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"Frau mit durchschnittener Kehle", 1932.

Alberto Giacometti

Eine Besessenheit

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Obsession und Wandel: Die opulente Giacometti-Retrospektive in der Londoner Tate Modern präsentiert die berühmten und die weniger bekannten Seiten im Werk des Schweizer Künstlers.

Um das Großartige an der neuen Ausstellung in der Londoner Tate Modern gleich deutlich zu machen: Den Kuratorinnen ist annähernd perfekt ein Gleichgewicht geglückt zwischen dem weltweit bekannten Schaffen Alberto Giacomettis (1901-66) und dessen eher unbekannten, dabei nicht weniger eindrucksvollen Kunstwerken.

Die langen, schlanken Skulpturen haben einen starken Wiederkennungswert weit über die Grenzen seines Geburtslandes, der Schwiz, hinaus. Die Gefahr des allzu Vertrauten liegt auf der Hand: dass sich der Betrachter gelangweilt abwenden könnte. Wie falsch das wäre, stellt sich spätestens nach der Hälfte der Giacometti-Retrospektive heraus: Da steht man acht Figuren aus der berühmten „Frauen von Venedig“-Serie gegenüber, die seit ihrer Präsentation auf der Biennale 1956 nicht mehr gemeinsam zu sehen waren. „Der sie umgebende Raum vibriert“, schrieb Giacomettis Freund Jean Genet während des Entstehungsprozesses. Eine Ahnung davon ist auch hier noch zu spüren – unmittelbarer als viele Bronzegüsse geben die Gipsfiguren einen Eindruck von der scheinbar nicht enden wollenden Handarbeit des Meisters. Zwei von ihnen bekommen durch die Bemalung mit dunkelrot-schwarzen Linien zusätzliche Lebendigkeit.

Es gehe nicht um eine wahrheitsgetreue Abbildung der Realität, hat Giacometti gesagt; er wolle eine Realität schaffen, „deren Intensität dem Leben gleicht“. Was er damit meinte, zeigt der 16-minütige Ausschnitt aus einem Film von Ernst Scheidegger und Peter Münger: Mit ungeheurer Intensität arbeitet der kettenrauchende Künstler an einer Büste und spricht dabei über seine Arbeit: Erfolg habe er eigentlich nur im Scheitern. Aber was für ein Scheitern! Und welche Breite des Schaffens! Der älteste Sohn eines spätimpressionistischen Malers zeigte schon als Schüler sein großes Talent, und blieb produktiv bis ans Ende seines knapp 65-jährigen Lebens. Das zeigen die Ausstellungsmacherinnen programmatisch gleich im ersten Raum. Dort sind 24 Büsten aus knapp 50 Jahren künstlerischer Tätigkeit versammelt – ein Wald unterschiedlicher Menschen in unterschiedlichem Material aus den diversen künstlerischen Phasen, vom „Kopf eines Kindes“ aus dem Jahr 1917 bis zu „Annette“, seiner Frau, aus dem letzten Lebensjahr.

Der menschliche Körper sei „sehr, sehr wichtig“ gewesen für Giacometti, sagt Ko-Kuratorin Catherine Grenier von der Pariser Giacometti-Stiftung, „der Kopf war eine Obsession“. Unheimlich in seiner Brutalität etwa die abstrakte Skulptur „Frau mit durchschnittener Kehle“ (1932), eine Leihgabe der schottischen Nationalgalerie. Die grotesk verlängerte „Nase“ (ca. 1947) erinnert an diese surrealistische Phase. Der Gipsabdruck gehört zu mehreren Werken im Besitz der Pariser Stiftung, die noch nie öffentlich zu sehen waren.

Büsten und Ölgemälde, die seinen Bruder Diego zeigen, ziehen sich durch die Lebensphasen und damit auch durch die unterschiedlichen Ausstellungsräume. Diego, von 1943 an seine spätere Frau Annette, in den letzten Lebensjahren noch die Geliebte Caroline – Giacometti wandte sich immer wieder den gleichen Modellen zu und hielt an seinem Interesse am menschlichen Körper, insbesondere dem Kopf, fest. Diese Besessenheit verfolgte den Erwachsenen durch sein überwiegend in Paris verbrachtes Künstlerleben, in dem es Phasen des Kubismus und Surrealismus gab, auch Zeiten der Beschäftigung mit altägyptischer sowie „primitiver“ Kunst – also längst nicht nur die Stabmenschen der Spätphase. Weitgehend der Chronologie seines knapp 65-jährigen Lebens folgend wirft jeder Raum ein Schlaglicht auf entscheidende Momente. Mehr als 250 Stücke sind zu bewundern – hinter der großen Ausstellung steckt die ganze Kraft der Tate Modern, schließlich fungierte Direktorin Frances Morris als Ko-Kuratorin.

Die schlanken, ja ausgemergelten Figuren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weckten bei den vielfach selbst noch hungernden Zeitgenossen die auf der Hand liegenden Assoziationen. Beim ersten Hinsehen, schrieb Jean-Paul Sartre in einem berühmten Essay für eine Ausstellung im Jahr 1948 in New York, fühle man sich an Figuren aus dem KZ Buchenwald erinnert: „Aber dann erheben sie sich zum Himmel.“

Tate Modern, London:  bis 10. September. tate.org.uk

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