Volk gehörte ja auch Sander, wenn er über die Dörfer zog, um Bauern, den „Stamm“ seiner Menschenauswahl, zu porträtieren. Ausgerechnet an den berühmten Aufnahmen alter Ländler zeigt sich allerdings besonders deutlich, wie wenig repräsentativ Sanders „Menschen“ in Wahrheit waren. Das wachsende Heer der Angestellten und Fabrikarbeiter wird bei ihm mit Mäppchen abgespeist, während Künstler, Handwerker und Bauern nach Zahlen das Land regieren. Die Erklärung ist denkbar einfach: August Sander nahm seine Kundschaft im Fotoatelier als Abbild der Gesellschaft.

Allerdings müsste man schon mit Blindheit geschlagen sein, um Sander allen Ernstes die konzeptionellen Schwächen seines Konzeptkunstwerks vorzuhalten. Sander war ein Meister der Komposition, und offenbar fand er für jeden die richtigen Worte. Vor seiner Kamera fremdeln weder Kinder noch Industrielle, noch Revolutionäre; umgekehrt versteckte er die unsicheren Blicke nicht, mit denen ihm einige Bettlerinnen um 1930 begegneten. Dass Sander sein Scheitern im Kleinen derart souverän vorzeigte, spricht dafür, dass er es auch im Großen als zwangsläufig einkalkuliert hatte.

Die Kölner Ausstellung ist hingegen beinahe zwangsläufig gelungen; schließlich sind in der Photographischen Sammlung mehr Sander-Wissen und Sander-Originale versammelt als an jedem anderen Ort. Einiges von diesem Wissen breiten die Kuratorinnen in materialreichen Vitrinen aus, aber am lehrreichsten ist immer noch der Blick auf die Werke selbst. Sie erzählen davon, dass Sander der „Frau“ schon in den 1920er Jahren einen maßgeblichen Platz in der Gesellschaft zuwies, und dass er sich offenbar freute, wenn eine Putzfrau ihren Besenstiel wie einen Schlagstock umklammert hielt. Auch andere Stellen legen nahe, dass Sander seine Mappen nicht als neutraler Sachverwalter füllte, sondern als teilnehmender Chronist. In der Nachkriegszeit nahm er den Typus „Der Nationalsozialist“ als Teil der „Stände“ in seine Sammlung auf und mit ihm den „Verfolgten“. Diese um 1938 entstandenen Bilder jüdischer Bürger ordnete Sander unter die „Großstädter“ ein – und damit an seine Seite.

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