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Hart an der Wasserkante steht nun Kengo Kumas Museumsbau.

Designmuseum

Eine Klippe aus Stahl und Beton

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Im schottischen Dundee hat Kengo Kuma ein Designmuseum von Weltrang gebaut. Schade, dass die Stadtplaner darauf keine Rücksicht nehmen.

Selbst im milden Herbstsonnenschein wirkt die Innenstadt von Dundee nicht sonderlich einladend. Sankt Marien, die größte Stadtpfarrkirche Schottlands, steht auf drei Seiten eingemauert von einem hässlichen Einkaufszentrum. Die nach dem örtlichen Industriellen James Caird benannte monströse Konzerthalle von 1923 dominiert den weitgehend leeren Stadtplatz. Die Passanten eilen mit gesenkten Köpfen vorbei, als wollten sie vor dem Straßensänger fliehen, der Leonard Cohens „Halleluja“ zu ruinieren versucht.

Dabei gäbe es Anlass für fröhliche Halleluja-Rufe unter der Bevölkerung der 150 000-Einwohner-Stadt in Großbritanniens Nordosten. Schon 2014 wegen der örtlichen Videospiel-Industrie, innovativer Krebsforschung und Comics-Produktion von der Unesco offiziell als „Design-City“ geehrt, bekommt Dundee nun ein dazu passendes Museum von Weltrang. Es liegt kaum 300 Meter vom Stadtplatz entfernt am Ufer des majestätischen Gezeitenflusses Tay: zwei umgedrehte Pyramiden aus rauem Beton und glattem Stahl – der umgerechnet 90 Millionen Euro teure Neubau des japanischen Architekten Kengo Kuma, gleich neben dem imposanten Windjammer RRS Discovery platziert, gemahnt an das Gerippe eines havarierten Schiffes oder an die schroffen Klippen der schottischen Küste.

Bisher stand das architektonisch interessanteste Gebäude am Rand der Stadt. Ein Maggie’s Centre genanntes Begegnungszentrum für Krebspatienten und deren Angehörige geht auf einen Entwurf des US-Amerikaners Frank Gehry zurück. Dessen wohl bekanntestes Gebäude ist der Neubau des Guggenheim-Museums in Bilbao, Herzstück einer kulturellen und stadtplanerischen Erneuerung der nordspanischen Industriestadt. Hatten Dundees Stadteltern also den Bilbao-Effekt im Sinn, als sie Kuma mit dem Bau des Designmuseums beauftragten?

So explizit will es niemand sagen, und der 64-Jährige selbst geht der Frage diplomatisch aus dem Weg. Bilbao habe ein „glänzendes Wahrzeichen“ erhalten; sein Auftrag aber sei gewesen, eine Verbindung herzustellen zwischen der alten Innenstadt und dem vernachlässigten Uferstreifen. Ausdrücklich spricht er von „Respekt für die Nachbarn“, vom Einpassen seines Gebäudes in die Umwelt.

Freilich sah der ursprüngliche Wettbewerbsentwurf 2010 ein frech in den Gezeitenfluss platziertes Bauwerk vor. Technische und finanzielle Probleme zwangen zur Rückpositionierung an der Wasserkante. Ein Hallenbad und ein hässlicher Betonkasten, der die Stadtverwaltung beherbergte, mussten dem Neubau weichen. 

Nun duckt sich das Museum in den stets zu heftigen Böen neigenden schottischen Wind und spiegelt sich, wenn auch nicht mehr im Wasser der Nordsee, so doch in flachen, rund um das Gebäude angelegten Teichen. Fehlende Höhe haben der Architekt und sein Team mittels neuester Technik mit freitragenden, bis zu knapp zwanzig Meter über das eigentliche Fundament hinausreichenden Auslegern ausgeglichen. Einer ragt wie ein Schiffsbug in den Fluss hinein.
Drinnen erwartet den Besucher eine bemerkenswert großzügige offene Halle mit Ausblicken aufs Wasser – gedacht als „Wohnzimmer für die Stadt“ (Eigenwerbung), für das sich Kumas Projektarchitekt Maurizio Mucciola von den „gemütlichen kleinen Stadtplätzen“ seiner italienischen Heimat inspirieren ließ.

