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Gleich passiert bestimmt etwas. Surreale Besucher in der Frankfurter Schirn.

Bruno Gironcoli

Eine Invasion

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Bewegter Stillstand: Die Schirn in Frankfurt stellt „Prototypen“ des Österreichers Bruno Gironcoli vor.

Das sind Raumschiffe, Rieseninsekten, Monsterdrohnen, Fabrikmaschinen und überhaupt plastisch, Plastik gewordene Albträume. Hier werden Babies fabriziert, ver- oder entsorgt, möglicherweise wird auch Suppe ausgegeben – und man will nicht wissen, was das für Suppe sein könnte – oder Wein gekeltert.

Denn das sieht nicht nur schrecklich schön und fantastisch aus, fantastisch durchaus im Sinne eines penetranten Fantasyromans – in dem Nacktheit und Technik, Körper und Metall in irgendwelche unwahrscheinliche, nicht zuletzt sexuelle Fantasien anregende Zusammenhänge gestellt werden –, fantastisch aber auch im Sinne einer durchgeknallten, aber denkbaren Jules-Verne-Maschine. Nein, es sieht auch nützlich aus. Man denkt sich gleich, man müsste es für etwas verwenden können. Man denkt überhaupt, man würde sich auskennen. Aber von Nützlichkeit kann keine Rede sein. Im Gegenteil wird nichts in der Welt das scheinbar so losstürmerisch auf vier „Rollen“ stehende kopflose Silberwesen unbeschadet in Bewegung setzen. Und wenn es um die Skulpturen des 1936 in Villach geborenen, 2010 in Wien gestorbenen Österreichers Bruno Gironcoli geht, erzählen die Beteiligten zunächst von den Mühen des Transportes.

Oder von dem Triumph, ein Teil schließlich mit einem Zentimeter Platz links und rechts durch den betreffenden Durchgang bekommen zu haben. Oder von der Sorge, dass etwas kaputtgehen könnte. In Budapest musste einst eine Mauer eingerissen werden, um einen Gironcoli ins Gebäude zu hieven, erzählen Gironcoli-Experten oft und gerne. Kuratorin Martina Weinhart kann ergänzen, dass die Ungarn nicht falsch gemessen hatten, sondern der Künstler das Werk in der Zwischenzeit wieder verändert hatte.

Denn was hier zu sehen ist, war immer ein vorläufiger Zustand, der erst durch Gironcolis Tod endgültig wurde. Und jetzt Spuren der Zeit zeigt. Gironcoli, erzählt Weinhart, pflegte seine Skulpturen in der Ausstellung einfach noch einmal überzustreichen. Auch sind sie nicht nur herrlich unnütz, sie sind auch fragil. Massiv wirken die Objekte nur, weil sie gold-, silber- oder kupferfarben angemalt wurden (mit billiger Farbe aus dem Baumarkt, so Weinhart). Darunter stecken überspachtelte Metall- und Holzstücke (ebenfalls aus dem Baumarkt, so Weinhart), sämtliche Bestandteile und Formen in Handarbeit hergestellt. Letzteres ist angesichts der Vorliebe für sich wiederholende Elemente – Scheiben, Croissants, Babies – kaum zu glauben.

In Österreich, versichern Schirndirektor Philipp Demandt und Kuratorin Weinhart, sei Gironcoli so bekannt wie Klimt oder Kokoschka. In Deutschland unternimmt die Schirn Kunsthalle jetzt den Versuch, ihn dem Publikum mit den großen Objekten des Spätwerks näherzubringen. Sechs „Prototypen“ aus dieser Phase, für Weinhart das „absolut zentrale Hauptwerk“, sind zu sehen: ein Objekt, der einzige Guss, bereits draußen in der Rotunde, fünf in einem ausnahmsweise sonnendurchfluteten Saal. Denn die Schirn zeigt sich hier gegen ihre Gewohnheit mit unabgehängten Fenstern und wirkt wie neu. Ausgeliehen wurden die surrealen Besucher (Invasoren) aus dem Gironcoli Museum in Schloss Herberstein sowie aus Wien, dem Belvedere und dem Strabag Kunstforum. Man dürfe nun bitte nicht glauben, die Auswahl sei lediglich dadurch zustandegekommen, dass die Objekte in das Haus passten, sagt Weinhart, aber „die Logistik war ein nicht zu vernachlässigender Faktor“.

Den Begriff „Prototypen“ verwendete der Künstler selbst, was zu dem reizvollen Ausstellungstitel „Prototypen einer neuen Spezies“ führte. Seit 1977 arbeitete er daran. Damals wurde er Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien, erwarb sich finanzielle Unabhängigkeit, betont Weinhart, und hatte großzügige Atelierräume zur Verfügung. In einem Film lernt man einen nachdenklichen Mann kennen, der sich eher skeptisch über seine vorangegangenen malerischen Arbeiten äußert. Im Grundieren, sagt er, sei er aber gut gewesen.

Gironcoli mag ein Solitär in der Kunst sein. Schaurige Facetten des Sci-Fi-Genres („Aliens“) sind aber nicht Lichtjahre entfernt. Weinhart zitiert noch einmal den Künstler: Seine Objekte spiegelten das Dunkle im Gestern und im Morgen, die Arbeit daran aber sei das kurze angstfreie Jetzt.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 12. Mai. Der Katalog (Distanz Verlag) kostet in der Ausstellung 20 Euro. www.schirn.de

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