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„Der Leichnam Christi im Grabe“ von Hans Holbein d.J.
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„Der Leichnam Christi im Grabe“ von Hans Holbein d.J.

Fronleichnam

Eine göttliche Komödie

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Zu Fronleichnam eine Betrachtung des Gemäldes von Christus im Grabe, das Hans Holbein d. J. malte.

Morgen ist Fronleichnam. In Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und im Saarland ist das – anders als zum Beispiel in Italien – ein gesetzlicher Feiertag. Fronleichnam heißt so viel wie „Leib des Herrn“. Der Legende nach verdankt der Festtag seine Entstehung der Vision einer Nonne. Sie hatte den Mond gesehen und eine dunkle Stelle auf ihm. Christus erklärte ihr, der Mond bedeute das Kirchenjahr, und die dunkle Stelle zeige, dass es eine Lücke im Festkalender gab.

Die wurde schleunigst geschlossen, und zwar mit dem Fest der leiblichen Gegenwart Christi im Abendmahl. Die war gerade auf dem vierten Laterankonzil im Jahre 1215 mit der Transsubstantiationslehre zum Dogma erhoben worden. Tausend Jahre war das Christentum ohne diese Magie ausgekommen. Von nun an war es ein Verbrechen zu glauben, man nehme Brot und Wein zu sich, wo man doch in Wahrheit – so die allein seligmachende Lehre – den Leib Christi und sein Blut verzehre.

Vor 500 Jahren malte Hans Holbein der Jüngere (1497–1543) den Leichnam Christi: Öl und Tempera auf 30,5 × 200 Zentimeter Lindenholz. Das Bild gelangte wegen des Baseler Bildersturms wohl niemals an den für es vorgesehenen Ort. Es blieb im Privatbesitz der Familie des vermutlichen Auftraggebers Bonifacius Amerbach und ging erst im 17. Jahrhundert in den der Stadt und der Universität über. Im 19. Jahrhundert gehörte es zum Grundstock der Sammlung des Basler Kunstmuseums, wo sich das Bild heute befindet, wo Dostojewski es 1867 sah und angeblich so ergriffen davon war, dass seine frisch angetraute Gattin ihn davon zurückziehen musste, weil er kurz davor war, einen epileptischen Anfall zu bekommen. Für das 19. Jahrhundert war das Bild ein Schock, eine Geschmacklosig-, ja mehr noch eine Ungeheuerlichkeit. Man betrachte nur „Christus, den Tröster“ von Bertel Thorvaldsen aus dem Jahre 1838, und man begreift, wie weit der Fortschritt des 19. Jahrhunderts, der auch einer in Verlogenheit war, sich vom Holbein’schen Realismus entfernt hatte.

Beleg für den Unglauben?

Aber es gibt auch heute noch Kunsthistoriker, die betrachten Holbeins Baseler Christus aus dem Jahre 1521 als Beleg für dessen Unglauben und weisen darauf hin, dass der Meister, der ja von 1532 an fest in England als einer der begehrtesten Porträtisten arbeitete, seit 1530 kaum noch religiöse Bilder gemalt habe.

Der das 19. Jahrhundert so erschreckende Realismus der Darstellung wird zu seiner Zeit aus theologischen Gründen gefordert. Gott ist Mensch geworden. Er ist ganz Mensch. Er stirbt und verwest als Mensch. Die Auferstehung ist ihm nicht anzusehen. Sie ist Zeichen und Wunder. Im geschundenen und gefolterten Menschenleib ist der Gott gerade nicht zu erkennen. Das ist die Botschaft.

Der langjährige Kurator im Frankfurter Städel, Jochen Sander, sieht das anders. Er schreibt: „Der Oberkörper scheint sich emporzuwölben, die Muskeln und Sehnen von Armen und Beinen wirken angespannt, der grausige Kopf mit den verdrehten Augen und dem klaffenden Mund vermittelt durch die leichte Wendung zum Betrachter und die über die Nischenfront herabfallenden Haarsträhnen auf paradoxe Weise den Eindruck von Bewegung. Gleiches gilt für die Rechte, die gleichfalls über die Nischenkante herüberzugreifen scheint, und deren ausgestreckter Mittelfinger das dünne Leichentuch nach vorne geschoben hat.“ Hinweise, so Sander, „auf eine rätselhafte Belebung des Toten“. Sanders Schilderung aus dem Jahre 2005 hat profitiert von Vampirfilmen, die sich sicher auch von Holbein hatten inspirieren lassen. Wir alle kennen jene Einstellungen, bei denen man sieht, wie dünne Finger sich zwischen Sarg und Sargdeckel schieben.

Doch den Glauben fördernd?

Papst Franziskus erkennt die den Glauben fördernde Funktion des Bildes, ganz ohne Zeichen der Auferstehung in ihm selbst zu benennen. Er erklärte in seiner Enzyklika „Lumen fidei“ („Licht des Glaubens“):

„Das Gemälde stellt auf sehr drastische Weise die zerstörende Wirkung des Todes auf den Leichnam Christi dar. Und doch wird gerade in der Betrachtung des Todes Jesu der Glaube gestärkt und empfängt ein strahlendes Licht, wenn er sich als ein Glaube an Jesu unerschütterliche Liebe zu uns erweist, die fähig ist, in den Tod zu gehen, um uns zu retten. An diese Liebe, die sich dem Tod nicht entzogen hat, um zu zeigen, wie sehr sie mich liebt, kann man glauben; ihre Totalität ist über jeden Verdacht erhaben und erlaubt uns, uns Christus voll anzuvertrauen.“

Auf dem Bild ist 1521 als Entstehungsjahr angegeben. Röntgenaufnahmen zeigen, dass diese Datierung in 1522 geändert worden war, dann aber wieder zur früheren Angabe zurückgekehrt wurde. Damit einher gingen andere Änderungen, die mit der von Hans Holbein wohl angestrebten archäologischen Korrektheit zu tun hatten. Der Leichnam Christi sollte liegen wie er in der Nische einer Katakombe gelegen hätte. Holbein hatte den Körper zunächst in einen gerundeten Raum gelegt. Der rechteckige der jetzigen Fassung soll den verbesserten Kenntnissen über die römischen Katakomben folgen.

Christi Kopfhaar und einige Finger seiner rechten Hand ragen aus der Nische heraus – gewissermaßen in den Lebensraum des Betrachters. Aber damit ragt der Betrachter auch hinein in die Gegenwart Christi. Er wird hinübergeholt zu ihm, der freilich eine Leiche ist. Die Erlösung sieht man ihm ja nur an, wenn man über die Augen von Jochen Sander verfügt. Die Erlösung ist für uns andere, auch für Papst Franziskus, nicht zu sehen. Sie ist ein Konzept. Glaube ist Concept-Art.

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