Wie an der Außenfassade die unregelmäßig langen Betonplatten, so sind an einer Seite des Innenraums in unterschiedlichen Winkeln stehende Holzbretter atriumartig aufgestellt. Hoffentlich haben die Kuratoren eine Strategie entwickelt, wie sie unternehmungslustige Kinder am Erklettern der Wand hindern wollen. Um die Halle zieht sich eine Treppe zu den Ausstellungsräumen im Obergeschoss; deren Stufen sind wie der Hallenboden selbst mit grandiosem dunkelblauem Kalkstein belegt, in dem Fossilien sichtbar sind.

Im Obergeschoss verfügt das Haus nun über 1100 Quadratmeter Fläche für wechselnde Ausstellungen; weitere 550 Quadratmeter sind einer dauerhaften Hommage an schottisches Design gewidmet. Da kommt nun Museumschef Philip Long und seinem Team zugute, dass ihr neues Haus offiziell V&A Dundee heißt und in Kooperation mit dem Londoner Mutterhaus geplant wurde. Das Londoner Victoria und Albert Museum, kurz V&A, benannt nach der Monarchin des 19. Jahrhunderts (1837-1901) und ihrem 1861 verstorbenen deutschen Ehemann, beherbergt „das weltweit führende Museum für Kunst und Design“, wie es in der unbescheidenen Selbstbeschreibung heißt: ein Mischmasch aus Bildhauerei und Malerei, Zeichnungen und Keramik, Kunstgewerbe und Handwerk – und alles auf höchstem Niveau.

Bei einer kürzlichen Inventur fanden die Kuratoren 12 000 Einzelstücke mit einer Verbindung nach Schottland. 300 davon füllen nun die Räume in Dundee, von einer frühmittelalterlichen Heiligendarstellung über Cartoons aus der vor Ort erdachten Kinderzeitschrift „The Beano“ bis hin zu jüngsten Videospielen – die örtliche Abertay-Universität war die weltweit erste Bildungseinrichtung, die einen Abschluss für die neue Kunstform und mittlerweile milliardenschwere Branche anbot. 

Für die Schotten selbst, aber auch für an Design interessierte Menschen aus aller Welt hat das originalgetreu nach Entwürfen des berühmten Architekten Charles Rennie Mackintosh restaurierte Eichenzimmer hohe emotionale Bedeutung – nicht zuletzt seit die nach Mackintoshs Designvorstellungen gebaute Glasgower Kunsthochschule durch zwei Brände schwer beschädigt wurde, wie der verantwortliche Designer Adam Zombory-Moldovan von der Londoner Firma ZMMA erläutert. Aber ohne Tische und Stühle, ohne plaudernde Gäste und brodelnde Teekessel wirkt der für kommunikativen Konsum gedachte Raum merkwürdig leer.

Innen wie Außen stellt das V&A Dundee eine Augenweide dar. Freilich verläuft direkt vor dem neuen Haus eine vierspurige Straße mit dem schönen Namen Esplanade (wörtlich: freier Platz), entsteht direkt gegenüber ein fünfstöckiger Kubus für ein Hotel, Geschäfte und Restaurants. Das Gebäude überragt das gezackte Museum und zerschneidet den Durchblick auf die Innenstadt. Offenbar besitzen Dundees Stadtplaner mehr Humor als Feingefühl. Architekt Kuma, darauf angesprochen, wendet erneut alle Diplomatie auf: „Hoffentlich kann das ganze Areal zusammenwirken.“

An diesem Wochenende heißt die Stadt ihr neues Wohnzimmer mit einem Musikfest willkommen, Trend-Websites haben Dundee für 2018 auf die Liste der weltweit tollsten Ziele gesetzt. Ob aber der Boom andauert, den Kuma durch seinen Neubau ausgelöst hat? Das dürfte davon abhängen, ob auch in Zukunft genug Architektur- und Design-Begeisterte den Weg in Schottlands Nordosten finden – und ob die Stadtplaner zukünftig nachhaltiger Entwicklung den Vorrang geben vor zweckmäßigen Konsumtempeln und dem Autoverkehr.

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