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Im Jahr 1912 ließ Natalja Gontscharowa Ruderer durchs flache Bild schießen, als wär?s ein zufälliger Ausschnitt.

Natalja Gontscharowa

Eine Russin in Paris

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Die Opelvillen Rüsselsheim widmen sich dem Werk der west-östlichen Malerin Natalja Gontscharowa. Die Bilder geben Gelegenheit, zügig durch fünf Jahrzehnte zu spazieren. Von Judith von Sternburg

Die geläufige Vorstellung von Igor Strawinskys Ballett "Der Feuervogel" als atemberaubendes Ereignis zwischen einer ins Fantastische gedrehten Folklore und einer irrwitzig russisch-ländlichen Avantgarde hat die Künstlerin Natalja Gontscharowa mitgeprägt. Von ihr stammte die Ausstattung zu der unter dem Impresario Sergej Diaghilew realisierten Pariser Erfolgs-Produktion von 1926.

Russland apart

Schon zwölf Jahre vorher hatte Gontscharowa mit Bildern und Kostümen für Rimsky-Korsakoffs "Der goldene Hahn" die Herzen der Franzosen gewonnen. "Könnte die französische Nationaloper reden, hätte sie ,Oh und ,Ah gerufen vor Verwunderung", schrieb ein Augenzeuge. Fortan ließ man sich farbenfrohe Zwiebeltürmchen-Kulissenbilder in die eigene Villa malen und träumte von einem bunten, aparten Russland, das es übrigens auch vor der Sowjetunion so nicht gegeben hatte.

Stattdessen hatte sich Natalja Gontscharowa in Moskau sowohl mit dem Vorwurf der Pornografie und der Gotteslästerung herumquälen müssen. Vor allem, dass ausgerechnet eine Frau mit Aktmalerei hervortrat, sorgte dabei für Empörung. Aber die erste Konfiszierung einiger ihrer Bilder machte die 28 Jahre alte Künstlerin aus adliger Familie 1910 auch auf einen Schlag berühmt. Fortan bildete sie eines der Zentren der russischen Avantgardebewegung: von der öffentlich zur Schau getragenen Gesichtsbemalung (auch für andere interessierte Damen und Herren der Gesellschaft) über die Gründung und lautstarke Verteidigung einer Künstlergruppe namens "Eselsschwanz" bis zu einem höchst produktiven Werk.

Ein kleiner, aber repräsentativer Ausschnitt daraus ist nun im zeitlich vorzüglich passenden Ambiente der Rüsselsheimer Opelvillen zu sehen. Die von Beate Kemfert kuratierte Schau durchsaust die Jahrzehnte, wie es auf den beigegebenen Fotografien auch die Künstlerin selbst tut - seit 1900 an der Seite ihres Kollegen und Geliebten Michail Larionow, den sie erst 55 Jahre später heiraten wird. Sie malt sich milde lächelnd mit gelben Lilien, er malt sie herb und kühn und als würde ihr eine Gabel im Hals stecken. Die Flüchtigkeit des Lebens ist wie üblich ernüchternd, die Beständigkeit der Kunst tröstend.

Chronologisch gehängt geben die Bilder Gelegenheit, zügig durch fünf Jahrzehnte zu spazieren und dabei wenigstens zu ahnen, wie besessen sich Gontscharowa auf ihre jeweiligen Themen stürzte: von primitivistischen Landschaften zu kubistischen (und äußerst energischen) Akten; von Naivität vortäuschenden religiösen Szenen, die schon die späteren Theaterarbeiten vorausnehmen, zu einer langen spanischen Phase (die wiederum durch eine Spanienreise mit Diaghilew und seiner Truppe ausgelöst wurde).

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt sich die einzige Lücke. Dem Künstlerpaar, erfährt man, ging es nicht gut in dieser Zeit, auch wirtschaftlich nicht. Jedoch wurde Gontscharowa alt genug, um ihre eigene Wiederentdeckung noch mitzuerleben. Den Abschluss bilden Teile der Weltraum-Serie, an der sie Ende der fünfziger Jahre - angeregt vom ersten Sputnik-Flug 1957 - arbeitete.

Dass ausgerechnet die jüngsten Bilder mit den futuristischsten Motiven vergleichsweise unmodern und fast schülerhaft wirken, mag ein Beleg dafür sein, dass Natalja Gontscharowa am Ende doch ein wenig aus ihrer Zeit fiel. Ihren Wünschen als Künstlerin folgte sie allemal.

Ihren einst provozierenden Gehalt haben die Bilder ohnehin verloren. Wohlwollend betrachten die Besucher von heute die "Ruderer" von 1912, die in einem von der Fotografie deutlich beeinflussten "zufälligen" Ausschnitt durch das flache Bild schießen. Oder den "Raucher" von 1911, mit dem Gontscharowa in einem eigenwilligen Akt die volkstümliche Tablettmalerei mit kubistischen Formen in Verbindung brachte. Oder das "Frühstück" von 1924, auf dem sich Überreste von französischem Impressionismus mit einem Grosz-würdigen Sinn für die abgründige Hässlichkeit des betuchten Menschen verbindet.

Eine "geniale Satire auf die bürgerliche Familie" nannte das Gontscharowas Freundin, die gleichfalls emigrierte Lyrikerin Marina Zwetajewa. Denn natürlich ist die Ausstellung des Werkes einer im selben Jahr wie Picasso in Tula geborenen und 81 Jahre später in Paris gestorbenen Künstlerin auch ein Stück west-östliche Kulturgeschichte.

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