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"Sit in China": Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt bis zum 31. Januar 2010 außergewöhnliche chinesische Sitzmöbel.
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"Sit in China": Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt bis zum 31. Januar 2010 außergewöhnliche chinesische Sitzmöbel.

"Sit in China" im Frankfurter MAK

Eine besonders schöne Lektion

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Nichts ist einfach da. Alles hat eine Geschichte, auch der Stuhl. Er wurde vor 2000 Jahren in China geboren. Das Frankfurter MAK widmet der Sitzgelegenheit eine Ausstelung. Von Arno Widmann

Der Laie wird sie vielleicht übersehen: die Ming Stühle in der Ausstellung "Sit in China", im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Der Kenner steht verzückt davor, weist auf ihre Schlichtheit, auf ihre konzentrierte Eleganz und die sorgfältige Verarbeitung auch der kleinsten Details hin. Sie sind etwa 300 Jahre alt und Sammler geben dafür 350.000, gar 500.000 Euro aus.

Wer sich durch die Ausstellung führen lässt, dem wird auch erklärt, dass diese Stühle paarweise geschreinert wurden. Auf ihnen empfing das Grundbesitzerpaar Gäste und Untergebene. Einer der großen Sammler solcher Stühle, Ignazio Vok aus Triest, Leihgeber dieser Ausstellung, beantwortet im Katalog die Frage: "Warum erwirbt (sammelt) man einen außergewöhnlichen Stuhl?" Er schreibt: "Der Stuhl soll von allen Seiten ,schön sein. Der Stuhl ist eine Skulptur!"

Die Ausstellung stellt die kostbaren Ming-Stühle neben so genannte "bastard chairs". Das sind Sitzgelegenheiten, die sich die Menschen zusammenbasteln, um am Straßenrand oder vor der Haustür sitzen zu können. Raffiniertestes Handwerk neben aus Industrieabfall zusammengestoppelten Sitzen, die zeigen, wie erfindungsreich Menschen sein können, wenn sie etwas wirklich wollen. Es ist nicht ohne Komik, wenn man den Rest eines Sessels sieht, dessen blaue Polsterpracht auf Backsteinen aufgebockt wird, damit ein Stuhl entsteht. Nichts, das nicht von der Müllhalde geholt und weiter verwendet würde.

Die erste chinesische Darstellung von Stühlen ist 2000 Jahre alt. Es sind Throne. Erst 800 bis 900 Jahre später kommen Stühle in allgemeinen Gebrauch. Es ist der Buddhismus, der mit dem thronenden Buddha den Stuhl in China populär machte. Davor saß auch der wichtigste Mann meist einfach auf einer Bodenmatte. Der Stuhl mit Rücken- und Armlehne scheint eine Entwicklung erst des 9. Jahrhunderts zu sein. Nichts ist einfach da. Alles hat eine Geschichte. Man weiß das, aber es für eine so elementare Handlung wie das Sitzen vorgeführt zu bekommen, ist eine besonders schöne Lektion.

Die Ausstellung zeigt nicht nur Sitzmöbel, die Jahrhunderte später von Sammlern zu Kunst erklärt wurden, sie zeigt auch heutige Kunst, die mit Stühlen arbeitet. Die Arbeiten von Shan Fan zum Beispiel. Er dekonstruiert die Shaker-Schönheit der Ming-Stühle. Er imitiert alte Stücke in billigem Holz, nimmt sie auseinander, fügt ihnen eine Acryl-Fläche hinzu und baut sie neu zusammen. So entstehen Skulpturen, die man nicht mehr als Stühle verwenden kann, die aber ironisch die Eleganz des Ming-Mobiliars zitieren. Wer wissen will, wie die Neureichen Chinas ihre Heime auspolstern, wird in der Schau ebenfalls auf seine Kosten kommen.

"Sit in China" arbeitet aber auch viel mit Abbildungen. Die nachgemachten Stühle der europäischen Design-Avantgarde zum Beispiel wurden nicht eingeflogen. Sie sind nur auf Fotos vertreten. Fotos zeigen auch wie wichtig der Stuhl, der Sessel vor allem, für die Präsentation der Macht in der Volksrepublik China war. "Chairman Mao" - Mao zhuxi - war der Titel Mao Tse-tungs, also einer, der auf einem Stuhl - meist war es ein dicker, breiter Polstersessel - sitzt.

Im Katalog wird man darüber aufgeklärt, dass der chinesische Terminus zhuxi eigentlich so etwas bedeutet wie die "Wichtig-Sitzmatte". Er verweist also noch auf die Zeit vor der Bestuhlung Chinas. Auch an Ai Weiweis 1001 Stühle aus China mit den 1001 Menschen aus China wird erinnert. Ai hatte 2007 nicht nur 1001 Chinesen auf die Documenta nach Kassel gebracht, sondern ebenso viele Ming-Stühle, die dann das Stück für 3000 Euro - wir sehen es handelte sich um mindere Ware - verkauft wurden. So finanzierten die Stühle die Menschen.

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